Es war einmal ein kleiner dicker Mann, der sagte immer: Ich bin glücklich. Und wenn die Leute ihn fragte: „Ja wieso denn?“, da schmunzelte er nur und klopfte mit seiner rechten Hand an seine Brust. Dort trug er – das muß aber ein Geheimnis bleiben zwischen dir und mir - in einer Tasche eine Bohne mit sich herum. Natürlich war das eine besondere Bohne. Abends, wenn er in‘s Bett ging, nahm er sie behutsam aus dem lila Stoffbeutel, in dem sie ruhte, heraus. Er hauchte sie an und polierte sie mit einem dunkelgrünen Samttuch, solange, bis sie so glänzte, dass der Mond sich in ihr spiegelte. Dann ging er ins Bett, legte die Bohne auf seine Brust und schaute und schaute auf das Spiegelbild des Monds und war glücklich.
Eines Abends, als er wieder das Spiegelbild des Monds betrachtete, hatte er auf einmal den Eindruck, dass der Mond die Augen zu ihm aufschlug. Schnell polierte er die Bohne mit seinem Seidentuch nach, aber da hatte der Mond seine Augen schon wieder geschlossen. Seitdem war der kleine dicke Mann am Abend unruhig, wenn er in‘s Bett ging, und durch das dauernde Nachpolieren, so kam es ihm vor, wurde die Bohne schon dünner. Und dann geschah es: als er eines Abends die Bohne schon unter sein Kopfkissen legen wollte, wie jeden Abend, da öffnete der Mond nicht die Augen sondern den Mund und flüsterte in einer seltsamen Seidenpapierstimme: „Sehnsucht“. Darüber war der kleine dicke Mann so verwirrt, dass er rasch aufstand, ans Fenster trat und zu dem wirklichen Mond hochblickte. Doch der blieb stumm.
So vergingen einige Tage und der kleine dicke Mann hatte das Gefühl, dass er nicht mehr so glücklich war wie früher und zögerte die Stunde, da er ins Bett ging hinaus, jedean Tag ein kleines bisschen mehr, und eines Abends stand er sogar wieder auf, kleidete sich an und verließ sein Haus. Da er am Ufer eines Flusses wohnte, setzte er sich auf eine Bank und schaute auf die zuckende Spiegelung des Mondes im Wasser und grübelte und grübelte, was der Mond wohl gemeint haben konnte. Er kam nicht drauf. Es wurde kühl und feucht, und der Mond war auch schon hinter einer Wolke verschwunden, da erhob sich der kleine dicke Mann, um wieder in sein Bett zurückzukehren. Da hörte er von der Nebenbank einen kleinen zarten Seufzer. Erstaunt blickte er hin und sah in der Dunkelheit ein Mädchen. Er ging zu dem Mädchen hin und fragte vorsichtig – er wollte sich nicht aufdrängen – „Hast du vielleicht eben geseufzt?“ Das Mädchen gab keine Antwort, sondern seufzte noch einmal. „Darf ich mich dazusetzen?“, fragte der kleine dicke Mann und das Mädchen nickte. Sie war schön; soviel konnte er in der Dunkelheit erkennen. Nun saßen sie eine Weile stumm nebeneinander und der kleine dicke Mann überlegte, welche Frage er jetzt stellen sollte, denn er wollte dem Mädchen helfen. Da fiel ihm ein, dass man am besten immer zuerst fragt: „Wie heißt du?“ und das tat er dann auch. Erst als der kleine dicke Mann das Mädchen dreimal gefragt hatte, wie es denn heiße, machte es den Mund auf und sagte: „Sehnsucht“. Ihre Stimme war so weich wie eine Klarinette,- so kam es dem kleinen dicken Mann wenigstens vor. Obendrein meinte er, aus dem einen Wort eine ganz lange Melodie heraushören zu können.
Nun ist es schon recht spät und wir müssen mit unserer Geschichte zu Ende kommen, bevor uns der Schlaf überrascht.
Der kleine dicke Mann nahm das Mädchen mit nachhause und sagte: du kannst in meinem Bett neben mir schlafen, wenn du magst und das Mädchen mochte. Und weil es in seiner Wohnung nicht mehr so dunkel war wie drunten am Fluss, da sah der kleinen dicke Mann nun auch, dass sie sogar wunderschön war. Und er spürte, wie von seinem Herz aus etwas Warmes und Wohliges durch seinen ganzen Körper rieselte, fast bis in die Spitzen seiner Haare. Und er zeigte ihr seine Bohne und als sie gemeinsam das Spiegelbild des Monds angeschaut hatten, da schob er die Bohne nun unter ihr Kopfkissen, damit sie von ihm träumen könnte. Und das hat sie dann auch gemacht und von der Nacht an blieben sie beisammen und wechselten immer ab: in der einen Nacht durfte der kleine dicke Mann die Bohne unter sein Kopfkissen schieben, dann träumte er von dem schönen Mädchen und in der folgenden Nacht war dann wieder das schöne Mädchen dran mit der Bohne.
Ja und so geht es weiter bis auf den heutigen Tag oder besser: die heutige Nacht, nur dass sie ein Kind bekommen haben, und nun liegt in jeder dritten Nacht die Bohne unter dem Kopfkissen des Babys. Jetzt aber husch geschlafen!! Gute Nacht.
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Samstag, 18. Dezember 2010
Mittwoch, 10. Februar 2010
Mezza Luna
oder
Die wahre Geschichte von der Frau im Mond
für Karina
für Emma
für Marie
und ein bisschen auch für mich
(meinetwegen auch für dich)
1. Der Besuch oder
wenn hungrige Heuschrecken kommen
bleibt nichts auf dem Teller
Sitzt ihr bequem? Du auch? Das ist gut. Und nun wackelt bitte nicht mit dem Stuhl, sonst bringt ihr mich draus; die Geschichte ist nämlich ganz schön aufregend.
Also – an einem regenschönen Abend im März war es wieder einmal so weit: sie durften zu Besuch kommen. Wer? Na wer schon! Das ist aber echt eine vorlaute Frage! Zwischen dem südlichsten Nordpol und dem nördlichsten Südpol kennt die zwei doch jeder und ihr wollt mir weismachen, dass ihr noch nie was von ihnen gehört habt? Seltsam, sehr seltsam. Na ja, jeder macht mal einen Fehler, nicht nur die Doofen. Also dann sag ich’s euch halt.
Meine Geschichte handelt von den vier vermutlich allernettesten Menschen in der ganzen Welt, unge-schwindelt ehrlich! Und leider auch von dem bestimmt widerlichsten Kerl der ganzen Welt. Der war so unangenehm, so ekelig, so unverschämt, dass man ihn lieber nicht kennen lernen mochte. Aber danach hat das Monster leider nicht gefragt.
Beginnen wir mit den vier Guten. Das waren: Marie die Gießkanne, Emma die Zwitscherschwalbe, Heinz der Karottenpfurz und Oli-KöKa, die Hauptperson, um deren Entführung sich alles dreht. Was denn? Sehe ich schon wieder Fragenzeichen in euren Augen? Oje.
Am besten stell ich sie euch der Größe nach vor: Da ist zuerst Marie die Gießkanne. Sie heißt so, weil sie alle sieben Minuten und 16 Sekunden zur Toilette geht und einen einzigen glasklaren Tropfen pinkelt. Der klingt, als würde eine Perle auf ein Silbertablett fallen: plinks, oder znicks oder plillt oder so ähnlich, ihr habt ja selber Ohren und vielleicht sogar ein bisschen Phantasie. Warum so oft, fragt ihr, warum so wenig, denkt ihr. Weil sie sich so gern zur Toilette begleiten lässt, da muss sie sparsam sein mit ihren Tröpfchen.
Dann haben wir Emma, die Zwitscherschwalbe. Sie kann viel, ziemlich viel sogar, aber eins kann sie nicht: den Schnabel halten. Sie redet und redet und wenn alle meinen, nu isse fertig, da fängt sie von vorne an. Wenn die Sonne aufgeht fängt sie an zu zwitschern und wenn die Sonne untergeht, ach, da hört sie immer noch nicht auf zu zwitschern. Von ziemlich früh bis ziemlich spät zwitschert sie Wörter. Lange Wörter, kurze Wörter, schöne Wörter, fiese Wörter, kluge Wörter, blöde Wörter. Das mach ihr erst mal nach.
Das sind also die zwei Supergirls in meiner Geschichte. Eltern? Natürlich haben die auch Eltern: die Mutter hat rote Haare, der Vater grüne, oder keine oder umgekehrt, spielt aber keine Rolle in meiner Geschichte, lenkt mich bitte nicht ab. Ihr kennt ja noch gar nicht die dritte Person meiner Geschichte.
Der dritte Held meiner Geschichte ist Heinz der Karottenpfurz. Bitte keine Kommentare zu seinem Namen! Den hatten die zwei Supergirls an dem Abend kennen gelernt, als sie wieder mal zu Besuch zur Oli-KöKa kommen durften.
Zuerst dachten sie: den brauchen wir nicht. Als er ihnen aber zeigte, dass er Lichtausblasen konnte; also nicht eine Kerze, das kann ich auch, nein: richtige elektrische Lampen auspusten, da dachten sie: Den schauen wir uns mal genauer an. Tatsächlich konnte er noch ein bisschen mehr. Zum Beispiel den Apfeltrick: machen, dass ein ganzer Apfel erst halb und dann ganz gegessen ist, äh, das kannst du auch, na ja. Vielleicht kein Zaubertrick. Aber ein paar echte Zauberkunststücke hatte er schon drauf, auch wenn es sich öfter mal verzauberte und dann gab’s ein ziemliches Durcheinander. Zum Beispiel beim Trick mit den schwebenden Eiern, oder der weinenden Bratwurst oder dem träumenden Büchsenöffner. Übrigens möchte er nicht, dass ich darüber rede, schon gar nicht, wie er das macht. So was kann ein Zauberer nicht ausstehen. (Das mit dem Apfel geht übrigens so, dass – ach nein, ich hab’s ihm versprochen. Unter uns: manchmal verhaut er sich wirklich ganz schön. (Jeder macht mal einen Fehler) Marie aber erkannte sofort: er ist ein guter zur-Toilettebegleiter.
Da haben wir sie also: Marie die Gieskanne, Emma die Zwitscherschwalbe, Heinz der Karottenpfurz, nun fehlt uns nur noch Oli-KöKa. Ach, die gute Oli-KöKa. Was für eine sympathische, freundliche, liebenwerte, ja fast könnte man sagen: echt coole Frau.
Was schaut ihr eigentlich so doof? Muss ich euch das vielleicht auch wieder erklären? Ogott: Wen kennt ihr eigentlich, ihr Pflaumenmusköpfe??
Also Oli-KöKa das heißt bekanntlich „oberste Lieblings-Königin-Karina“, weil das aber ein wahrer Zungenbrecher ist, deshalb die Abkürzung Oli-KöKa. Und die kennt nun wirklich jeder. Und jeder liebt sie, ich übrigens auch.
Als die Geschichte anfing, wohnte sie noch in ihrem Palast zum umgekippten Schiff. Nach oben ist er spitz, unten flach. Sie hat natürlich auch noch anderswo Paläste, kein Wunder, sie ist ja Königin. Wo, wollt ihr wissen? Zum Beispiel in, in äh, in Oberschwein, nein Tob allein, äh Oberfein? neee: Zinnoberbein! O die Pein – Omilein - Obsthinein? ach Mensch, ich weiß es auch nicht mehr,- jedenfalls hat sie noch einen zweiten Palast hoch oben in den Bergen wo unten ein See plätschert, du weißt schon wo. Und einen besonders schönen Palast hat sie hoch droben auf dem Mond. Davon später.
Jedenfalls ist sie durch&durch in Ordnung. Ich könnte euch ganze Bibliotheken voll von ihr erzählen, zum Beispiel: wenn ein Teller kaputt bricht, dann muss sie nur mit der Hand drüber streichen und schon ist er wieder heil. Oder wenn die Suppe versalzen ist: sie steckt einen Finger rein und schon schmeckt sie wie Sonntag. Oder zwei haben sich in einen Zankapfel festgebissen und streiten dass die Fetzen fliegen, da lächelt sie nur und schon fallen die zwei sich in die Arme. Oder wenn sie,- halt, ich darf mich nicht verzetteln, ihr wollt ja wissen, wie die Geschichte weitergeht.
2. Das Problem oder
wie kriegen wir das wieder hin?
An dem Abend, als die Mädchen zu Besuch bei ihr kamen, da merkten sie sofort: hier stimmt was nicht. Was war passiert?? Fortsetzung folgt. Bitte umblättern.
3. Nichts ist mehr wie früher oder
die Luft ist so knapp
Erst gab es Abendessen, wie immer, es war lecker, wie immer, wenn auch ein wenig sonderbar: die Gurkenscheiben segelten immer davon bevor man sie greifen konnte und die Salamischeiben wickelten sich von selber ein und liefen immer auf dem Tisch herum. Das Brot zerfiel in sechseckige Krümel und die Teller seufzten, sobald man eine Olive drauflegte. Und Tomaten küssten die mozarella, dass es ekelig schmatzte. Es dauerte, bis die zwei Mädchen merkten: Da steckte Heinz der Karottenpfurz dahinter mit seinen Zauberkunststücken.
Alles eigentlich ganz lustig aber doch wieder nicht. Allen war aufgefallen, dass Karina, die oberste Lieblingskönigin, so heftig nach Luft schnappte, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Emma hatte mal einen Fisch aus dem Aquarium geholt (Jeder macht mal eine Fehler, oder?), ihn an ihr Ohr gehalten und gehorcht, ob er nicht vielleicht doch reden könne, aber er hatte nur gejappst, so wie jetzt Karina, die Königin. Aber Karina war kein Fisch, also was war passiert?
Erst traute sich keiner zu fragen, endlich aber fasste sich Heinz der Karottenpfurz ein Herz und fragte: Was ist denn mit dir, liebste Karina?
Da kam es heraus: der Luftfrass hat sie befallen, der grausame, boshafte Luftfrass. Ein Bösewicht, der von der Luft anderer Leute lebt. Er ist unersättlich und fies sowieso, will nicht abgeben, kriegt niemals genug.
Da beschlossen sie, ihr zu helfen, aber wie bloß? So schnell hatte niemand einen guten Plan.
Einfach abhaun von hier, schlug Marie vor und alle klatschten ihr Beifall. Aber die Königin war gar nicht begeistert. Ihr Lieben, sagte sie leise, hier ist es so schön. Besonders am Morgen, wenn die Sonne langsam um die Ecke wandert, sich erst noch hinter dem Bücherregal versteckt, dann die Schattenfotos anleuchtet (Schatten ernähren sich von Sonne), dann meinem kleinen Foto in die Augen leuchtet. Und mit einem mal kommt sie hinter Bücherregal hervor und gibt mir einen Morgenkuss. Das kann ich doch einfach verlassen, das müsst ihr verstehen.
Da waren alle drei einen Augenblick ratlos und blickten kleinlaut umher.
Aber die Sonne, sagte nun Emma, die scheint auch wo anders. Auch um die Ecke, fügte Marie hinzu. Zum Beispiel auf deinem Schloss droben auf Mezza luna, erinnerte Heinz der Karottenpfurz vorsichtig.
Ach ja, sagte die Königin: Mezza luna, da oben ist’s schön. Da schmeckt die Luft nach Pfefferminz und beim Ausatmen wachsen dir Eisblumen aus dem Mund. Wenn ich da oben wär,’ würde ich euch manchmal einen Armvoll von diesen Eisblumen hinunterwerfen auf eure Erde und ihr würdet sie als Schneeflocken fangen. Die ersten drei bewirken übrigens Wunder. Sie sind eierschalen weiss und haben sieben Zacken statt sechs.
Also da droben, fragte Emma, da kann dir der Luftfrass nichts mehr anhaben?
Ja, sagte die Königin, dort oben bin ich in Sicherheit.
Das klingt gut, sagte Marie, und warum fahren wir nicht sofort hoch zu deinem Schloss?
Das geht nicht, sagte die Königin leise; der Luftfrass lässt mich nicht weg. Er bewacht mich bei Tag und bei Nacht, wie soll ich ihm da entfliehen?
Wenn er dich bewacht, sagte Emma entschieden, dann müssen wir ihn halt bescheißen.
4. Geschwindelte Abfahrt oder
jetzt müssen wir ihn einfach reinlegen
Sie packten ein für die Reise zum Mond. Viel war nicht nötig. Die nachtblaue Decke gegen den Weltraumwind. Und die Jacke mit den glatt geklopften Edelsteinen zum Lesen der Luftpost am Abend. Halt: und den vanilleyoghurtfarbenen Schal für den Hals, vermutlich gab’s gewaltigen Fahrtwind jenseits der Wolken. Ich würde eigentlich gern auch den Teppich mitnehmen, da sehe ich dann immer, in bunte Figuren gewebt, was ihr treibt auf der Erde. Und sie rollten ihn zusammen und nahmen ihn mit.
Sie schlichen zur Wohnungstür, öffneten sie langsam, dass sie schön knarrte und warfen sie dann mit einem Schwupps wieder zu. Schön laut, damit der Angstfrass meinte, jetzt würden sie versuchen, abzuhauen. Dann auf Zehenspitzen hinaus auf dem Balkon. Die Königin kam nur langsam voran. Sie hatte ja das Handtuch am Fuß, mit dem sie immer den Boden polierte, damit sich nachts die Sterne drin spiegeln. Da kann man schön Licht sparen und sieht doch genug, wenn man nachts mal auf die Toilette muss.
Da standen sie nun auf dem Balkon. Der Himmel war klar, recht viele Sterne und wunderbar gelblich leuchtete der Mond. Und was jetzt? Sie schauten sich an, recht bedröpelt und wussten nicht weiter. Und da kam er auch schon gekrochen. Mit patschenden Schritten, gierig schnaufend, offenbar sauer. Der Angstfrass hatte bemerkt, dass sie wegwollten. Hatte er auch bemerkt, dass sie noch da waren? Draußen auf der Terrasse?
Verstecken, zischte Emma, verstecken! Ja schon, aber wo??
Heinz der Karottenpfurz war diesmal der Schnellste. Er sprang in eines der Schattenfotos am Bücherregal und nahm die Haltung des Schattens an. Mit langen Beinen und komisch verrenkt die Arme. Marie machte es ihm nach und hopste in ihr Foto am anderen Ende des Bücherregals und Emma machte es nicht anders. Und schon war der Angstfrass im Zimmer, ekelig schnuffelnd, knurrend und murrend und ganz voller Wut. Die drei in den Fotos hielten sich still, so gut es nur ging. Wenn er nur nicht ewig bleibt, dachte Heinz der Karottenpfurz, lang kann ich nicht so verdreht stille halten. Auch Emma machte sich Sorgen, denn auf dem Foto hatte sie noch keine Zahnlücke. Der Angstfrass glotzte und glotzte. Als er aber die Königin ruhig im Bett sah, rülpste er einmal grauslich; er hatte sie wieder mal mit Luft überfressen und krauchte und fauchte langsam wieder davon.
5. Her mit den Tricks oder
der kann was erleben
Puh, sagte Heinz der Karottenpfurz, mir läuft der Schweiß von der Stirn. Ich bin auch noch ganz zittrig, sagte Marie und Emma mahnte energisch: wir brauchen einen Plan. Leise tuschelten sie, sagten ja, so geht es und dann wieder: nein, so geht es nicht. Ab und zu horchten sie: der Angstfrass hatte sich wieder schlafen gelegt. Am Ende hatten sie einen Plan.
Wenn sie es schafften, bis zum Aufzug im Treppenhaus zu kommen, ohne dass der Angstfrass ihnen auflauerte, dann war die Königin so gut wie gerettet. Du fängst an, sagte Emma zu Heinz der Karottenpfurz. Du sorgst für dicke Luft. Zum Glück hatte er immer reichlich Vorräte in seiner Tasche. Da holte er eine Karotte nach der anderen raus und mümmelte, knabberte, biss und schluckte alles hinunter. Und schon fing es an in seinem Bauch zu brodeln. Und bald darauf fing es auch an zu dampfen, zu zischen, zu pfeifen, oh je. Du machst deinem Namen alle Ehre, sagte Emma und hielt sich die Nase zu. Das stinkt, maulte Marie. Heinz der Karotten-pfurz wurden tomatenrot und seufzte: Was soll ich machen? Schon gut, beruhigte ihn Emma, mit dem Gestank, da machen wir ihn fertig.
Und nun war sie an der Reihe. Sie holte tief Luft und dann ging’s los. Sie spuckte Worte und flüsterte Worte und säuselte Worte und schrie Worte, sie kamen sogar aus ihren Ohren heraus. Ein richtiger Drahtverhau von Worten breitete sich aus. Wenn der Angstfrass wirklich durch die Muffelwolken von Heinzi durchfinden sollte, in diesem Wörtersalat würde er sich rettungslos verheddert. Jetzt aber los, zacki zacki, zum Lift.
6. Glücklicher Abflug oder
das war aber knapp
Sie schlichen alle vier aus dem Zimmer in den Korridor. Hier versteckten sie sich erstmal unter den Mänteln der Garderobe und lauschten: nichts war zu hören vom Angstfrass. Heinz der Karottenpfurz, er war ja der längste von allen, stieß gegen eine Jacke und da fingen die Kleiderbügel an zu bimmeln. Sie klingelten und klimperten und wollten gar nicht mehr aufhören. Das war das Ende! Tatsächlich: der Angstfrass hatte das Klingeln gehört, war aufgewacht und machte sich keuchend und schniefend auf den Weg.
Emma reisst die Wohnungstür auf und huscht mit flaumfederleisen Schritten zum Treppenlift. Er war oben, ein Glück und das Lämpchen leuchtet: abfahrbereit. Rasch schieben sie Oli-KöKa mit ihrem Renncabrio bis zum Aufzug,
Die Königin legt die nachtfarbene Decke auf den Lift, sie helfen ihr hinüber – der Luftfrass hustet und flucht – Sitzt du gut? Ja, alles in Ordnung. Nun erst Emma auf ihren Schoß, auf Emmas Schoß Marie und – ja wohin nun mit Heinz? Heinz der Karottenpfurz grübelt und grübelt, er probiert einen Zauberspruch, er probiert einen anderen – der Luftfrass spuckt und klappert mit seinem Maul – endlich hat Heinz den richtigen Zauberspruch, er ruft ihn dreimal in die Dunkelheit hinein und da verwandelt er sich in den Schatten von Oli-KöKa, und springt auf den Aufzug, jetzt hat er ja Platz. Heinz der Karottenpfurz, ruft Emma verzweifelt, wo steckst du denn? Als Schatten ist er natürlich nachts nicht zu sehen. Da hört man aus dem Dunklen seine Stimme, hier bin ich, gib endlich Gas. Und der Luftfrass hat nun endlich gemerkt, was los ist, man hört seine wabbeligen Schritte, feucht und platschig wie ein Kaugummi unterm Schuh kommt er näher.
Worauf wartest du denn noch, ruft Heinz verzweifelt, mein Zauberspruch wirkt nur noch eine Minute.
Emma kämpft mit dem Sicherheitsgurt, endlich klickt er und sitzt. Jetzt den Schalthebel. Der Aufzug fiept, langsam dreht sich der Sessel zur Seite und dann – ich fass es nicht – fährt er nach unten. Nach oben, rufen die anderen, nach oben! Emma ist beleidigt aber dann schafft sie es doch, sie drückt auf den richtigen Knopf in die richtige Richtung (kannst du vielleicht im Dunklen was sehen?!) Der Aufzug dreht sich schniepsend wieder zurück und dann – hoppla jetzt geht’s aber ab – setzt er sich in Bewegung, nach oben, nach oben. Sie spüren grad noch, wie sich zu ihren Füßen der Luftfrass reckt und streckt und nach oben schnappt und nach oben faucht. Zu spät, zu spät, sie schon unterwegs.
7. Nachspiel oder
sie ist gar nicht weit weg.
Der Alltag ist wieder eingekehrt, Emma kommt gut voran mit ihrem Einrad, neulich hat sie den goldenen Nasenpopel gewonnen, weil sie mit ihrem Einrad über die Elbe gefahren ist, auf einem Spinnfaden, den man von Ufer zu Ufer gespannt hatte. Ach übrigens: Marie hat jetzt auch eine Zahnlücke. Und Heinz der Karottenpfurz: Der ist verschwunden geblieben seit dieser Nacht der berühmten Mondfahrt. Er ist oben auf dem Mond bei Oli-KöKa geblieben, als ihr Schatten und oberster Königindiener. Er darf, wenn die Königin Karin ins Himmelbett gegangen ist als oberster Nachtwächter und Schlafbeschützer ihre Sternschnuppenjacke tragen. (die mit den platt ge-klopften Edelsteinen; die schützt bekanntlich vor Sternschnuppen, denn Sternschnuppen machen Winter-sprossen und die sind weiß und nicht schwarz). Da sitzt er dann jeden Abend an ihrem schwebenden Bett, hat die nachtblaue Decke auf den Knien (es ist ein bisschen frisch am Abend auf dem Mond) und liest der Königin aus einem dicken Buch vor, wie der Mond, die Sonne und die Sterne entstanden sind und wie auf der Erde das Wasser nass wurde und der Himmel blau und die Fische ihre Flügel verloren und die Vögel zwitschern lernten. Und wie die Blumen farbig wurden (anfangs waren sie schwarz, das war aber nicht das richtige). Unter uns: Wenn ihm einer über die Schulter schauen könnten, da würde er, im vanilleeisfarbigen Mondlicht ganz schön staunen: das Buch, aus dem er vorliest, ist leer, es hat lauter weiße Seiten. Erfindet der Heinz seine Geschichten??
Noch was solltet ihr vielleicht wissen: Als oberster Mondköniginnenvorleser konnte er natürlich nicht länger Heinz der Karottenpfurz heißen. Auf seinem sonnenuntergangsroten Pullover hatte ihm Oli-KöKa ein Blatt vom Zitronenbaum aus dem Wintergarten genäht, darauf stand mit schönen Druckbuchstaben aus flüssiger Schokolade: (ab & zu leckte er die Schrift ab, da musste sie wieder neu geschrieben werden). „Der gutealtetreue Georg“.
Und der wünscht euch nun allen eine gute Nacht. Und wenn ihr schön schlaft, dann könnt ihr bei Vollmond im Traum ja zu Besuch zu uns hochkommen: es gibt jede Menge zu naschen. Und zu erzählen. Und Karin geht es hier oben wieder sehr gut. Und wie geht es euch zweien da unten?
Die wahre Geschichte von der Frau im Mond
für Karina
für Emma
für Marie
und ein bisschen auch für mich
(meinetwegen auch für dich)
1. Der Besuch oder
wenn hungrige Heuschrecken kommen
bleibt nichts auf dem Teller
Sitzt ihr bequem? Du auch? Das ist gut. Und nun wackelt bitte nicht mit dem Stuhl, sonst bringt ihr mich draus; die Geschichte ist nämlich ganz schön aufregend.
Also – an einem regenschönen Abend im März war es wieder einmal so weit: sie durften zu Besuch kommen. Wer? Na wer schon! Das ist aber echt eine vorlaute Frage! Zwischen dem südlichsten Nordpol und dem nördlichsten Südpol kennt die zwei doch jeder und ihr wollt mir weismachen, dass ihr noch nie was von ihnen gehört habt? Seltsam, sehr seltsam. Na ja, jeder macht mal einen Fehler, nicht nur die Doofen. Also dann sag ich’s euch halt.
Meine Geschichte handelt von den vier vermutlich allernettesten Menschen in der ganzen Welt, unge-schwindelt ehrlich! Und leider auch von dem bestimmt widerlichsten Kerl der ganzen Welt. Der war so unangenehm, so ekelig, so unverschämt, dass man ihn lieber nicht kennen lernen mochte. Aber danach hat das Monster leider nicht gefragt.
Beginnen wir mit den vier Guten. Das waren: Marie die Gießkanne, Emma die Zwitscherschwalbe, Heinz der Karottenpfurz und Oli-KöKa, die Hauptperson, um deren Entführung sich alles dreht. Was denn? Sehe ich schon wieder Fragenzeichen in euren Augen? Oje.
Am besten stell ich sie euch der Größe nach vor: Da ist zuerst Marie die Gießkanne. Sie heißt so, weil sie alle sieben Minuten und 16 Sekunden zur Toilette geht und einen einzigen glasklaren Tropfen pinkelt. Der klingt, als würde eine Perle auf ein Silbertablett fallen: plinks, oder znicks oder plillt oder so ähnlich, ihr habt ja selber Ohren und vielleicht sogar ein bisschen Phantasie. Warum so oft, fragt ihr, warum so wenig, denkt ihr. Weil sie sich so gern zur Toilette begleiten lässt, da muss sie sparsam sein mit ihren Tröpfchen.
Dann haben wir Emma, die Zwitscherschwalbe. Sie kann viel, ziemlich viel sogar, aber eins kann sie nicht: den Schnabel halten. Sie redet und redet und wenn alle meinen, nu isse fertig, da fängt sie von vorne an. Wenn die Sonne aufgeht fängt sie an zu zwitschern und wenn die Sonne untergeht, ach, da hört sie immer noch nicht auf zu zwitschern. Von ziemlich früh bis ziemlich spät zwitschert sie Wörter. Lange Wörter, kurze Wörter, schöne Wörter, fiese Wörter, kluge Wörter, blöde Wörter. Das mach ihr erst mal nach.
Das sind also die zwei Supergirls in meiner Geschichte. Eltern? Natürlich haben die auch Eltern: die Mutter hat rote Haare, der Vater grüne, oder keine oder umgekehrt, spielt aber keine Rolle in meiner Geschichte, lenkt mich bitte nicht ab. Ihr kennt ja noch gar nicht die dritte Person meiner Geschichte.
Der dritte Held meiner Geschichte ist Heinz der Karottenpfurz. Bitte keine Kommentare zu seinem Namen! Den hatten die zwei Supergirls an dem Abend kennen gelernt, als sie wieder mal zu Besuch zur Oli-KöKa kommen durften.
Zuerst dachten sie: den brauchen wir nicht. Als er ihnen aber zeigte, dass er Lichtausblasen konnte; also nicht eine Kerze, das kann ich auch, nein: richtige elektrische Lampen auspusten, da dachten sie: Den schauen wir uns mal genauer an. Tatsächlich konnte er noch ein bisschen mehr. Zum Beispiel den Apfeltrick: machen, dass ein ganzer Apfel erst halb und dann ganz gegessen ist, äh, das kannst du auch, na ja. Vielleicht kein Zaubertrick. Aber ein paar echte Zauberkunststücke hatte er schon drauf, auch wenn es sich öfter mal verzauberte und dann gab’s ein ziemliches Durcheinander. Zum Beispiel beim Trick mit den schwebenden Eiern, oder der weinenden Bratwurst oder dem träumenden Büchsenöffner. Übrigens möchte er nicht, dass ich darüber rede, schon gar nicht, wie er das macht. So was kann ein Zauberer nicht ausstehen. (Das mit dem Apfel geht übrigens so, dass – ach nein, ich hab’s ihm versprochen. Unter uns: manchmal verhaut er sich wirklich ganz schön. (Jeder macht mal einen Fehler) Marie aber erkannte sofort: er ist ein guter zur-Toilettebegleiter.
Da haben wir sie also: Marie die Gieskanne, Emma die Zwitscherschwalbe, Heinz der Karottenpfurz, nun fehlt uns nur noch Oli-KöKa. Ach, die gute Oli-KöKa. Was für eine sympathische, freundliche, liebenwerte, ja fast könnte man sagen: echt coole Frau.
Was schaut ihr eigentlich so doof? Muss ich euch das vielleicht auch wieder erklären? Ogott: Wen kennt ihr eigentlich, ihr Pflaumenmusköpfe??
Also Oli-KöKa das heißt bekanntlich „oberste Lieblings-Königin-Karina“, weil das aber ein wahrer Zungenbrecher ist, deshalb die Abkürzung Oli-KöKa. Und die kennt nun wirklich jeder. Und jeder liebt sie, ich übrigens auch.
Als die Geschichte anfing, wohnte sie noch in ihrem Palast zum umgekippten Schiff. Nach oben ist er spitz, unten flach. Sie hat natürlich auch noch anderswo Paläste, kein Wunder, sie ist ja Königin. Wo, wollt ihr wissen? Zum Beispiel in, in äh, in Oberschwein, nein Tob allein, äh Oberfein? neee: Zinnoberbein! O die Pein – Omilein - Obsthinein? ach Mensch, ich weiß es auch nicht mehr,- jedenfalls hat sie noch einen zweiten Palast hoch oben in den Bergen wo unten ein See plätschert, du weißt schon wo. Und einen besonders schönen Palast hat sie hoch droben auf dem Mond. Davon später.
Jedenfalls ist sie durch&durch in Ordnung. Ich könnte euch ganze Bibliotheken voll von ihr erzählen, zum Beispiel: wenn ein Teller kaputt bricht, dann muss sie nur mit der Hand drüber streichen und schon ist er wieder heil. Oder wenn die Suppe versalzen ist: sie steckt einen Finger rein und schon schmeckt sie wie Sonntag. Oder zwei haben sich in einen Zankapfel festgebissen und streiten dass die Fetzen fliegen, da lächelt sie nur und schon fallen die zwei sich in die Arme. Oder wenn sie,- halt, ich darf mich nicht verzetteln, ihr wollt ja wissen, wie die Geschichte weitergeht.
2. Das Problem oder
wie kriegen wir das wieder hin?
An dem Abend, als die Mädchen zu Besuch bei ihr kamen, da merkten sie sofort: hier stimmt was nicht. Was war passiert?? Fortsetzung folgt. Bitte umblättern.
3. Nichts ist mehr wie früher oder
die Luft ist so knapp
Erst gab es Abendessen, wie immer, es war lecker, wie immer, wenn auch ein wenig sonderbar: die Gurkenscheiben segelten immer davon bevor man sie greifen konnte und die Salamischeiben wickelten sich von selber ein und liefen immer auf dem Tisch herum. Das Brot zerfiel in sechseckige Krümel und die Teller seufzten, sobald man eine Olive drauflegte. Und Tomaten küssten die mozarella, dass es ekelig schmatzte. Es dauerte, bis die zwei Mädchen merkten: Da steckte Heinz der Karottenpfurz dahinter mit seinen Zauberkunststücken.
Alles eigentlich ganz lustig aber doch wieder nicht. Allen war aufgefallen, dass Karina, die oberste Lieblingskönigin, so heftig nach Luft schnappte, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Emma hatte mal einen Fisch aus dem Aquarium geholt (Jeder macht mal eine Fehler, oder?), ihn an ihr Ohr gehalten und gehorcht, ob er nicht vielleicht doch reden könne, aber er hatte nur gejappst, so wie jetzt Karina, die Königin. Aber Karina war kein Fisch, also was war passiert?
Erst traute sich keiner zu fragen, endlich aber fasste sich Heinz der Karottenpfurz ein Herz und fragte: Was ist denn mit dir, liebste Karina?
Da kam es heraus: der Luftfrass hat sie befallen, der grausame, boshafte Luftfrass. Ein Bösewicht, der von der Luft anderer Leute lebt. Er ist unersättlich und fies sowieso, will nicht abgeben, kriegt niemals genug.
Da beschlossen sie, ihr zu helfen, aber wie bloß? So schnell hatte niemand einen guten Plan.
Einfach abhaun von hier, schlug Marie vor und alle klatschten ihr Beifall. Aber die Königin war gar nicht begeistert. Ihr Lieben, sagte sie leise, hier ist es so schön. Besonders am Morgen, wenn die Sonne langsam um die Ecke wandert, sich erst noch hinter dem Bücherregal versteckt, dann die Schattenfotos anleuchtet (Schatten ernähren sich von Sonne), dann meinem kleinen Foto in die Augen leuchtet. Und mit einem mal kommt sie hinter Bücherregal hervor und gibt mir einen Morgenkuss. Das kann ich doch einfach verlassen, das müsst ihr verstehen.
Da waren alle drei einen Augenblick ratlos und blickten kleinlaut umher.
Aber die Sonne, sagte nun Emma, die scheint auch wo anders. Auch um die Ecke, fügte Marie hinzu. Zum Beispiel auf deinem Schloss droben auf Mezza luna, erinnerte Heinz der Karottenpfurz vorsichtig.
Ach ja, sagte die Königin: Mezza luna, da oben ist’s schön. Da schmeckt die Luft nach Pfefferminz und beim Ausatmen wachsen dir Eisblumen aus dem Mund. Wenn ich da oben wär,’ würde ich euch manchmal einen Armvoll von diesen Eisblumen hinunterwerfen auf eure Erde und ihr würdet sie als Schneeflocken fangen. Die ersten drei bewirken übrigens Wunder. Sie sind eierschalen weiss und haben sieben Zacken statt sechs.
Also da droben, fragte Emma, da kann dir der Luftfrass nichts mehr anhaben?
Ja, sagte die Königin, dort oben bin ich in Sicherheit.
Das klingt gut, sagte Marie, und warum fahren wir nicht sofort hoch zu deinem Schloss?
Das geht nicht, sagte die Königin leise; der Luftfrass lässt mich nicht weg. Er bewacht mich bei Tag und bei Nacht, wie soll ich ihm da entfliehen?
Wenn er dich bewacht, sagte Emma entschieden, dann müssen wir ihn halt bescheißen.
4. Geschwindelte Abfahrt oder
jetzt müssen wir ihn einfach reinlegen
Sie packten ein für die Reise zum Mond. Viel war nicht nötig. Die nachtblaue Decke gegen den Weltraumwind. Und die Jacke mit den glatt geklopften Edelsteinen zum Lesen der Luftpost am Abend. Halt: und den vanilleyoghurtfarbenen Schal für den Hals, vermutlich gab’s gewaltigen Fahrtwind jenseits der Wolken. Ich würde eigentlich gern auch den Teppich mitnehmen, da sehe ich dann immer, in bunte Figuren gewebt, was ihr treibt auf der Erde. Und sie rollten ihn zusammen und nahmen ihn mit.
Sie schlichen zur Wohnungstür, öffneten sie langsam, dass sie schön knarrte und warfen sie dann mit einem Schwupps wieder zu. Schön laut, damit der Angstfrass meinte, jetzt würden sie versuchen, abzuhauen. Dann auf Zehenspitzen hinaus auf dem Balkon. Die Königin kam nur langsam voran. Sie hatte ja das Handtuch am Fuß, mit dem sie immer den Boden polierte, damit sich nachts die Sterne drin spiegeln. Da kann man schön Licht sparen und sieht doch genug, wenn man nachts mal auf die Toilette muss.
Da standen sie nun auf dem Balkon. Der Himmel war klar, recht viele Sterne und wunderbar gelblich leuchtete der Mond. Und was jetzt? Sie schauten sich an, recht bedröpelt und wussten nicht weiter. Und da kam er auch schon gekrochen. Mit patschenden Schritten, gierig schnaufend, offenbar sauer. Der Angstfrass hatte bemerkt, dass sie wegwollten. Hatte er auch bemerkt, dass sie noch da waren? Draußen auf der Terrasse?
Verstecken, zischte Emma, verstecken! Ja schon, aber wo??
Heinz der Karottenpfurz war diesmal der Schnellste. Er sprang in eines der Schattenfotos am Bücherregal und nahm die Haltung des Schattens an. Mit langen Beinen und komisch verrenkt die Arme. Marie machte es ihm nach und hopste in ihr Foto am anderen Ende des Bücherregals und Emma machte es nicht anders. Und schon war der Angstfrass im Zimmer, ekelig schnuffelnd, knurrend und murrend und ganz voller Wut. Die drei in den Fotos hielten sich still, so gut es nur ging. Wenn er nur nicht ewig bleibt, dachte Heinz der Karottenpfurz, lang kann ich nicht so verdreht stille halten. Auch Emma machte sich Sorgen, denn auf dem Foto hatte sie noch keine Zahnlücke. Der Angstfrass glotzte und glotzte. Als er aber die Königin ruhig im Bett sah, rülpste er einmal grauslich; er hatte sie wieder mal mit Luft überfressen und krauchte und fauchte langsam wieder davon.
5. Her mit den Tricks oder
der kann was erleben
Puh, sagte Heinz der Karottenpfurz, mir läuft der Schweiß von der Stirn. Ich bin auch noch ganz zittrig, sagte Marie und Emma mahnte energisch: wir brauchen einen Plan. Leise tuschelten sie, sagten ja, so geht es und dann wieder: nein, so geht es nicht. Ab und zu horchten sie: der Angstfrass hatte sich wieder schlafen gelegt. Am Ende hatten sie einen Plan.
Wenn sie es schafften, bis zum Aufzug im Treppenhaus zu kommen, ohne dass der Angstfrass ihnen auflauerte, dann war die Königin so gut wie gerettet. Du fängst an, sagte Emma zu Heinz der Karottenpfurz. Du sorgst für dicke Luft. Zum Glück hatte er immer reichlich Vorräte in seiner Tasche. Da holte er eine Karotte nach der anderen raus und mümmelte, knabberte, biss und schluckte alles hinunter. Und schon fing es an in seinem Bauch zu brodeln. Und bald darauf fing es auch an zu dampfen, zu zischen, zu pfeifen, oh je. Du machst deinem Namen alle Ehre, sagte Emma und hielt sich die Nase zu. Das stinkt, maulte Marie. Heinz der Karotten-pfurz wurden tomatenrot und seufzte: Was soll ich machen? Schon gut, beruhigte ihn Emma, mit dem Gestank, da machen wir ihn fertig.
Und nun war sie an der Reihe. Sie holte tief Luft und dann ging’s los. Sie spuckte Worte und flüsterte Worte und säuselte Worte und schrie Worte, sie kamen sogar aus ihren Ohren heraus. Ein richtiger Drahtverhau von Worten breitete sich aus. Wenn der Angstfrass wirklich durch die Muffelwolken von Heinzi durchfinden sollte, in diesem Wörtersalat würde er sich rettungslos verheddert. Jetzt aber los, zacki zacki, zum Lift.
6. Glücklicher Abflug oder
das war aber knapp
Sie schlichen alle vier aus dem Zimmer in den Korridor. Hier versteckten sie sich erstmal unter den Mänteln der Garderobe und lauschten: nichts war zu hören vom Angstfrass. Heinz der Karottenpfurz, er war ja der längste von allen, stieß gegen eine Jacke und da fingen die Kleiderbügel an zu bimmeln. Sie klingelten und klimperten und wollten gar nicht mehr aufhören. Das war das Ende! Tatsächlich: der Angstfrass hatte das Klingeln gehört, war aufgewacht und machte sich keuchend und schniefend auf den Weg.
Emma reisst die Wohnungstür auf und huscht mit flaumfederleisen Schritten zum Treppenlift. Er war oben, ein Glück und das Lämpchen leuchtet: abfahrbereit. Rasch schieben sie Oli-KöKa mit ihrem Renncabrio bis zum Aufzug,
Die Königin legt die nachtfarbene Decke auf den Lift, sie helfen ihr hinüber – der Luftfrass hustet und flucht – Sitzt du gut? Ja, alles in Ordnung. Nun erst Emma auf ihren Schoß, auf Emmas Schoß Marie und – ja wohin nun mit Heinz? Heinz der Karottenpfurz grübelt und grübelt, er probiert einen Zauberspruch, er probiert einen anderen – der Luftfrass spuckt und klappert mit seinem Maul – endlich hat Heinz den richtigen Zauberspruch, er ruft ihn dreimal in die Dunkelheit hinein und da verwandelt er sich in den Schatten von Oli-KöKa, und springt auf den Aufzug, jetzt hat er ja Platz. Heinz der Karottenpfurz, ruft Emma verzweifelt, wo steckst du denn? Als Schatten ist er natürlich nachts nicht zu sehen. Da hört man aus dem Dunklen seine Stimme, hier bin ich, gib endlich Gas. Und der Luftfrass hat nun endlich gemerkt, was los ist, man hört seine wabbeligen Schritte, feucht und platschig wie ein Kaugummi unterm Schuh kommt er näher.
Worauf wartest du denn noch, ruft Heinz verzweifelt, mein Zauberspruch wirkt nur noch eine Minute.
Emma kämpft mit dem Sicherheitsgurt, endlich klickt er und sitzt. Jetzt den Schalthebel. Der Aufzug fiept, langsam dreht sich der Sessel zur Seite und dann – ich fass es nicht – fährt er nach unten. Nach oben, rufen die anderen, nach oben! Emma ist beleidigt aber dann schafft sie es doch, sie drückt auf den richtigen Knopf in die richtige Richtung (kannst du vielleicht im Dunklen was sehen?!) Der Aufzug dreht sich schniepsend wieder zurück und dann – hoppla jetzt geht’s aber ab – setzt er sich in Bewegung, nach oben, nach oben. Sie spüren grad noch, wie sich zu ihren Füßen der Luftfrass reckt und streckt und nach oben schnappt und nach oben faucht. Zu spät, zu spät, sie schon unterwegs.
7. Nachspiel oder
sie ist gar nicht weit weg.
Der Alltag ist wieder eingekehrt, Emma kommt gut voran mit ihrem Einrad, neulich hat sie den goldenen Nasenpopel gewonnen, weil sie mit ihrem Einrad über die Elbe gefahren ist, auf einem Spinnfaden, den man von Ufer zu Ufer gespannt hatte. Ach übrigens: Marie hat jetzt auch eine Zahnlücke. Und Heinz der Karottenpfurz: Der ist verschwunden geblieben seit dieser Nacht der berühmten Mondfahrt. Er ist oben auf dem Mond bei Oli-KöKa geblieben, als ihr Schatten und oberster Königindiener. Er darf, wenn die Königin Karin ins Himmelbett gegangen ist als oberster Nachtwächter und Schlafbeschützer ihre Sternschnuppenjacke tragen. (die mit den platt ge-klopften Edelsteinen; die schützt bekanntlich vor Sternschnuppen, denn Sternschnuppen machen Winter-sprossen und die sind weiß und nicht schwarz). Da sitzt er dann jeden Abend an ihrem schwebenden Bett, hat die nachtblaue Decke auf den Knien (es ist ein bisschen frisch am Abend auf dem Mond) und liest der Königin aus einem dicken Buch vor, wie der Mond, die Sonne und die Sterne entstanden sind und wie auf der Erde das Wasser nass wurde und der Himmel blau und die Fische ihre Flügel verloren und die Vögel zwitschern lernten. Und wie die Blumen farbig wurden (anfangs waren sie schwarz, das war aber nicht das richtige). Unter uns: Wenn ihm einer über die Schulter schauen könnten, da würde er, im vanilleeisfarbigen Mondlicht ganz schön staunen: das Buch, aus dem er vorliest, ist leer, es hat lauter weiße Seiten. Erfindet der Heinz seine Geschichten??
Noch was solltet ihr vielleicht wissen: Als oberster Mondköniginnenvorleser konnte er natürlich nicht länger Heinz der Karottenpfurz heißen. Auf seinem sonnenuntergangsroten Pullover hatte ihm Oli-KöKa ein Blatt vom Zitronenbaum aus dem Wintergarten genäht, darauf stand mit schönen Druckbuchstaben aus flüssiger Schokolade: (ab & zu leckte er die Schrift ab, da musste sie wieder neu geschrieben werden). „Der gutealtetreue Georg“.
Und der wünscht euch nun allen eine gute Nacht. Und wenn ihr schön schlaft, dann könnt ihr bei Vollmond im Traum ja zu Besuch zu uns hochkommen: es gibt jede Menge zu naschen. Und zu erzählen. Und Karin geht es hier oben wieder sehr gut. Und wie geht es euch zweien da unten?
Montag, 4. Januar 2010
die wahrheit über die 7 geislein
Ehrlich aufgeschrieben
und ungelogen erzählt
für Noah
Das Märchen vom Wolf und den sieben Geislein kennt ihr bestimmt alle, aber wie es den Geislein hinterher ergangen ist, als sie aus dem Bauch des Wolfs wieder befreit waren, das wißt ihr vermutlich nicht. Ich will es euch erzählen.
Wie alle Kinder hatten natürlich auch die sieben Geislein einen Namen. Bevor der Wolf kam hießen sie allerdings aus Bequemlichkeit alle nur Meck und dazu eine Zahl. Der erste hieß Meck eins, der zweite Meck zwei und so weiter.
Hinterher aber bekamen sie alle einen richtigen Namen. Meckeins hieß nun Meckmontag, Meckzwei hieß Meckdienstag, Meckdrei hieß, naja, ihr könnt es euch selber ausrechnen. Alles klar? Gut, dann fange ich an:
1. Meckmontag
oder:
Die Liebe zur Wahrheit
Meckmontag war vor dem schrecklichen Besuch des Wolfs ein außerordentlich gut geratenes Geislein, alle hatten ihre Freude an ihm. Was das Tier am meisten liebte, war, neben seiner Mutter, die Wahrheit. Jaja. Es sagte immer die Wahrheit, Tag und Nacht. Wenn es einmal etwas Falsches sagte, sei es auch aus Versehen, zum Beispiel, draußen regnet es, und es hatte aber schon wieder aufgehört zu regnen, dann war das Geislein ganz verzweifelt und wollte drei Tage lang nichts Grünes mehr fressen.
Ausgerechnet mit diesem so überaus wahrheitsliebenden Geislein geschah etwas sehr Seltsames: kaum war es wieder aus dem dunklen Bauch des Wolfs heraus, fing es an, zu flunkern. Zuerst nur ein bisschen, wenn Besuch kam von Verwandten oder den Nachbarn. Dann erzählte es immer wieder die Geschichte vom bösen Wolf, wie er seine Stimmte verstellt, wie er seine schwarzen Pfoten mit Mehl gefärbt hatte und so weiter die ganze grauslige Geschichte. Aber jedes mal, wenn Meckmontag sie erzählte, erzählte er sie ein wenig grausliger, ein wenig unheimlicher.
Eines Tages behauptete der gute Meckmontag doch tatsächlich, der Wolf habe ihn zweimal hintereinander gefressen. Wieso zweimal wollten alle wissen und bekamen vom Staunen ganz runde Ziegenaugen. Nun zuerst hat er mich runtergeschluckt, sagte Meckmontag seelenruhig, dann mit einem unanständigen Rülpser wieder ausgespuckt und sogleich noch mal hinunter gewürgt. Diesmal richtig verschluckt.
Da staunten alle, nur die gute Geisleinmutter schüttelte heimlich den Kopf, aber sie wollte ihr Kind vor den Gästen nicht zurechtweisen. Zumal alle glaubten, Meckmontag sei der größte Wahrheitslieber auf der Welt.
Ein andermal erzählte er einem Onkel, der im Ausland lebte und überraschend zu Besuch gekommen war, sie hätten dem Wolf keine Wackersteine in den Bauch eingefüllt, sondern Legosteine. Das sagte er aber nur, damit der Onkel ihm eine neue Schachtel Legosteine kaufte, die alte hatte Meckmontag nämlich verschlampert. Noch schlimmer trieb Meckmontag es mit dem alten Ziegenpastor, der manchmal bei ihnen reinschaute. Dem erzählte er, sie hätten dem Wolf den Bauch nicht einfach nur so zugenäht, nachdem die Geislein daraus befreit waren, nein, die Mutter habe dem Wolf einen Reissverschluß eingenäht. Mit doppeltem Verschluß, von innen und von außen zu öffnen. Da staunte der Pastor nicht wenig, die Geisleinmutter aber zog ihr Kind hinterher doch ein wenig am Horn.
Das ging so eine Zeit, dann wollte keiner mehr die Schwindelgeschichten hören und wenn Meckmontag nur den Mund aufmachte, gähnten alle und riefen: „Bloß nicht!“ Da dachte er sich etwas ziemlich Böses aus. Als eines Abends alle gut gegessen hatten und fröhlich bei der Nachspeise saßen, - es gab Brennesselpudding, - da deutete Meckmontag ganz aufgeregt zum Fenster und brüllte: “Der Wolf ist da, der Wolf!” Entsetzt sprangen alle von ihren Stühlen auf und suchten sich ein Versteck. Erst nach einer Viertelstunde trauten sie sich ganz langsam wieder heraus. An dem Abend hätten die andern Geislein dem Meckmontag beinah das Fell gegerbt, wenn ihn seine Mutter nicht geschützt hätte.
Am Tag darauf beschloß die Geisleinmutter, ihr Kind für einige Zeit zur Kur zu schicken und sie brachte Meckmontag in die Stadt. Dort erzählte er einige Wochen lang noch allen Leuten vom Wolf, allmählich aber beruhigte er sich. Als er nach einiger Zeit wieder zu seinen Schwestern und Brüdern und seiner Mutter aufs Land zurückkam, sprach er nicht mehr vom Wolf, sondern von Autos. Wie gefährlich die seien, wie groß und dass sie fürchterlich brüllten und Gestank machten. Und das schlimmste sei, so erzählte er, dass sie böser und gefräßiger als jeder Wolf seien und wenn man sich nicht vorsehe, würde man von ihnen gepackt und verschlungen. Da lächelten die anderen sechs Geislein, aber geglaubt haben sie ihm nicht, kein Wort.
2. Meckdienstag
oder:
Der Schrecken der Hunde.
Das zweite Geislein, Meckdienstag, war, bevor die schreckliche Geschichte mit dem Wolf passierte, ein ziemlicher Schisser. Besonders vor Hunden hatte er eine Riesenangst. Hinterher geschah mit ihm eine seltsame Veränderung. Nun muß man wissen, dass auch in Märchen schon seit langem die Wölfe rar geworden sind, genau wie bei uns. Sei es nun, dass Meckdienstag die Hunde ringsum mit dem Wolf verwechselte, sei es, dass einfach kein Wolf weit und breit mehr zu sehen war nachdem ihm der Jäger den Bauch mit Wackersteinen gefüllt hatte,- Meckdienstag fing an, Hunde zu ärgern. Mit dem Hofhund begann er. Der war an einer langen Kette angebunden und konnte ihm nichts tun. An den schlich Meckdienstag ganz langsam heran, immer näher, bis er nur noch wenige Zentimeter von ihm entfernt war. Dann holte er plötzlich ein Vergrößerungsglas hinter dem Rücken hervor und hielt es sich vor die
Schnauze. Da erschrak der alte Hofhund natürlich so, das ihm fast das Herz stehen blieb, Meckdienstag aber lachte sich kaputt.
Auch mit dem Pekinesen der Frau Amtsgerichtsratswitwe von der Villa am Waldrand trieb Meckdienstag seinen Spott. Er rieb ein Blatt Papier solange an einer Wurst, bis es gut und kräftig nach Wurst roch. Dann hielt er das Papier dem Pekinesen unter die Nase. Der Pekinese war furchtbar scharf auf Wurst, weil er immer nur Vollkornbouletten zu Fressen bekam und schnappte deshalb gierig nach dem Papier und würgte es hinunter.
Manchmal lauerte Meckdienstag hinter einer Hausecke. Kam dann ein Hund, sprang er mit einem Satz hervor und meckerte so laut und schmutzig, das der arme Hund einen Schluckauf bekam und erschreckt davon galoppierte. Die Hunde in der ganzen Gegend, die nicht wussten, was der Quatsch sollte, machten bald einen weiten Bogen um das Haus der Geislein. Der Briefträger freute sich darüber, denn er fand Hunde auch abscheulich.
3. Meckmittwoch
oder:
Die Raubtiernummer
Meckmittwoch, der Dritte aus der Familie ging zum Zirkus. Das hatte einen besonderen Grund: in dem Zirkus arbeitete ein zahmer Wolf. Der war schon ziemlich alt und musste eigentlich nur in seinem Käfig stehen und alle halbe Stunde einmal seine Zähne fletschen. Das tat er denn auch, obwohl recht ungern. Er hatte nämlich schon mehrere falsche Zähne eingesetzt bekommen und deshalb genierte er sich, sein Maul allzu weit aufzureißen.
Meckmittwoch ging zu diesem Zirkus, ließ sich beim Direktor melden, stellte sich als Wolfsbändiger vor und bekam den job. Sogleich ging er in den Stall, schaute dem Wolf in die müden Augen und sagte: „Hör zu, Freundchen, wenn du nicht spurst, sieht es schlecht aus für dich.“ „Ich will ja spuren“, sagte der Wolf müde, „wenn’s nur nicht zu anstrengend wird.“ So einigten sie sich. Wenn der Wolf gewusst hätte, was auf ihn zukommt, hätte er nicht so rasch zugestimmt. Noch am gleichen Abend begann Meckmittwoch mit seiner Wolfsdressur.
Als erstes brachte er dem Wolf bei, mit einer Kreide Ziel zu spucken. Als der Wolf die Nummer endlich drauf hatte, war seine Stimme so hoch geworden wie ein Glöcklein. Nun übte Meckmittwoch den Brunnentrick. Der Wolf musste auf dem Rand eines Brunnens immer im Kreis laufen und wenn Meckmittwoch mit seiner Schere schnipppte, musste er in den Brunnen hineinfallen. Mit der Schere schnippte, sagte ich, nicht: mit der Peitsche knallte. Meckmittwoch benutzte nämlich in der Manege bei seiner Wolfsdressurnummer nicht eine Peitsche, wie die anderen Dompteure, sondern eine Schere. Ich wisst schon, warum.
Als nächstes Kunststück brachte Meckmittwoch dem armen alten Wolf bei, mit Wackersteinen zu balancieren, und zwar mit sieben Stück. Auch hier muss ich euch nicht sagen, warum gerade mit sieben! Fiel dem Wolf ein Wackerstein herunter, dann musste er ihn auffressen und das Publikum tobte vor Vergnügen, weil das so knirschte und krachte.
Immer neue Tricks ließ sich Meckmittwoch einfallen. So überraschte er eines Tages das Publikum damit, dass der Wolf durch ein Fenster aus Papier sprang und auf der anderen Seite von oben bis unten mit Mehl bestäubt herauskam. Der Höhepunkt des Programms aber war immer die Seifenblasennummer. Da hockte sich der Wolf auf den Brunnenrand, hielt sich den Bauch und sang das Lied, das ihr auch kennt:
Was rumpelt und pumpelt
in meinem Bauch herum?
Ich dacht, es wären sieben Geislein,
es sind aber lauter Wackersteine.
Dann stand er langsam auf, Trommelwirbel, das Licht ging aus, nur noch ein spot beleuchtete ihn von hinten. Er stellte sich auf den Brunnen und rülpste. Siebenmal. Und jedesmal kam eine Seifenblase in Form eines Geisleins aus seinem Maul heraus. Der Beifall für den Dompteur nahm kein Ende.
Niemand erfuhr je, dass dieser arme, alte, gequälte Zirkuswolf der echte Wolf war, der aus dem Märchen.
4. Meckdonnerstag
oder:
Die Verstecke
Meckdonnerstag, das vierte der sieben Geislein war nicht vom Wolf gefressen worden. Er hatte sich in der Uhr versteckt. „Seht ihr“, sagte er hinterher, „es kommt darauf an, ein gutes Versteck zu haben, dann muss man weder Wölfe fürchten noch Lehrer oder sonst ein wildes Tier.“ Und er fing an, sich Verstecke auszudenken. Zuerst stellte er sechs weitere Uhren in die Wohnung, damit es sieben waren. Anfangs fanden das alle ganz witzig, bald aber meckerten sie mit ihm, weil es nun in dem kleinen Geisleinhaus fürchterlich eng wurde. Zum Beispiel räumte Meckdonnerstag den großen Kleiderschrank aus. Der war so groß, das alle sieben drin Platz hatten. Aber nun war es noch viel enger in dem Häuschen geworden, denn alles, was sie vorher in Schrank gestopft hatten, lag nun in der Wohnung herum. So ging es also auch nicht. Außerdem, wenn alle Kleider auf dem Boden lagen, konnte sich doch der dümmste Wolf ausrechnen, was in dem Schrank drin war.
Eines Tages besorgte Meckdonnerstag vom Apotheker Verkleinerungspillen. Mit denen konnte man die Geislein so klein machen, dass sie alle sieben in einem Fingerhut Platz fanden. Nicht schlecht, sagten alle, aber keiner wollte so eine Verkleinerungspille schlucken, denn Vergrösserungspillen hatte es in der Apotheke keine mehr gegeben.
„Vielleicht sollten wir nicht uns verstecken“, meinte Meckdonnerstag eines Morgens, nachdem er die ganze Nacht gegrübelt hatte, „sondern das Haus.“ Er schlug vor, draußen vor der Haustür einen falschen Namen zu befestigen, zum Beispiel: Hier wohnt Familie Tiger oder Frau Elefant und ihre sieben Elefantchen. Der Plan gefiel den Geislein nicht schlecht, aber die Mutter wollte davon nichts wissen. Sie erwartete gerade dringend Post und hatte Angst, der Briefträger würde den Brief wieder mitnehmen, wenn die Anschrift nicht stimmte.
Endlich dachte sich Meckdonnerstag ein Versteck aus, das war einfach vollkommen. Als er es seinen Geschwistern zeigen wollte, fand er es selber nicht mehr, so gut hatte er es versteckt.
5. Meckfreitag
oder:
Der Angstdrückeberger
Besonders tapfer war Meckfreitag auch vorher nicht gewesen, hinterher war es zum Davonlaufen mit ihm. Um die Wahrheit zu sagen: er war ein echter Schisser geworden. Seltsam war allerdings, dass er nicht immer Angst hatte, sondern nur zu ganz bestimmten Gelegenheiten. Wenn die Geisleinmutter zum Beispiel rief: “Tisch-decken!”, da fing er an, sich ängstlich nach allen Seiten umzuschauen. Er lief immer wieder zur Tür, spähte hinaus, ob nicht der Wolf käme. Wenn dann der Tisch gedeckt war und sich alle zum Essen setzten, hatte er keine Angst mehr. Erst wenn es ans Abdecken ging, kam seine Angst zurück.
Fürchterlich Angst bekam Meckfreitag auch am Abend, wenn er sich die Pfoten waschen sollte, das hatte er schon früher nicht ausstehen können. Wenn es hieß: ”Pfoten waschen und dann ab ins Stroh” rannte er solange zum Fenster und starrte solange ängstlich hinaus, bis die anderen mit dem Waschen fertig waren. Und dann ging er vergnügt ins Bett mit dreckigen Pfoten.
Als er merkte, wie gut er mit seiner Angst vorankam, hatte Meckfreitag bald immer mehr Angst. Wenn er eine größere Portion Pudding als die anderen haben wollte, wenn er allein mit dem neuen aufziehbaren Wolf spielen wollte, wenn er Ausmecker kriegen sollte, weil er dem Nachbarziegenbock die Zunge herausgestreckt hatte, dann bekam er Angst, fürchterliche Angst.
So geht das nicht weiter, sagten eines Tages die anderen sechs Geislein und auch die Geisleinmutter wusste sich bald keinen Rat mehr. Habt ihr vielleicht eine Idee??
6. Mecksamstag
oder:
Der Künstler
Das sechste der sieben Geislein war eigentlich schon vorher immer ein wenig anders gewesen. Rupften seine Geschwister gemütlich schmatzend alles, was grün und saftig war, so stand Mecksamstag oft eine Ewigkeit vor einem grünen Blatt und schaute es an. „Was haste?“ meckerte ihn nach einiger Zeit die Geissenmutter freundlich an, „ist was nicht in Ordnung mit dem Blatt?“ „Schau nur“, meckerte dann Mecksamstag zurück, mit einer so andächtigen Stimme, dass seine Mutter mit einem Sprung, Euter wackelnd und Ziegenbart schüttelnd zu ihm herankam. Sie schaute sich mit Kennerblick das Blatt an und verkündete dann: „Alles in Ordnung, das kannste ruhig fressen.“
Aber Mecksamstag fraß nicht, er drehte seinen Kopf wie vor einem unausgewickelten Weihnachtsgeschenk hin und her und schaute. Er hatte Bernstein goldene Augen, schöner als die seiner Geschwister, was die Geissenmutter aber nie laut aussprach, weil sie eine gute Geissenmutter war. Mit diesen seinen bernsteingoldenen Augen blickte er weiter auf das Blatt. „He, träumst du?“, fragte ihn schließlich die Geis besorgt, und als er keine Antwort gab, schubste sie ihn mit ihren zwei Hörnern von hinten, so das seine Schnauze ganz nah an das leckere Blatt herankam. Da sagte Mecksamstag mit seufzender Stimme: „Schau nur, Mammi, wie schön das Blatt ist..“
Der Wolf hatte bekanntlich Kreide gefressen, um seine kellerasseldunkle Stimme höher zu machen. Ein paar Stückchen dieser Kreide waren vor dem Geissenhaus liegen geblieben, Mecksamstag hatte sie gefunden, eingesammelt und vorsichtig in eine kleine Schachtel gelegt. Wenn seine Schwestern und Brüder sich draußen auf der Wiese den Ziegenwanst mit saftigen Blättern voll schlugen, wenn sie zwischendurch Eisenbahnunfall spielten, indem sie mit ihrem Köpfen zusammenstießen, oder wenn sie beim Springen über die Gräben unanständige Ziegenvolkslieder grölten, dann saß Mecksamstag im Schatten und zeichnete mit seinen Kreidestückchen an die Hauswand. (Später nannte man das Ziegengraffiti). Er zeichnete am liebsten das Geisblatt, aber manchmal auch einen Wolf, der zwei große Sonnenblumen statt Augen hatte und im wilden Maul statt der scharfen Zähne süße Mandeln. Übrigens war die Kreide, die der Wolf wegen seiner Stimme gefressen hatte, nicht nur weiß; da der Wolf ziemlich bekloppt war, hatte er natürlich auch rote und gelbe und blaue und grüne Kreide gefressen.
Anfangs neckten die anderen Geislein natürlich den sanften Mecksamstag: Wenn einer nicht vor sich hinfrisst, vor sich hinhopst und auch nicht herummeckert, glauben die anderen schnell, mit dem können wir umspringen, wie’s uns gefällt. Aber da passte die Ziegenmutter schon auf. Sie konnte nicht nur großartig meckern, sie konnte, wenn’s sein musste, auch ganz schön mit ihren Hörnern stoßen. Da ließen denn die sechs ihren Bruder in Frieden. Ja und dann kam der Tag, da waren sie heilfroh, dass sie ihn hatten.
Eines frühen Sonntags kam der Bauer auf die Ziegenwiesen. Er war schon zum Kirchgang angezogen, also ein bisschen feierlicher als sonst. Er druckste ein wenig herum und erst als sich alle sieben Geislein und die Mutter dazu im Kreis um ihn herumgestellt hatten und ihn mit ihren großen Augen erwartungsvoll anschauten, kam er heraus mit der Sprache. Er stotterte was von Bürgermeister und neue Verordnung und kannauchnichts-dafür, dann kratzte er sich seinen Bart und fing nochmal an. Bis er es endlich herausbrachte: alle Tiere, eben auch die Ziegen, brauchten in Zukunft einen Ausweis mit einem Passbild darin. Ich werd verrückt.
Als der Bauer davon gestiefelt war, man sah noch lange, wie er sich die Schweißtropfen von der Stirn wischte, da machten die sieben Geislein und die Geissenmutter erst mal einen Familienmeck. Und die Ziegenmutter erklärte ihren sieben Kindern gradheraus: „Wir sind pleite“. Es war ja allerhand, ja fast alles zu Bruch gegangen, als der Böse Wolf auf der Jagd nach den sieben Geislein durch die Wohnung rumpelte. Und so ein fressgieriger Wolf achtet nicht auf den Teppich, er schmeißt um und kaputt, was ihm im Weg ist. „Mit einem Wort“, sagte die Geisenmutter, „ein Fotograf ist sündteuer, wir können uns keine Passfotos leisten.“
Da war die große Stunde von Mecksamstag gekommen. Er räusperte sich ein paar mal mit seiner bescheidenen Stimme und als endlich alle auf ihn schauten, wurde er erst mal ziemlich rot. „Nun sag schon!“, machte ihm die Geis Mut. „Äh,- Ich könnte euch zeichnen...“
Ungläubig glotzten ihn alle an. Meckfreitag, der Ängstliche fragte als Erster: „Ja kannst du das denn?“ Da meckerte Mecksamstag zum ersten mal laut, ja fast übermütig, sprang mit einem Bockssprung über alle hinweg und war auch schon wieder zurück mit all seinen Kreiden. Seine Augen leuchteten wie zwei Taschenlampen und sein Geisbart zitterte heftig. „Wer will zuerst?“, fragte er fröhlich und dann war der Teufel los, jeder wollte natürlich als erster ein Bild von sich haben. „Ruhe“, meckerte die Mutter energisch, „wie soll da ein Künstler arbeiten können. Stellt euch auf, einer hinter dem anderen. Und mich bitte zuerst. Und wenn’s möglich ist“, sagte sie mit leiserer Stimme, „dann mach mich nicht zu alt, kapiert?“
7. Mecksonntag
oder:
Die Geschäfte
Das siebte Geislein war als letztes wieder aus dem Wolfsbauch herausgekommen. Es hatte also ein bisschen mehr Zeit gehabt nachzudenken als die anderen, und das hatte es gründlich getan. Seine erste Idee war, Ziegenkäse herzustellen, natürlich in Form von Wackersteinen. Die verkauften sich besonders gut, wenn Mecksonntag allerhand schaurige Geschichten von dunklen Bauch des Wolfs dazu erzählte. Die waren sozusagen das Einwickelpapier für die Käsestücke.
Seine nächste Idee waren Pfotenschuhe, bei den Menschen nennt man so was Handschuhe. Die sahen entweder wie Wolfspfoten aus, schwarz und haarig und grauslich groß. Oder kreideweiß angestaubt. Es wurde bald Mode bei den Ziegendamen in der ganzen Gegend, sie auch im Sommer zu tragen.
Eine andere Erfindung Mecksonntags brachte viel Geld: er verfasste ein dickes Buch mit 1002 Verstecken für kleine Geislein, bei denen der böse Wolf zu Besuch kommt.
Dann war da eine Erfindung, die machte den Geissenkindern großen Spaß, aber ihre Mütter waren damit nicht einverstanden, da musste diese Erfindung leider wieder verschwinden. Mecksonntag hatte Bonbon aus Ziegendreck hergestellt, die aussahen wie echte, aber natürlich ziemlich anders schmeckten. Also Neckbonbons. Wie bei den Menschen haben auch die Ziegenmütter wenig Humor, wenn es um Sauberkeit geht.
Das war übrigens auch der Grund, dass die Erfindung mit dem Farbtopf über den Tür nicht lange auf dem Markt blieb: ein herabfallender Eimer mit feuerroter Farbe hatte das weiße Fell des Bürgermeisters, ein sehr eitler Ziegenbock, unrettbar verdorben, als er ohne anzuklopfen bei den sieben Geislein hereingerumpelt war.
8. Die alte Geis
oder:
Was zuviel ist ist zuviel
Natürlich ging auch an der alten Geis, der Mutter der sieben Geislein, die Geschichte mit dem Wolf und was danach aus ihren Kindern wurde nicht spurlos vorüber. Zuerst der Schreck, als die Kinder vom Wolf gefressen waren, dann das Glück, als sie wieder aus dem Bauch herauskamen und nun die Verwunderung, wie die Kinder sich verändert hatten und immer selbstständiger wurden.
Wie alle Mütter auf der ganzen Welt wurde die Geis traurig, dass sie nicht mehr so oft und so dringend von ihren Geisleinkindern gebraucht wurde. Wozu bin ich denn noch nutze, seufzte sie dann manchmal und die grünsten Blätter wollten ihr nicht mehr schmecken.
Zu der Zeit kam immer öfter der Jäger vorbei, der die Geislein aus dem Wolfsbauch befreit hatte. Mal zum Ziegenkäse probieren, mal zum Kaffee, mal zum Schnaps, und oft einfach nur so. Und eines Tages kam er mit einem besonders grünen Jägeranzug und einer besonders langen Feder auf dem Hut. Und er fragte, nach vielem Räuspern, ob die Geissenmutter nicht zu ihm ins Jägerhaus ziehen wolle, um ihm den Haushalt zu führen. „Wenn’s dich nicht stört, dass ich öfter mal meckere“, sagte sie verlegen. Da kraulte er sie zärtlich an ihrem Ziegenbart und sie machte übermütig einen Sprung nach vorne und gleich wieder zurück. Das heißt auf ziegisch: “Ich mag dich“.
Als die sieben Geislein erfuhren, dass die Alte Geis weggehen wollte, bekamen sie zuerst einen Riesenschreck, dann waren sie traurig und am Schluss ziemlich stolz, dass ihnen die Mutter zutraute, allein zurecht zu kommen. Und wenn sie nicht gestorben sind, besuchen sie sich immer noch jeden Sonntag, an dem die Sonne scheint.
und ungelogen erzählt
für Noah
Das Märchen vom Wolf und den sieben Geislein kennt ihr bestimmt alle, aber wie es den Geislein hinterher ergangen ist, als sie aus dem Bauch des Wolfs wieder befreit waren, das wißt ihr vermutlich nicht. Ich will es euch erzählen.
Wie alle Kinder hatten natürlich auch die sieben Geislein einen Namen. Bevor der Wolf kam hießen sie allerdings aus Bequemlichkeit alle nur Meck und dazu eine Zahl. Der erste hieß Meck eins, der zweite Meck zwei und so weiter.
Hinterher aber bekamen sie alle einen richtigen Namen. Meckeins hieß nun Meckmontag, Meckzwei hieß Meckdienstag, Meckdrei hieß, naja, ihr könnt es euch selber ausrechnen. Alles klar? Gut, dann fange ich an:
1. Meckmontag
oder:
Die Liebe zur Wahrheit
Meckmontag war vor dem schrecklichen Besuch des Wolfs ein außerordentlich gut geratenes Geislein, alle hatten ihre Freude an ihm. Was das Tier am meisten liebte, war, neben seiner Mutter, die Wahrheit. Jaja. Es sagte immer die Wahrheit, Tag und Nacht. Wenn es einmal etwas Falsches sagte, sei es auch aus Versehen, zum Beispiel, draußen regnet es, und es hatte aber schon wieder aufgehört zu regnen, dann war das Geislein ganz verzweifelt und wollte drei Tage lang nichts Grünes mehr fressen.
Ausgerechnet mit diesem so überaus wahrheitsliebenden Geislein geschah etwas sehr Seltsames: kaum war es wieder aus dem dunklen Bauch des Wolfs heraus, fing es an, zu flunkern. Zuerst nur ein bisschen, wenn Besuch kam von Verwandten oder den Nachbarn. Dann erzählte es immer wieder die Geschichte vom bösen Wolf, wie er seine Stimmte verstellt, wie er seine schwarzen Pfoten mit Mehl gefärbt hatte und so weiter die ganze grauslige Geschichte. Aber jedes mal, wenn Meckmontag sie erzählte, erzählte er sie ein wenig grausliger, ein wenig unheimlicher.
Eines Tages behauptete der gute Meckmontag doch tatsächlich, der Wolf habe ihn zweimal hintereinander gefressen. Wieso zweimal wollten alle wissen und bekamen vom Staunen ganz runde Ziegenaugen. Nun zuerst hat er mich runtergeschluckt, sagte Meckmontag seelenruhig, dann mit einem unanständigen Rülpser wieder ausgespuckt und sogleich noch mal hinunter gewürgt. Diesmal richtig verschluckt.
Da staunten alle, nur die gute Geisleinmutter schüttelte heimlich den Kopf, aber sie wollte ihr Kind vor den Gästen nicht zurechtweisen. Zumal alle glaubten, Meckmontag sei der größte Wahrheitslieber auf der Welt.
Ein andermal erzählte er einem Onkel, der im Ausland lebte und überraschend zu Besuch gekommen war, sie hätten dem Wolf keine Wackersteine in den Bauch eingefüllt, sondern Legosteine. Das sagte er aber nur, damit der Onkel ihm eine neue Schachtel Legosteine kaufte, die alte hatte Meckmontag nämlich verschlampert. Noch schlimmer trieb Meckmontag es mit dem alten Ziegenpastor, der manchmal bei ihnen reinschaute. Dem erzählte er, sie hätten dem Wolf den Bauch nicht einfach nur so zugenäht, nachdem die Geislein daraus befreit waren, nein, die Mutter habe dem Wolf einen Reissverschluß eingenäht. Mit doppeltem Verschluß, von innen und von außen zu öffnen. Da staunte der Pastor nicht wenig, die Geisleinmutter aber zog ihr Kind hinterher doch ein wenig am Horn.
Das ging so eine Zeit, dann wollte keiner mehr die Schwindelgeschichten hören und wenn Meckmontag nur den Mund aufmachte, gähnten alle und riefen: „Bloß nicht!“ Da dachte er sich etwas ziemlich Böses aus. Als eines Abends alle gut gegessen hatten und fröhlich bei der Nachspeise saßen, - es gab Brennesselpudding, - da deutete Meckmontag ganz aufgeregt zum Fenster und brüllte: “Der Wolf ist da, der Wolf!” Entsetzt sprangen alle von ihren Stühlen auf und suchten sich ein Versteck. Erst nach einer Viertelstunde trauten sie sich ganz langsam wieder heraus. An dem Abend hätten die andern Geislein dem Meckmontag beinah das Fell gegerbt, wenn ihn seine Mutter nicht geschützt hätte.
Am Tag darauf beschloß die Geisleinmutter, ihr Kind für einige Zeit zur Kur zu schicken und sie brachte Meckmontag in die Stadt. Dort erzählte er einige Wochen lang noch allen Leuten vom Wolf, allmählich aber beruhigte er sich. Als er nach einiger Zeit wieder zu seinen Schwestern und Brüdern und seiner Mutter aufs Land zurückkam, sprach er nicht mehr vom Wolf, sondern von Autos. Wie gefährlich die seien, wie groß und dass sie fürchterlich brüllten und Gestank machten. Und das schlimmste sei, so erzählte er, dass sie böser und gefräßiger als jeder Wolf seien und wenn man sich nicht vorsehe, würde man von ihnen gepackt und verschlungen. Da lächelten die anderen sechs Geislein, aber geglaubt haben sie ihm nicht, kein Wort.
2. Meckdienstag
oder:
Der Schrecken der Hunde.
Das zweite Geislein, Meckdienstag, war, bevor die schreckliche Geschichte mit dem Wolf passierte, ein ziemlicher Schisser. Besonders vor Hunden hatte er eine Riesenangst. Hinterher geschah mit ihm eine seltsame Veränderung. Nun muß man wissen, dass auch in Märchen schon seit langem die Wölfe rar geworden sind, genau wie bei uns. Sei es nun, dass Meckdienstag die Hunde ringsum mit dem Wolf verwechselte, sei es, dass einfach kein Wolf weit und breit mehr zu sehen war nachdem ihm der Jäger den Bauch mit Wackersteinen gefüllt hatte,- Meckdienstag fing an, Hunde zu ärgern. Mit dem Hofhund begann er. Der war an einer langen Kette angebunden und konnte ihm nichts tun. An den schlich Meckdienstag ganz langsam heran, immer näher, bis er nur noch wenige Zentimeter von ihm entfernt war. Dann holte er plötzlich ein Vergrößerungsglas hinter dem Rücken hervor und hielt es sich vor die
Schnauze. Da erschrak der alte Hofhund natürlich so, das ihm fast das Herz stehen blieb, Meckdienstag aber lachte sich kaputt.
Auch mit dem Pekinesen der Frau Amtsgerichtsratswitwe von der Villa am Waldrand trieb Meckdienstag seinen Spott. Er rieb ein Blatt Papier solange an einer Wurst, bis es gut und kräftig nach Wurst roch. Dann hielt er das Papier dem Pekinesen unter die Nase. Der Pekinese war furchtbar scharf auf Wurst, weil er immer nur Vollkornbouletten zu Fressen bekam und schnappte deshalb gierig nach dem Papier und würgte es hinunter.
Manchmal lauerte Meckdienstag hinter einer Hausecke. Kam dann ein Hund, sprang er mit einem Satz hervor und meckerte so laut und schmutzig, das der arme Hund einen Schluckauf bekam und erschreckt davon galoppierte. Die Hunde in der ganzen Gegend, die nicht wussten, was der Quatsch sollte, machten bald einen weiten Bogen um das Haus der Geislein. Der Briefträger freute sich darüber, denn er fand Hunde auch abscheulich.
3. Meckmittwoch
oder:
Die Raubtiernummer
Meckmittwoch, der Dritte aus der Familie ging zum Zirkus. Das hatte einen besonderen Grund: in dem Zirkus arbeitete ein zahmer Wolf. Der war schon ziemlich alt und musste eigentlich nur in seinem Käfig stehen und alle halbe Stunde einmal seine Zähne fletschen. Das tat er denn auch, obwohl recht ungern. Er hatte nämlich schon mehrere falsche Zähne eingesetzt bekommen und deshalb genierte er sich, sein Maul allzu weit aufzureißen.
Meckmittwoch ging zu diesem Zirkus, ließ sich beim Direktor melden, stellte sich als Wolfsbändiger vor und bekam den job. Sogleich ging er in den Stall, schaute dem Wolf in die müden Augen und sagte: „Hör zu, Freundchen, wenn du nicht spurst, sieht es schlecht aus für dich.“ „Ich will ja spuren“, sagte der Wolf müde, „wenn’s nur nicht zu anstrengend wird.“ So einigten sie sich. Wenn der Wolf gewusst hätte, was auf ihn zukommt, hätte er nicht so rasch zugestimmt. Noch am gleichen Abend begann Meckmittwoch mit seiner Wolfsdressur.
Als erstes brachte er dem Wolf bei, mit einer Kreide Ziel zu spucken. Als der Wolf die Nummer endlich drauf hatte, war seine Stimme so hoch geworden wie ein Glöcklein. Nun übte Meckmittwoch den Brunnentrick. Der Wolf musste auf dem Rand eines Brunnens immer im Kreis laufen und wenn Meckmittwoch mit seiner Schere schnipppte, musste er in den Brunnen hineinfallen. Mit der Schere schnippte, sagte ich, nicht: mit der Peitsche knallte. Meckmittwoch benutzte nämlich in der Manege bei seiner Wolfsdressurnummer nicht eine Peitsche, wie die anderen Dompteure, sondern eine Schere. Ich wisst schon, warum.
Als nächstes Kunststück brachte Meckmittwoch dem armen alten Wolf bei, mit Wackersteinen zu balancieren, und zwar mit sieben Stück. Auch hier muss ich euch nicht sagen, warum gerade mit sieben! Fiel dem Wolf ein Wackerstein herunter, dann musste er ihn auffressen und das Publikum tobte vor Vergnügen, weil das so knirschte und krachte.
Immer neue Tricks ließ sich Meckmittwoch einfallen. So überraschte er eines Tages das Publikum damit, dass der Wolf durch ein Fenster aus Papier sprang und auf der anderen Seite von oben bis unten mit Mehl bestäubt herauskam. Der Höhepunkt des Programms aber war immer die Seifenblasennummer. Da hockte sich der Wolf auf den Brunnenrand, hielt sich den Bauch und sang das Lied, das ihr auch kennt:
Was rumpelt und pumpelt
in meinem Bauch herum?
Ich dacht, es wären sieben Geislein,
es sind aber lauter Wackersteine.
Dann stand er langsam auf, Trommelwirbel, das Licht ging aus, nur noch ein spot beleuchtete ihn von hinten. Er stellte sich auf den Brunnen und rülpste. Siebenmal. Und jedesmal kam eine Seifenblase in Form eines Geisleins aus seinem Maul heraus. Der Beifall für den Dompteur nahm kein Ende.
Niemand erfuhr je, dass dieser arme, alte, gequälte Zirkuswolf der echte Wolf war, der aus dem Märchen.
4. Meckdonnerstag
oder:
Die Verstecke
Meckdonnerstag, das vierte der sieben Geislein war nicht vom Wolf gefressen worden. Er hatte sich in der Uhr versteckt. „Seht ihr“, sagte er hinterher, „es kommt darauf an, ein gutes Versteck zu haben, dann muss man weder Wölfe fürchten noch Lehrer oder sonst ein wildes Tier.“ Und er fing an, sich Verstecke auszudenken. Zuerst stellte er sechs weitere Uhren in die Wohnung, damit es sieben waren. Anfangs fanden das alle ganz witzig, bald aber meckerten sie mit ihm, weil es nun in dem kleinen Geisleinhaus fürchterlich eng wurde. Zum Beispiel räumte Meckdonnerstag den großen Kleiderschrank aus. Der war so groß, das alle sieben drin Platz hatten. Aber nun war es noch viel enger in dem Häuschen geworden, denn alles, was sie vorher in Schrank gestopft hatten, lag nun in der Wohnung herum. So ging es also auch nicht. Außerdem, wenn alle Kleider auf dem Boden lagen, konnte sich doch der dümmste Wolf ausrechnen, was in dem Schrank drin war.
Eines Tages besorgte Meckdonnerstag vom Apotheker Verkleinerungspillen. Mit denen konnte man die Geislein so klein machen, dass sie alle sieben in einem Fingerhut Platz fanden. Nicht schlecht, sagten alle, aber keiner wollte so eine Verkleinerungspille schlucken, denn Vergrösserungspillen hatte es in der Apotheke keine mehr gegeben.
„Vielleicht sollten wir nicht uns verstecken“, meinte Meckdonnerstag eines Morgens, nachdem er die ganze Nacht gegrübelt hatte, „sondern das Haus.“ Er schlug vor, draußen vor der Haustür einen falschen Namen zu befestigen, zum Beispiel: Hier wohnt Familie Tiger oder Frau Elefant und ihre sieben Elefantchen. Der Plan gefiel den Geislein nicht schlecht, aber die Mutter wollte davon nichts wissen. Sie erwartete gerade dringend Post und hatte Angst, der Briefträger würde den Brief wieder mitnehmen, wenn die Anschrift nicht stimmte.
Endlich dachte sich Meckdonnerstag ein Versteck aus, das war einfach vollkommen. Als er es seinen Geschwistern zeigen wollte, fand er es selber nicht mehr, so gut hatte er es versteckt.
5. Meckfreitag
oder:
Der Angstdrückeberger
Besonders tapfer war Meckfreitag auch vorher nicht gewesen, hinterher war es zum Davonlaufen mit ihm. Um die Wahrheit zu sagen: er war ein echter Schisser geworden. Seltsam war allerdings, dass er nicht immer Angst hatte, sondern nur zu ganz bestimmten Gelegenheiten. Wenn die Geisleinmutter zum Beispiel rief: “Tisch-decken!”, da fing er an, sich ängstlich nach allen Seiten umzuschauen. Er lief immer wieder zur Tür, spähte hinaus, ob nicht der Wolf käme. Wenn dann der Tisch gedeckt war und sich alle zum Essen setzten, hatte er keine Angst mehr. Erst wenn es ans Abdecken ging, kam seine Angst zurück.
Fürchterlich Angst bekam Meckfreitag auch am Abend, wenn er sich die Pfoten waschen sollte, das hatte er schon früher nicht ausstehen können. Wenn es hieß: ”Pfoten waschen und dann ab ins Stroh” rannte er solange zum Fenster und starrte solange ängstlich hinaus, bis die anderen mit dem Waschen fertig waren. Und dann ging er vergnügt ins Bett mit dreckigen Pfoten.
Als er merkte, wie gut er mit seiner Angst vorankam, hatte Meckfreitag bald immer mehr Angst. Wenn er eine größere Portion Pudding als die anderen haben wollte, wenn er allein mit dem neuen aufziehbaren Wolf spielen wollte, wenn er Ausmecker kriegen sollte, weil er dem Nachbarziegenbock die Zunge herausgestreckt hatte, dann bekam er Angst, fürchterliche Angst.
So geht das nicht weiter, sagten eines Tages die anderen sechs Geislein und auch die Geisleinmutter wusste sich bald keinen Rat mehr. Habt ihr vielleicht eine Idee??
6. Mecksamstag
oder:
Der Künstler
Das sechste der sieben Geislein war eigentlich schon vorher immer ein wenig anders gewesen. Rupften seine Geschwister gemütlich schmatzend alles, was grün und saftig war, so stand Mecksamstag oft eine Ewigkeit vor einem grünen Blatt und schaute es an. „Was haste?“ meckerte ihn nach einiger Zeit die Geissenmutter freundlich an, „ist was nicht in Ordnung mit dem Blatt?“ „Schau nur“, meckerte dann Mecksamstag zurück, mit einer so andächtigen Stimme, dass seine Mutter mit einem Sprung, Euter wackelnd und Ziegenbart schüttelnd zu ihm herankam. Sie schaute sich mit Kennerblick das Blatt an und verkündete dann: „Alles in Ordnung, das kannste ruhig fressen.“
Aber Mecksamstag fraß nicht, er drehte seinen Kopf wie vor einem unausgewickelten Weihnachtsgeschenk hin und her und schaute. Er hatte Bernstein goldene Augen, schöner als die seiner Geschwister, was die Geissenmutter aber nie laut aussprach, weil sie eine gute Geissenmutter war. Mit diesen seinen bernsteingoldenen Augen blickte er weiter auf das Blatt. „He, träumst du?“, fragte ihn schließlich die Geis besorgt, und als er keine Antwort gab, schubste sie ihn mit ihren zwei Hörnern von hinten, so das seine Schnauze ganz nah an das leckere Blatt herankam. Da sagte Mecksamstag mit seufzender Stimme: „Schau nur, Mammi, wie schön das Blatt ist..“
Der Wolf hatte bekanntlich Kreide gefressen, um seine kellerasseldunkle Stimme höher zu machen. Ein paar Stückchen dieser Kreide waren vor dem Geissenhaus liegen geblieben, Mecksamstag hatte sie gefunden, eingesammelt und vorsichtig in eine kleine Schachtel gelegt. Wenn seine Schwestern und Brüder sich draußen auf der Wiese den Ziegenwanst mit saftigen Blättern voll schlugen, wenn sie zwischendurch Eisenbahnunfall spielten, indem sie mit ihrem Köpfen zusammenstießen, oder wenn sie beim Springen über die Gräben unanständige Ziegenvolkslieder grölten, dann saß Mecksamstag im Schatten und zeichnete mit seinen Kreidestückchen an die Hauswand. (Später nannte man das Ziegengraffiti). Er zeichnete am liebsten das Geisblatt, aber manchmal auch einen Wolf, der zwei große Sonnenblumen statt Augen hatte und im wilden Maul statt der scharfen Zähne süße Mandeln. Übrigens war die Kreide, die der Wolf wegen seiner Stimme gefressen hatte, nicht nur weiß; da der Wolf ziemlich bekloppt war, hatte er natürlich auch rote und gelbe und blaue und grüne Kreide gefressen.
Anfangs neckten die anderen Geislein natürlich den sanften Mecksamstag: Wenn einer nicht vor sich hinfrisst, vor sich hinhopst und auch nicht herummeckert, glauben die anderen schnell, mit dem können wir umspringen, wie’s uns gefällt. Aber da passte die Ziegenmutter schon auf. Sie konnte nicht nur großartig meckern, sie konnte, wenn’s sein musste, auch ganz schön mit ihren Hörnern stoßen. Da ließen denn die sechs ihren Bruder in Frieden. Ja und dann kam der Tag, da waren sie heilfroh, dass sie ihn hatten.
Eines frühen Sonntags kam der Bauer auf die Ziegenwiesen. Er war schon zum Kirchgang angezogen, also ein bisschen feierlicher als sonst. Er druckste ein wenig herum und erst als sich alle sieben Geislein und die Mutter dazu im Kreis um ihn herumgestellt hatten und ihn mit ihren großen Augen erwartungsvoll anschauten, kam er heraus mit der Sprache. Er stotterte was von Bürgermeister und neue Verordnung und kannauchnichts-dafür, dann kratzte er sich seinen Bart und fing nochmal an. Bis er es endlich herausbrachte: alle Tiere, eben auch die Ziegen, brauchten in Zukunft einen Ausweis mit einem Passbild darin. Ich werd verrückt.
Als der Bauer davon gestiefelt war, man sah noch lange, wie er sich die Schweißtropfen von der Stirn wischte, da machten die sieben Geislein und die Geissenmutter erst mal einen Familienmeck. Und die Ziegenmutter erklärte ihren sieben Kindern gradheraus: „Wir sind pleite“. Es war ja allerhand, ja fast alles zu Bruch gegangen, als der Böse Wolf auf der Jagd nach den sieben Geislein durch die Wohnung rumpelte. Und so ein fressgieriger Wolf achtet nicht auf den Teppich, er schmeißt um und kaputt, was ihm im Weg ist. „Mit einem Wort“, sagte die Geisenmutter, „ein Fotograf ist sündteuer, wir können uns keine Passfotos leisten.“
Da war die große Stunde von Mecksamstag gekommen. Er räusperte sich ein paar mal mit seiner bescheidenen Stimme und als endlich alle auf ihn schauten, wurde er erst mal ziemlich rot. „Nun sag schon!“, machte ihm die Geis Mut. „Äh,- Ich könnte euch zeichnen...“
Ungläubig glotzten ihn alle an. Meckfreitag, der Ängstliche fragte als Erster: „Ja kannst du das denn?“ Da meckerte Mecksamstag zum ersten mal laut, ja fast übermütig, sprang mit einem Bockssprung über alle hinweg und war auch schon wieder zurück mit all seinen Kreiden. Seine Augen leuchteten wie zwei Taschenlampen und sein Geisbart zitterte heftig. „Wer will zuerst?“, fragte er fröhlich und dann war der Teufel los, jeder wollte natürlich als erster ein Bild von sich haben. „Ruhe“, meckerte die Mutter energisch, „wie soll da ein Künstler arbeiten können. Stellt euch auf, einer hinter dem anderen. Und mich bitte zuerst. Und wenn’s möglich ist“, sagte sie mit leiserer Stimme, „dann mach mich nicht zu alt, kapiert?“
7. Mecksonntag
oder:
Die Geschäfte
Das siebte Geislein war als letztes wieder aus dem Wolfsbauch herausgekommen. Es hatte also ein bisschen mehr Zeit gehabt nachzudenken als die anderen, und das hatte es gründlich getan. Seine erste Idee war, Ziegenkäse herzustellen, natürlich in Form von Wackersteinen. Die verkauften sich besonders gut, wenn Mecksonntag allerhand schaurige Geschichten von dunklen Bauch des Wolfs dazu erzählte. Die waren sozusagen das Einwickelpapier für die Käsestücke.
Seine nächste Idee waren Pfotenschuhe, bei den Menschen nennt man so was Handschuhe. Die sahen entweder wie Wolfspfoten aus, schwarz und haarig und grauslich groß. Oder kreideweiß angestaubt. Es wurde bald Mode bei den Ziegendamen in der ganzen Gegend, sie auch im Sommer zu tragen.
Eine andere Erfindung Mecksonntags brachte viel Geld: er verfasste ein dickes Buch mit 1002 Verstecken für kleine Geislein, bei denen der böse Wolf zu Besuch kommt.
Dann war da eine Erfindung, die machte den Geissenkindern großen Spaß, aber ihre Mütter waren damit nicht einverstanden, da musste diese Erfindung leider wieder verschwinden. Mecksonntag hatte Bonbon aus Ziegendreck hergestellt, die aussahen wie echte, aber natürlich ziemlich anders schmeckten. Also Neckbonbons. Wie bei den Menschen haben auch die Ziegenmütter wenig Humor, wenn es um Sauberkeit geht.
Das war übrigens auch der Grund, dass die Erfindung mit dem Farbtopf über den Tür nicht lange auf dem Markt blieb: ein herabfallender Eimer mit feuerroter Farbe hatte das weiße Fell des Bürgermeisters, ein sehr eitler Ziegenbock, unrettbar verdorben, als er ohne anzuklopfen bei den sieben Geislein hereingerumpelt war.
8. Die alte Geis
oder:
Was zuviel ist ist zuviel
Natürlich ging auch an der alten Geis, der Mutter der sieben Geislein, die Geschichte mit dem Wolf und was danach aus ihren Kindern wurde nicht spurlos vorüber. Zuerst der Schreck, als die Kinder vom Wolf gefressen waren, dann das Glück, als sie wieder aus dem Bauch herauskamen und nun die Verwunderung, wie die Kinder sich verändert hatten und immer selbstständiger wurden.
Wie alle Mütter auf der ganzen Welt wurde die Geis traurig, dass sie nicht mehr so oft und so dringend von ihren Geisleinkindern gebraucht wurde. Wozu bin ich denn noch nutze, seufzte sie dann manchmal und die grünsten Blätter wollten ihr nicht mehr schmecken.
Zu der Zeit kam immer öfter der Jäger vorbei, der die Geislein aus dem Wolfsbauch befreit hatte. Mal zum Ziegenkäse probieren, mal zum Kaffee, mal zum Schnaps, und oft einfach nur so. Und eines Tages kam er mit einem besonders grünen Jägeranzug und einer besonders langen Feder auf dem Hut. Und er fragte, nach vielem Räuspern, ob die Geissenmutter nicht zu ihm ins Jägerhaus ziehen wolle, um ihm den Haushalt zu führen. „Wenn’s dich nicht stört, dass ich öfter mal meckere“, sagte sie verlegen. Da kraulte er sie zärtlich an ihrem Ziegenbart und sie machte übermütig einen Sprung nach vorne und gleich wieder zurück. Das heißt auf ziegisch: “Ich mag dich“.
Als die sieben Geislein erfuhren, dass die Alte Geis weggehen wollte, bekamen sie zuerst einen Riesenschreck, dann waren sie traurig und am Schluss ziemlich stolz, dass ihnen die Mutter zutraute, allein zurecht zu kommen. Und wenn sie nicht gestorben sind, besuchen sie sich immer noch jeden Sonntag, an dem die Sonne scheint.
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