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Samstag, 13. Oktober 2012

Reisebriefe 37

37.
Sie war vor mir da. Ich weiss nicht, warum ich mich so nah neben sie setze. Um die Zeit sind noch viele Tische frei; die Leute sind einkaufen oder schlendern plauschend auf dem Marktplatz herum, schauen sich die kleinen Fundstücke der Flohmarktstände an. Hier also, zum Greifen nah, nein, in Wahrheit wie auf einem anderen Planet diese Frau. Ein wenig mollig ist sie, finde ich. Himbeerfarbig der Pulli und der Schal dazu, eine kleine Frau, bestimmt nicht nur im Sitzen. Hinter ihrer dicken Sonnenbrille schaut sie direkt zu mir, dreht an ihrem schwarzen, leicht gekräuselten Haar. Die rechte Hand zwischen ihren Schenkeln vergraben. Ihr Mann liest wortlos die Zeitung oder telefoniert. Hinter beiden ein Kinderwagen, und sie? Schon wieder schwanger?
Durch das Spiegelschwarz ihrer Sonnenbrille wehen  spinnwebenfein zwei Drähte zu mir herüber, haken sich in meinen Augen fest. Ich halte still, um sie nicht zu zerreißen, halte den Blick in ihre Blicknacht hinein. Und dann schickt sie mir an den Drähten entlang Buchstaben herüber. Ich muss  blinzeln, als sie bei mir aufprallen. Sie sind handschriftlich, hastig gekritzelt und wenn mich mein Italienisch nicht trügt, fehlt ein Buchstabe beim zweiten Wort.  Ah, da kommt er nachgereicht. Was schreibt sie? Ich muss schmunzeln, als ich es endlich entziffert habe.
„Ich habe kein Interesse an dir.“
Sehr gut. Jetzt darf ich keinen Fehler begehen.
„Auch ich interessiere mich nicht für den Duft deiner Haare“, schreibe ich zurück. Sie hat ebenfalls einige Schwierigkeit mit meiner deutschen Handschrift, doch als sie den Text verstanden hat, lässt sie rasch ihre Haare los. Ein wenig verblüfft, wie einer, der auf ein Selbstgespräch Antwort erhält.

Wie lange sie zögert, hab ich schon verspielt? Sie steht auf, fummelt am Kinderwagen herum, dabei schläft das Kind doch. Sie setzt sich wieder auf ihren Stuhl. Schaut auf ihren Mann; der liest die Zeitung. Und dann schickt sie mir doch wieder eine Nachricht. Diesmal in Druckbuchstaben.
„Meine Haare duften nur, wenn der Wind sie verweht.“
„In der Windstille könnte ich mir ein Nest hineinbauen?“
„Nein“, schreibt sie, „nein!“ und hebt für einen Augenblick die Brille von den Augen; sie sind so schwarz wie die Brille. Ich will eben antworten, da wischt ihr Mann die Zeitung zusammen, mit großer Gebärde und springt auf. Er tritt zwischen sie und mich, zerreißt unsere Drähte.

Reisebrief 36

36.
Du weißt, ich trinke nachmittags keinen Wein; du hast dich oft genug über mich mokiert, dass ich erst nach acht Uhr das erste Glas fülle. Was ich dir hier beschreibe, ist mir so gegen vier Uhr widerfahren.  Ich las Zeitung und hatte nicht gemerkt, dass am Tisch nicht weit von meinem eine junge Frau im Cafè Platz genommen hatte.  Wohl schon vor einer Zeit, denn als ich sie bemerke, hat sie ihren Kaffee schon halb leer getrunken. Sie sitzt da, über ihr Notizbuch gebeugt, dass die herabquellen Haare ihr Gesicht verbergen. Sie schreibt. Mit einem Füllfederhalter. Als sie sich aufrichtet, um einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse zu nehmen, wischt mein Blick durch sie hindurch. Als würde ihr Körper einen Augenblick wie im Nebel fernrücken, dünn werden, nein, leer werden. Wie ein Baum im Nebel kraftlos wird, entschwindet, sich mühsam wieder sammelt, wenn man ihm näherkommt.
Ich blicke mich um, niemand zeigt Verwunderung oder vermehrte Aufmerksamkeit, niemand blickt zu ihr hin.
Ich suche nach Erklärungen: Lichtschwankungen? Schatten? Meine Müdigkeit? Draußen ist gleichmäßiges Regengrau, hier drinnen das weiche Goldgelb der zahlreichen gedimmten Lampen. Und ich sehe ihren Tisch, ihre Tasse, ja sogar ihr Tagebuch klar und scharf und deutlich. Fast bilde ich mir ein, das Kratzen ihres Füllers zu hören. Und jetzt beginnt sie wieder zu verblassen. Wie in einer langsamen Überblendung verdämmert ihr Körper, taucht die Stuhllehne hinter ihr auf und die Wand dahinter, die ihr Leib eben noch verdeckt hatte. Während ich noch hinstarre, zerrinnt der Nebel und ihr Körper kehrt zurück. Ich finde, sie ist dick.

Reisebrief 35


35.
Glaub mir, ich hatte sie fast schon als Freundin gesehen. Schon unten an der Haustür, als sie nach meinem Klingeln in die Gegensprechanlage „Im vierten Stock, leider“ sagte; leise aber seltsam verbindlich und – entschuldige – irgendwie mütterlich. Als ich die Treppen hoch geschnauft kam; im dritten Stock dachte ich, das ist jetzt eigentlich hoch genug, stand sie schon an der Tür, die sie aber nur einen Spalt geöffnet hatte. Ich muss sie allzu prüfend angestarrt haben – die Stimme war einladender gewesen als jetzt ihr Blick – da öffnete sie die Tür ganz, lächelte und fragte, fast heiter: „Wollen Sie sich erst draußen verschnaufen?“ Und nun klang ihre Stimme, ohne die Verdünnung durch den Lautsprecher, wie soll ich sagen? Sie klang cellowarm, fast tröstlich. Ich sehe dich feixen; du hältst mich wieder mal für sentimental. Wie auch immer, diese Stimme löste einen Wirbel von Behagen in mir aus. Ich packte ihre Hand mit meinen beiden Händen; sie war warm und weich aber sie zog sie rasch zurück. Ein wenig irritiert, wie mir vorkam, über meine übertriebene Herzlichkeit. Wir hatten uns ja noch nie gesehen.

Ich folgte ihr durch einen kurzen, schmalen Korridor in das Zimmer. Er war hell von den beiden Fenstern zum Hinterhof. Viele Bücher, in Regalen, auf dem runden Tisch am Fenster, neben dem großen roten Sofa. Die Schränke waren dunkel, mächtig, sahen geerbt aus. Und in der linken Ecke führte eine steile Treppe, ein wenig gedreht nach oben.
„Die Sonne scheint noch so warm“, sagte sie, „wollen wir den Kaffee auf der Terrasse trinken? Gehen Sie doch schon mal voran.“ Meine Hilfe schlug sie ab, deshalb stieg ich, ein wenig unsicher – treppab sollte es noch halsbrecherischer sein – hinauf. Oben ihr Schreibtisch, sehr aufgeräumt (wenn ich an meinen Urwald denke), ein großes Bett und wieder Bücher, überall Bücher. An dem weiß gestrichenen Balken quer durchs Zimmer klebten viele Bildchen im passepartout, ohne Rahmen. Zur Terrasse führte ein hohes Fenster, das sich öffnen ließ. Ein herrlicher Blick: über die Dächer, hinunter in den  bepflanzten Hinterhof und hinein in einige Wohnungen gegenüber. Das Tischchen war schon gedeckt, geschmackvolle Papierservietten lagen auf den Tellern. Und dann kam sie auch schon mit einem Tablett. Ich sollte auf dem Platz sitzen, der durch den kleinen Sonnenschirm Schatten bekam. Etwas geniert schob sie den Wäschetrockner in die Ecke und nahm endlich auch Platz. Sie schaute mich aufgeregt an und fragte: „Und wo haben Sie sie nun gefunden?“ Ehe ich antworten konnte, schlug sie sich leicht auf den Mund und sagte: „Nein, wie ungezogen von mir. Sie müssen mir meine Ungeduld schon verzeihen. Erst trinken wir Kaffee. Den Pflaumenkuchen hab ich selber gebacken, er ist noch warm, dass Sie sich bloß nicht verbrennen.“
Wir aßen und tranken, der Kuchen war übrigens sehr schmackhaft. Ich lobte den knusprigen Boden, da errötete sie leicht und sagte: „Sie müssen ihn nicht aufessen, wenn er Ihnen nicht schmeckt,- ich bin keine große Kuchenbäckerin.“ Sie hielt die Augen gesenkt, als wollte sie mir Gelegenheit geben, sie ungestört zu betrachten. Sie hatte üppiges schwarzes Haar, das ihr fast etwas von Mähne verlieh. Ein zartes Gesicht, das mir sehr ernst vorkam, einen schön geschwungenen Mund, das Kinn ein wenig kurz und sehr schöne, tiefe Augen, na so sagt man halt, da musst du nicht schon wieder feixen.
„Stört es Sie, wenn ich eine Zigarette rauche?“, fragte sie mich, „aber bitte“, wehrte ich ab und hob meine Hände, „Sie sind hier zu Hause.“ Rücksichtsvoll blies sie den Rauch von mir weg, - was wie du weißt nichts nützt, denn Rauch hält sich nicht an den Wind sondern zieht immer zum Nichtraucher hin.
Ich nutzte diese kleine Pause und kramte das Päckchen heraus. Ich hatte die Brille mit dem schönen roten Gestell in Seidenpapier eingeschlagen und eine weiße Rose rangebunden. Die war nun leider ein wenig verdrückt. Ich legte das Päckchen auf den Tisch und strahlte sie an.
Wieder wurde sie ein wenig rot, roch dann an der Rose und sagte, fast streng: „Sie hätten nicht auch noch Geld ausgeben dürfen für mich.“ Ein wenig irritiert wartete ich, dass sie das kleine Paket endlich aufschnüren würde; ich hatte innen noch ein Gedicht reingelegt. Aber sie sagte nur: „Vielen Dank. Sie wissen nicht, welch großen Gefallen Sie mir damit erwiesen haben. Ich habe ja nur diese eine Brille und ohne sie kann ich nicht lesen,- und ich lese so gern, das sehen Sie selber“. Und dann legte sie das Päckchen mit Rose und Brille und dem unsichtbaren Gedicht auf ihren Schreibtisch und setzte sich wieder zu mir an den Tisch.

Ich hatte die Brille wirklich durch einen Zufall gefunden. Du weißt, ich gehe gern in den kleinen Park am Fluss. Da sitzt man auf einer Bank, hinter sich die Bäume, vor sich das Wasser. Man kann gut lesen und wenn ein Schiff mit Ausflüglern vorbeischwimmt, dann winkt man halt auch ein wenig. Ich weiß nicht warum, vor ein paar Tagen hatte ich plötzlich die Idee, mal wo anders hin zu gehen. Mignon hatte mir immer vom Dings, na wie heißt der Park gleich wieder, jedenfalls von einem Park mit Flohmarkt und einem altmodisch eingerichteten Café vorgeschwärmt. Dahin hab ich mich durchgefragt und am Ende hab ich den Platz doch noch gefunden. Sehr hübsch. Der Flohmarkt hat mich einiges Geld gekostet – aber nur schöne Sachen! – und danach hab ich mich mit meiner Beute auf eine der bunt bemalten Parkbänke gesetzt. Und da lag, unübersehbar, ein hübsche rote Brille darauf. Ich weiß auch nicht, warum ich sie eingesteckt habe; bestimmt nicht, um sie zu behalten. Eine Lesebrille, wie ich sehen konnte, aber die habe ich selber und so hübsch fand ich sie nun auch wieder nicht. Natürlich hab ich mich umgeschaut; es war schon recht spät und niemand war mehr zu sehen. Zum Lesen war es auch schon zu schummrig, - ich will’s kurz fassen: am nächsten Tag pilgerte ich, die Brille in meinem Rucksack, wieder da hin. Und da hing doch tatsächlich ein Zettel an der Bank, zierlich mit Füller geschrieben (oder gar mit Feder?): „Brille verloren. Bitte, bitte, wer kann mir helfen?“ Daneben war eine hübsche Zeichnung, mit Buntstift, von eben dieser roten Brille und eine Adresse, wohin sich der ehrliche Finder wenden möchte...

Allmählich kamen wir doch ins Gespräch, sie taute auf, lachte herzhaft und ich aß viel mehr Pflaumenkuchen als ich verkraften konnte, weil ich Angst hatte, wenn ich fertig bin müsste ich gehen. Sie lebte allein in der Wohnung und wohl auch sonst, aber sie wich Fragen nach ihrem Leben immer aus. Wiederholt entschuldigte sie sich und ging hinunter, vermutlich zur Toilette. Als sie einmal länger ausblieb, ich weiß nicht, welcher Teufel mich ritt, ging ich ins Zimmer hinein und schaute mich um. Es war alles so reinlich, so klug geordnet, obwohl in den Ecken und unter der Schräge des Zimmers in den Ecken mancherlei Verstecke waren: für Kleider, - für Bücher? Über dem Bett eine schöne Tagesdecke, so dass das Bett nicht als Bett wirkte, jedenfalls irgendwie keusch? Wo die Zimmerdecke schon tief nach unten reichte war ein niedriges Tischchen, Kerzen drauf und eine kleine, verschlossene Schachtel. Du weißt, ich schnüffle nicht in anderleuts Sache rum. Mehr weil sie so alt und so hübsch war öffnete ich die Schachtel und war verdutzt: da lagen ein halbes Dutzend dieser roten Brillen drin. Und ein Päckchen, mit einem grünen Band verschnürt – diese Zettel mit „Brille verloren usw“, wie ich sie auf der Parkbank gefunden hatte.
Vielleicht war ich zu verwirrt; ich hörte sie erst die Treppe hochkommen, als sie schon fast oben war. Sie muss noch bemerkt haben, wie ich versuchte die Schachtel hastig wieder zu schließen, natürlich klemmte sie. Ich schob sie nach hinten, drehte mich um und sagte dann doch wirklich – ich hätte mir selber eine runterhauen können dafür – scheinheilig: „Hübsch haben Sie’s hier.“ Sie gab keine Antwort und setzte sich wieder hinaus. Ich hatte verspielt, das merkte ich gleich an ihrer Stimme. Wie soll ich dir’s erklären? Wenn man am Computer bei einem Foto die Farbe wegdreht – aller Schmelz, alles Wohlwollen war aus ihrer Stimme verschwunden. Da war nichts mehr zu retten.

Beim Runtergehen, ich hielt mich schissrig am Geländer fest, wäre ich am Ende – da gab es auf den letzten beiden Stufen eine fiese Biegung nach links – beinahe gefallen. Sie öffnete mir die Tür und schaute mich großäugig an. Als sie die Tür von innen zusperrte, stand ich immer noch davor. Halblaut, mehr für mich, sagte ich leise: „Es tut mir so leid“, aber ich glaube, das hat sie nicht mehr gehört.
Herzliche Grüsse, dein alter J.

Freitag, 16. März 2012

34.

Liebe H. Du kennst mein faible für Handschriften; es wächst im Bewusstsein, dass die Zeit, da man mit der Hand schreibt, zu Ende geht. Entsprechend ziehen die Preise für Autografen bei den Antiquaren an; selbst hier. Man wittert das Interesse der (vorerst wenigen) Fremden. Um es kurz zu machen: ich hab bei dem mürrischen Bücherwurm hinter dem Glockenspielbrunnen (er riecht so penetrant nach Lakritz) einen kleinen Schatz entdeckt (entsprechend war auch der Preis). Auf leicht grünlichem Büttenpapier, zu einem Heftchen gebunden, der Umschlag ein altes Marmorpapier, ist mit Feder und rötlicher Tinte in reinlicher, ein wenig gezierter Schrift ein zusammenhängender Text geschrieben. Dazu ein paar nichtssagende Entwürfe. Die Handschrift passt - finde ich – zu dem etwas altmännerbrillierenden Stil. Es ist kein Brief, eher der Anfang eines Romans über eine offenbar schwierige, oder gar schon zerbrochne Beziehung? Ein älterer Mann, eine jüngere Frau? Hier ist der Text dieser Handschrift; ich glaube, ich habe alles richtig entziffert: Wenn ich mich abhorche, mit dem inneren Echolot - da ist es seltsam still in mir. Kein Echo des Steinschlags, nein es war eher ein Bergrutsch, der ein eben noch behaglich bewohntes Haus einstürzen ließ. Beunruhigend rasch hat sich der Staub verzogen, kaum Schmerz über den Verlust: war’s keiner? Ich habe doch etwas eingebüsst, das unersetzlich ist. Hab ich es klaglos verschmerzt, sang- und klanglos verloren? Ich weiß, wie sich Trennungen anfühlen,- was also ist hier? Ich fühle mich befreit, und entlastet; Hinweis, dass ich kaltherzig bin? Bin ich selbstsüchtig, wenn ich nicht verzweifle, weil wieder ein Band zu einem Menschen gerissen ist, eines der letzten, das mich noch verankerte? Oder endet eine Illusion, eine nur zu gewünschte Selbsttäuschung, die mir weismachen wollte, dass ich mich noch mit Leidenschaft an einen anderen Menschen binden könne. Ich bin alt und spüre es doch nicht. Nicht überall, auch nicht immer. Meine geistige Neugier lodert, vielfach und heftig wie eh; mein Gedächtnis ist – abgesehen von Namen, die ich zuweilen im Hirn zusammenkramen muss – zuverlässig und weitreichend; ein großer Schatz an Wissen steht mir zur Verfügung. Meine Kreativität nimmt eher noch zu, nicht nur technisch, ich muss um Bilder nicht betteln, sie drängen heran. Auch die geschriebene Sprache schmiegt sich meinen Gedanken an, mühelos, leuchtend, formstark. Am Morgen freilich beim Aufstehen spür ich mein Kreuz, und wie. Auch die Augen werden ungenauer; doch zum lesen reicht es. Woran fehlt’s dann? Am Begehren. Dem körperlichen Unvermögen hat sich offenbar ein seelisches angehängt. Noch zündet das Entzücken über weibliche Schönheit, jeder Busen lässt die Sehnsucht aufrauschen, aber den Leib bringt all das nicht mehr zum Brennen. Das verbittert mich sehr, zuweilen bis zum giftigsten Selbsthass. Natürlich vermag ich die Frau noch kunstgerecht zu befriedigen; das ist vergnüglich, aber eher Dienstleistung. Und wie der Mann, der die Frau braucht, zu den weitesten Kompromissen bereit ist, bin ich’s nun gar nicht mehr; es muss ja nicht mehr sein. Ich bin nicht länger gefügig. Das macht mich – in den Augen der Frau nur? – rasch störrisch, nicht selten aufsässig, am Ende behäbig. Ich mag nicht mehr aus dem Haus gehen, schon gar nicht am Abend. Meine Bücher, mein Rotwein, die Schreibmaschine, Federn und Tinte und anderes Spielzeug; ich habe reichlich. Noch umweht mich oft ein Rest von schlechtem Gewissen, aber das trägt keine Früchte; ich bleibe am Ende dann in meinen vier Wänden. Von dort schreib ich meine Briefe. Kommunikation aus dem sicheren Hinterhalt? Ich krieg offenbar auch den Arsch nicht mehr hoch. Das also ist das Alter? Der Countdown zum Sterben? Dass nicht mehr alles möglich ist (war es das je?). Mag sein, dass das natürlich ist, schön ist es nicht. Sagt nicht Freud, dass der Mensch auf eine einmal genossene Lust nie mehr verzichten könne? Über mir wohnt einer, der jault mindestens zweimal die Woche seine Lust durch alle Wände. Er hat keine Frau, braucht offenbar keine. Er hat seine Lust. Das Leben ist keine Caritassammlung; es bettelt nicht mit der Sammelbüchse um milde Gaben; das Leben nimmt einfach weg. Und wie Kinder, denen man herzlos das Spielzeug aus der Hand reißt, flennen wir dann. Kindisch, zuweilen, meine heimlichen Gedanken an einen Schacher: was ich dafür geben würde, wenn ich einmal noch wenigstens könnte – Also kein Glücksbrausen mehr, bestenfalls summt es. Behaglichkeit, Selbstgenuss heißt die Devise. Wenig Störung durch andre: Glücksimpulse, bereichernd, erhellend, zum Vorteil irritierend erfährt man eh’ immer seltner durch andre. Was für ein Eigenbrötler bin ich geworden. Aber mein selbstgebacknes Brot ist nahrhaft und schmeckt mir. Was nun soll eine Frau, gar eine junge, mit so einem Einsiedler anfangen? Trägt sie den zahnlosen Jagdhund zur Jagd, denkt er dabei wehleidig an seine Bücherberghöhle. Ist ihr Interesse an ihm am Ende nicht so verwunderlich wie sein Desinteresse an ihr? Ach. Natürlich ist alles viel komplizierter; auf beiden Seiten brodelt eine trübe Mischung von „ichmöchtjagern & danndochwiedernicht“. Das Bittere ist, dass sich beide das Leben schwer machen, das eigene und das des andern dazu: sie wirft ihm vor, dass er so gar nicht herzhaft zuschnappt, sie schmählich allein lässt. Er macht ihr ein schlechtes Gewissen, dass sie so gern immer mehr von ihm hätte. Eine Lösung mit dem Kopf wäre möglich: sie gesteht ihm zu, dass er in seinem Alter mit gutem Recht allein vor dem Spiegel sitzt; er anerkennt, dass sie mit gutem Recht im ihrem Alter sein Spiegel sein möchte. Ja, mit dem Kopf. Im Herzen aber geht es bei beiden nicht so schubladensäuberlich zu. Nur,- wie man von der Kette weiß: sie ist so fest wie ihr schwächstes Glied. Wer weniger Wünsche hat an den Anderen, gibt das Tempo an. Seine Schwunglosigkeit bestimmt Lautstärke, Klangreichtum, Tonfülle ihres Konzerts. Wer mehr will, kriegt weniger? Das ist ein Unglück. Und ist nicht gerecht. Aber ist nicht alles noch verwickelter? Wenn das Begehren Honig in die Augen schmiert, dass man am anderen jedes Härchen vergöttert, vergrössert das mangelnde Begehren jeden Kratzer, jedes Stäubchen, jeden Fleck. Da können dann Winzigkeiten zum Beweis werden, dass „wir zwei nicht zusammenpassen“. Haben diese Zwei sich aber endlich im --- Hier bricht der Text leider ab. Einige Zeilen sind zwar noch geschrieben, aber gründlich unleserlich gemacht. Die meisten Seiten des Heftchens sind leer, auf einigen gibt es Stichwörter, zum Beispiel für die Beschreibung einer Wohnung, auch eine Handvoll Straßennamen. Seltsam eine Liste von weiblicher Unterwäsche. Ein paar Städtenamen, vielleicht von gemeinsamen Reisen. Und einige Abkürzungen, durchaus unverständlich. Auf der letzten Seite des kleines Heftchens stehen, untereinander die Zahlen eins bis 12; vielleicht die geplanten Kapitel? Das Heft trägt keinen Titel, keinen Verfassernamen, keinen Hinweis auf eine Jahreszahl. Ist der Text ein erstes Kapitel für einen Roman? Du siehst, mein Fund beschäftigt mich. Ob ich im Alter auch so ein Grantler werde?! Jedenfalls werde ich bald einen zweiten Besuch bei dem Antiquar machen, obwohl er mir– dem Ausländer – dreiste Preise abverlangt. Soviel für heute davon. Von dir lese ich – Ausführlichkeit ist ja nicht deine Stärke – Andeutungen über einen erneuten Umzug. Schon wieder? Wohnst du jetzt allein oder bist du wieder bei einem deiner Liebhaber untergeschlupft?? Übrigens (auch ich belasse es heute bei Andeutungen): auch in meinem Leben gibt es eine bedeutende Neuigkeit,- sie hat einen weiblichen Vornamen... Bald mehr davon. Jetzt bist du erst mal dran. Ich warte. Mit herzlichen Grüssen, Jacob.

Freitag, 9. März 2012

Sonntag, 22. Mai 2011

33.
Ich weiß nicht, warum sie mich nicht weggeschickt haben. Zu stark mit sich selbst beschäftigt? Oder großzügig und furchtlos gegen „Andersgläubige“. Es war allerdings auch schon recht dämmrig, nein, daran lag’s wohl nicht. Eher daran, dass jeder mit sich beschäftigt schien. Es war zwar eine Gruppe, ich denke: so gut zwei Dutzend? Aber eher als eine Schar von Leuten. Frauen, Männer, auch jüngere, fast noch Kinder, die sich auf einer Waldlichtung versammelt hatten. Als ich zufällig dazu stieß – ich hatte noch einen Abendspaziergang am Alten See gemacht und wollte durch das Wäldchen einen Abkürzer nehmen - war mir als erstes aufgefallen, dass keiner mit keinem sprach. Viele saßen auf dem moosigen Boden, lehnten sich an Bäume; einige gingen ruhig hin und her, offenbar warteten alle. Worauf? Ich traute mich nicht, jemanden zu fragen. Ich hatte zwar das ein wenig peinliche Gefühl, dass ich nicht dazugehörte aber zugleich den Eindruck, dass mich keiner fortschicken würde. Das, worauf sie warteten, mussten von oben kommen, denn sie schauten immer wieder einmal prüfend in den sternklaren Nachthimmel hinauf. Da war aber auch nichts zu sehen.

Es war eine schöne Nacht. Warm, windstill, es roch stark nach Wald, die Zikaden zirpten und die Ruhe der Menschen strahlte eine seltsame Kraft aus. Nein, etwas Feierliches, aber ohne Pathos, ohne Zwang oder Kleinlichkeit. Ich könnte nicht erklären warum, aber ich empfand die Situation als befreiend. Und dann kam Unruhe in die Gruppe. Die Sitzenden erhoben sich, die Umhergehenden blieben stehen, die an Bäume Gelehnten lösten sich und alle stellten sich breitbeinig auf ihre Füße. Seltsamerweise schaute nun niemand mehr zum Himmel hinauf aber ich hatte den Eindruck, dass alle nach wie vor nach oben konzentriert waren.
Und dann ging der Mond auf. Vollmond. Und was für einer! Verwirrend groß, sehr steinbleich und so hell, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Ich muss zugeben, dass ich Mondnächte kaum je draußen im Wald verbringe, aber das machte bestimmt nur einen Teil des Unheimlichen der Szene aus. Wie soll ich sagen: das Inständige, womit die Leute sich auf den Mond konzentrierte, verwirrte mich. Einige hielten die Hände, die Handflächen ausgestreckt, als wollten sie was empfangen. Andere richteten das Gesicht steil noch oben, aber mit geschlossenen Augen. Manche standen auch nur so da, wie einer ergeben im Regen steht. Ein paar Frauen hatten ihre Händen über den Kopf gestreckt, als wollten sie nach oben greifen. Jetzt erkannte ich auch, dass sie nicht wahllos herumstanden sondern sich im Kreis um einen alten Mann mit weißen Haaren aufgestellt hatten. Ein eher kleines Männchen, weiß gekleidet und barfuss. Dass er kleine Schuhe an hatte, sah ich, weil er sich vom moosigen Waldboden ein paar Zentimeter erhob. Also: er schwebte, der Mond war hell genug, dass ich das sehen konnte. Natürlich dachte ich: ich seh’ nicht recht.

Du weißt ja, dass ich immer eine kleine Taschenlampe in der Hosentasche habe. Mein erster Impuls war: leuchten. Er war bestimmt auf einen Stein gestiegen oder einen Ast. Zum Glück ließ ich meine Lampe in der Hose. Denn jetzt wurden alle unruhig, ein Stöhnen oder Brummen oder Raunen ging durch die Leute. Einige riefen auch etwas, das ich nicht verstand. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Also offenbar irgendeine Sekte, die ein Vollmondritual feierte und am Ende doch was gegen Fremde hatte. Später erfuhr ich, dass ich in eine Feier der Mondmilchtrinker geraten war. Im Augenblick aber dachte ich nur: wie komm ich da heil davon. Das Gesumse wurden immer lauter, ekstatischer. Der Alte begann zu leuchten, wie von innen heraus. Kann aber auch der Glanz des Mondes auf seiner hellen Kleidung gewesen sein. Ich spürte jedenfalls, dass ich die Distanz zu verlieren drohte. Einige begannen hoch zu springen, zunehmend verzweifelt, wie mir vorkam. Ein paar hatten sich wieder auf den Boden gesetzt und ließen den Kopf hängen. Einige kamen mir wütend vor. Was würde geschehen, wenn der Mond hinter dem großen Hügel verschwinden würde und das war schon sehr bald der Fall. Sollte ich vorher davonrennen? Aber wohin? Und die Leute kannten sich in diesem Wald bestimmt besser aus als ich. Da öffnete der alte Mann die Augen, lächelte mich an und zeigte mit dem Finger auf mich. Sogleich hörte das Gesumse auf, alle drehten sich zu mir und ich spürte, wie mir schlecht wurde. Nein, eher schwindelig. Ich hatte das Gefühl, dass mein Körpergewicht nach unten wegtropfte, aus mir heraus floss. Zugleich hatte ich im Magen dieses ekelige Gefühl, das man kriegt, wenn der Aufzug seine Geschwindigkeit plötzlich verringt. Begann ich zu schweben? Unter meinen Füssen spürten ich jedenfalls nicht mehr den Druck des Bodens auf meine Schuhe. Ich hatte nur noch den Gedanken: du musst dich festhalten, irgendwo festkrallen und: nur nicht nach unten schauen. Dann muss ich ohnmächtig geworden sein.

Als ich wieder aufwachte war es schon morgendämmrig und mein Kopf lag im Schoss dieses Alten. Er lächelte mich an und hob meinen Kopf behutsam auf und legte ihn auf das Moos. Dann stand er auf und ging wortlos weg. Ich rappelte mich hoch; ich fühlte mich erfrischt und wieder ganz normal aber ganz durcheinander. Ich ging im Laufschritt und trotzdem fröstelnd zu meiner Herberge, da war um die Zeit noch niemand wach und legte mich auf mein Bett. Ohne mich auszuziehen. Als ich wieder erwachte war es schon Mittag und mit jeder Minute kamen mir die Erlebnisses dieser Mondnacht unwirklicher vor, als hätte ich sie nur geträumt. Man hat mir zwar erzählt, dass es diese Sekte der Mondmilchtrinker wirklich gebe und dass sie glauben, der Vollmond habe die Kraft, aus den Menschen die Schwerkraft herauszusaugen. Aber du weißt, ich glaub nicht an solchen Kokolores.-
Bei dir alles in Ordnung?
J.

Dienstag, 26. April 2011

32.
O.K.- ich bin kein Ass in Botanik; ich kann Tulpen von Hortensien unterscheiden, zur Not auch noch Veilchen von Margueriten. Standard halt. Aber ich liebe Blumen, anders übrigens als mein Vater: der hätte sich bestimmt geschüttelt, hätte man ihm einen Blumenstrauss geschenkt (und gedacht: eh, bin ich schwul?!). Naja, eine andere Generation, obwoh ich finde, dass man auch heut noch eher einer Frau Blumen schenkt als einem Mann. (Das kannst du dir ruhig merken). Ich komm ein bisschen vom Thema ab. Hier hält man viel von Blumen; die öffentlichen Parks sind voll davon, mehr noch aber die privaten Gärten. Vor allem natürlich an den Prachtvillen am Südende des Grossen Sees, in Richtung Moor. Ich würde dir das nicht schreiben, wenn ich nicht ein besonderes Erlebnis gehabt hätte. Bei einem Morgenspaziergang, sehr früh, ich konnte nicht schlafen, bin ich in dieses Villenviertel am See geraten. Spaziergänger sind dort eigentlich nicht besonders erwünscht; wie überall auf der Welt bleiben die Reichen lieber unter sich. Aber das Tor einer besonders schönen Villa war geöffnet und ich hab mich einfach unter die Schar von Gaffern gemischt, die – erwünscht oder nicht – hineindrängte. Außer mir wusste offenbar jeder, worum es ging: ein Blumenwachstumsritual. Du kennst meine Skepsis gegenüber allem, was in meinen Augen „Esoterik“ ist. Aber ich beschreib dir erst mal, was geschah.
Ein paar stämmige Burschen luden ein Klavier ab und trugen es in die Mitte des Gartens, stellten es dort neben den kleinen Teich. Kein besonders großes Klavier, also kein Flügel, normale Zimmergröße halt. Rabenschwarz. Eine ältere Frau dirigierte, energisch aber unaufgeregt und die Kerle stellten ohne zu murren das Klavier ein paar mal um, bis sie zufrieden war. Von den Umstehenden erfuhr ich hinterher: sie war mal eine berühmte Malerin, malte Kleines ganz groß, zum Beispiel ein Ameisenauge auf eine Leinwand von ein paar Quadratmeter. Später hab ich mir einige Bilder von ihr angeschaut, die hier in der Staatsgalerie hängen. Sehr eindrucksvoll, ein wenig abstrakt und wunderbar kräftige, fast betörend schöne Farben. Sie war ziemlich gut im Geschäft und dann hat ein Verrückter in einer Ausstellung in Japan (?) eines ihrer Bilder von der Wand gerissen und mit einem Messer zerschnitten. Statt diese gewaltige Reklame zu nutzen, hat sie von dem Tag nicht mehr gemalt. Man munkelt, sie macht jetzt nur noch fingernagelgroße Collagen, vielleicht stimmt das aber nicht. Die Leute wollen ja immer Mythen. Jedenfalls hat sie sich seit der Zeit sehr intensiv mit Blumen beschäftigt und betreibt mit ihrem Mann eine Art von Blumen&Pflanzenmagie. Sie treten gemeinsam auf, er spielt Klavier, eigene Improvisationen und sie geht von Strauch zu Strauch und sagt den Pflanzen irgendwas. So leise, dass man’s nicht versteht. Er ist sehr elegant gekleidet, sieht aus wie ein gehobener Banker, sie eher ein bisschen alternativ Schlurfi, aber geschmackvoll.
Vielleicht stelle ich das zu ironisch dar, weil wie gesagt mein Glaube an so was recht klein ist. Ich kann ja nicht beurteilen, was auf Klavier und Flüsterworte und was auf Pflanzendünger zurückgeht. Ich hab mir später ein paar Gärten zeigen lassen, die die beiden „bespielt“ haben und muss zugeben, die sind eindeutig besser im Schuss als andere, zum Beispiel gleich daneben. Allerdings gibt es auch einen, heißt es, an den sie schon seit drei Jahren ranarbeiten und nix wächst. Kann aber halt auch andere Gründe haben. Ich hätte natürlich gern gewusst, wie teuer der Spaß ist, das war aber nicht rauszukriegen. Die Gaffer, die man nach der Zeremonie höflich aber bestimmt wieder hinauskomplimentierte haben davon selbstverständlich keine Ahnung, die Villenbesitzer zu fragen hab ich mich nicht getraut. Außerdem wurde ich genauso unmissverständlich hinausgescheucht wie die anderen. Aus Rache (?) hab ich mir einen kleinen Zweig mit wundervoll roten, fast feurigen Blüten abgezwickt. Keine Ahnung, wie die heißen (siehe oben).

P.S.:
Ich muss was zurücknehmen: als ich Minjonn von der Geschichte erzählte, wusste sie, dass das Blumenpärchen offenbar nicht geldgierig ist. Ab und zu haben sie einen Auftritt in den muffigen Hinterhöfen der Altstadt. Auch da, wo sonst nichts wächst als ein paar rachitische Sträucher gibt es einige Höfe, die richtige kleine Blumenparadieschen sind. Hab ich natürlich nicht geglaubt, aber nach einiger Sucherei hab ich so einen Hinterhof gefunden und muss sagen: sehr erstaunlich. Dort hatte das Paar am Ende des Winters einen Auftritt und zwar, halt dich fest: vollkommen kostenlos. Die beiden bestehen nur darauf, dass bei so einem Beschwörungsakt in einem dusteren Hinterhof keine Presse dabei ist. Das imponiert mir. Ich werde versuchen, in Kontakt mit diesem seltsamen Pärchen zu kommen. Wie man hört, nicht leicht: sie gelten als menschenscheu,- aber bei meinem Charm....
Heut also blumige Grüsse.
J.

Samstag, 23. April 2011

31.
Über Nacht ist es heiß geworden, ohne Warnung, ohne Vorlauf, mit einer Knallsonne, die wie ein Gewicht von oben herabdrückt. Und schon sind sie da, als hätten sie darauf gewartet. Wir kennen bei uns ja die Bauchladenwurstverkäufer, auf den großen Plätzen, vor den U-Bahnstationen. Hier sind es die Schattenmänner; Männer sagt man, aber es sind auch Frauen darunter, freilich weniger; der job verlangt Muskeln.
In einer Art Rucksack tragen sie ein Bäumchen auf dem Rücken. Kein hohes, aber doch mit soviel Laub, dass ein schöner Schatten entsteht. Sie haben kleine Sesselchen, einige sogar raffiniert ausklappbare Liegen dabei. Hat es sich erst ein Kunde darauf bequem gemacht, zaubern sie aus ihren Jacken Getränke,- auf unerklärliche Weise gekühlt; auf Wunsch auch Kaffee,- und der ist genauso rätselhaft warm, nein, richtig heiß. Einige haben in ihren Bäumchen Singvögel; warum die nicht wegfliegen? Und sogar Obst, das man – Höhepunkt und natürlich nicht billig – pflücken darf. Da ist natürlich ein Trick dabei; auch hier gibt es um diese Jahreszeit noch keine reifen Äpfel oder Birnen, auch noch keine knallroten Kirschen.
Je nach Wunsch zaubern diese Schattenbaumträger – weiß gar nicht, wie die wirklich heißen – Tageszeitungen oder gar richtige Bücher aus ihren unergründlichen Jacken. Man sieht, wie die „Kunden“ wiederholt nachzahlen; sitzt man einmal in so einem kleinen Schatten, mag man gar nicht mehr aufstehen. Vielleicht auch, um den nicht wenigen Gaffern ringsum zu bedeuten: ich kann mir das leisten. Der Schatten ist naturgemäss nicht groß; ich habe aber beobachtet, dass sich zu dem im Schatten Sitzenden ein Freund, ein Bekannter dazugesellte, der dann, selber in der scharfen Sonne stehend, mit dem Sitzenden plauderte. Nicht lang natürlich. Den Sitzenden ist diese Situation anscheinend nicht peinlich. Ich jedenfalls hab zwar große Augen gemacht aber dann bislang noch nicht die courage aufgebracht, mir so einen Schattenplatz zu mieten. Nicht aus Geiz, du kennst mich; auch nicht aus Geldmangel, noch hab ich sehr wenig von meinem Reisegeld verbraucht. Ne, es wär mir peinlich, ich könnte mich nicht entspannen, wenn hinter mir so ein armer Kerl mit einem Baum im Rucksack stünde,- oder gar eine Frau. Drum für heute: sehr heiße (verschwitzte) Grüsse. J.

Donnerstag, 7. April 2011

30.
Du lieber Gott: hier ist echt der Teufel los. Ich hatte ganz vergessen, dass man an diesem Wochenende das Dingsbumsfest feiert; hab vergessen, wie es heißt und was es bedeutet. Alle Häuser sind geschmückt, sogar meine liebe alte Herberge, alle Zimmer sind belegt, ja überbelegt und ich rätsle, wieso ich mein altes Zimmer beziehen konnte. Noch rätselhafter: die gute Minjonn scheint gewusst zu haben – woher bloß?? – dass ich an diesem Wochenende käme; sie hat mir nicht nur das Zimmer freigehalten, hat es obendrein geschmückt. Blumen überall, die berühmte Obstschale und sogar eine Flasche vom Weißwein hat sie organisiert für mich. Ich hab sie zur Begrüßung ganz gerührt in die Arme genommen und sie war auch echt bewegt und hat es nicht verborgen.
Seltsam, was? Dass man auch in der Fremde so was wie Heimat bildet, wo man zurückkehrt, um sich auszuruhen, sich zu schützen vor den Angriffen des zu Fremden. Wo man Ruhe findet, obwohl ringsum wirklich der Teufel los ist.

In der Hauptstadt, rings um den See, stehen zahllose Buden und überall gibt es kleine Inseln von Zuschauern rings um Schausteller, Spaßmacher, Feuerschlucker, Artisten und vieles mehr. Auf einem Steg im See ist ein Gerüst aufgebaut worden, da drängeln die Kinder hin. Oben, ich kann’s nur aus der Ferne sehen, der Andrang ist so stark, ich komm gar nicht näher ran, also oben auf dem Gerüst steht eine Maschine, die produziert Seifenblasen. Aber riesengroße. Zuerst wollte ich meinen Augen nicht trauen: Kinder stellen sich breitbeinig über diese Maschine, dann bläst der Maschinist eine Seifenblase. Die wird immer größer bis das Kind praktisch in ihr steht. Und dann – du traust deinen Augen nicht – hebt diese Blase ab und beginnt über das Feld zu schweben und vier Leute – Assistenten? – rennen hinterher, kämpfen und quetschen sich durch die Menge, mit einem Sprungtuch. Irgendwann macht es dann plobb und die Kinder landen, wenn alles gut ging, in so einem Sprungtuch. Wenn nicht, sie fliegen ja nur weniger Meter über dem Boden, fängt die dichte Menge kreischend und jubelnd das Kind auf. Frag mich nicht, wie das funktioniert.

Es gibt natürlich auch für Erwachsene jene Menge Lustbarkeiten. Ich hab’s aber erst in eine der zahlreichen Buden geschafft. Auch hier ist der Andrang immens. Wie im guten alten Jahrmarkt bittet ein Magier (?) eine Frau aus dem Publikum auf die Bühne. Sie tut’s, wie üblich unter reichlich Hallo und kessen Kommentaren der Andern. Der Magier bittet sie höflich, an einem blumengeschmückten Tischchen Platz zu nehmen. Was sie möchte, fragt er und als sie sich schüchtern für Kaffee entscheidet, holt er aus der Luft eine dampfende Tasse und sogar ein Stück Kuchen dazu. Naja, die alten Schaubudentricks hör ich dich sagen; wart’s ab. Er sagt ihr, sie solle sich nicht fürchten, alles was nun geschehe, werde er hinterher wieder ungeschehen machen usw. Er reicht ihr Briefpapier, einen riesigen Füller, sie soll einen Brief schreiben, sich um nichts mehr kümmern, was rings um sie passiert. Sie ist recht gutwillig, fängt wirklich an, zu schreiben. Da sitzt sie nun, im Zelt ist es ganz still geworden, über ihren Brief gebeugt, dass die herabquellen Haare ihr Gesicht verbergen. Sie schreibt. Als sie sich aufrichtet, um einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse zu nehmen, geht mein Blick durch sie hindurch. Als würde ihr Körper einen Augenblick im Nebel dünn werden, nein, wie ein Baum im Nebel dünn wird, entschwindet, wieder auftaucht, fest wird und wieder entschwindet.
Ich blicke mich um, alle starren nach vorne zur Bühne. Sehen alle dasselbe wie ich?
Ich suche nach Erklärungen: Lichtschwankungen? Schatten? Mein Müdigkeit? Draußen ist gleichmäßiges Regengrau, hier drinnen das weiche Goldgelb der zahlreichen gedimten Lampen. Und ich sehe ihren Tisch, ihre Tasse, ja sogar ihr Tagebuch klar und scharf und deutlich. Und jetzt beginnt sie wieder zu verblassen. Wie in einer langsamen Überblendung verdämmert ihr Körper, taucht die Stuhllehne hinter ihr auf und die Wand dahinter, die ihr Leib eben noch verdeckt hatte. Während ich noch hinstarre, zerrinnt der Nebel und ihr Körper kehrt zurück. Ich finde, sie ist dick.

Mir schwirrt der Kopf, aber es reicht noch für liebe Grüsse an dich. Morgen mehr.
J.

Mittwoch, 6. April 2011

29.
Man soll sich nicht umschauen; das ist tödlich. Jedenfalls gibt es große Beispiele dafür: Orpheus, Frau Lot – Fragt sich halt, wie weit man zurückschaut. Wie weit man, indem man den Kopf dreht die Gefahr vor sich nicht rechtzeitig sieht,- oder das Glück? Bei Frau Lot ist es simple Neugier, die sie das Leben kostet, sie zur Salzsäure verwandelt. Warum soll eigentlich niemand das Wüten Gottes gegen die Bösen mit ansehen? Wenn ich mich recht erinnere, werden die sündigen Städte (Babylon? Nein, Babylon war ja schon wegen des Turmbaus und der daraus folgenden Sprachverwirrung zum Teufel gegangen.) Sodom und Gomorra waren die unglücklichen Städte, denen es an der Kragen ging – wegen ihrer Schweinereien, als die Zahl der Gerechten, derentwillen Lot Verschonung erbetteln will nicht ausreicht.
Man hat inzwischen gelernt: nach einem Tsumani schaut man sich nicht um, das kostet lebensrettende Sekunden. Gut, bei äußeren Katastrophen heißt also die Devise: rette sich wer kann. Zur Rückschau ist später, falls man’s überlebt hat noch genug Zeit.
Entschuldige, wenn ich so vor mich hingrüble. Ich spreche natürlich von mir. Und um gar nicht erst Sorge bei dir aufkommen zu lassen: mir ist hier nichts Schlimmes passiert. Kein Erdbeben, keine Überschwemmung, auch kein Überfall und die scheinbare Verhaftung neulich hab ich dir ja ausführlich beschrieben: ein Missverständnis.
Ich fühle mich zusehends irritiert, hab schon an Heimreise gedacht,- eine Flucht, die jetzt zu spät ist. Auch zuhause, nein dort vermehrt, würde mich die Grübelei nicht mehr verlassen. Grins nicht oder tu’s meinetwegen: ich suche nach dem Sinn meines Lebens. Und blicke zurück auf mein Leben, um herauszubringen, ob ich irgendwann – ach, eigentlich hab ich gar keine Lust, das vor dir auszubreiten Langweilt dich vermutlich. Nein entschuldige, nach unseren Spielregeln sollte ich nicht vermuten was du denkst oder fühlst, sondern fragen: langweile ich dich? Geht halt nicht beim Briefeschreiben ---

Wenn man denkt oder merkt: ich hab mich verlaufen, dann die alte Pfadfinderregel: zurückgehen; wo bin ich vom sicheren Weg abgewichen? So simpel funktioniert das bei einer Biografie natürlich nicht. Ich bin ja hierher gefahren, um eine ganz fremde Welt zu erleben. Nicht aus Sensationslust; ich hatte gehofft, durch Konfrontation mit einem Fremden das Eigene wieder genauer zu sehen, das, was durch Gewohnheit selbstverständlich, dh. unsichtbar geworden ist, wieder deutlicher zu sehen. Um mich dann für das Bessere entscheiden zu können.
Ach, vielleicht ist das alles viel zu aufgedonnert; ich bin abgehauen, geflohen. Und der wahre Grund war, dass sich Luisa von mir getrennt hatte. Das hatte ich theoretisch immer vorausgesehen, als es dann doch eintrat, hat es mir den Boden unter den Füssen weggerissen.

Orpheus blickt sich nach seiner Frau um, die er gerade aus dem Tod zurückgeholt hat, nein, sie sind ja noch unterwegs, noch nicht in Sicherheit, noch nicht wieder im Leben oben. Sie verführt ihn,- durch Zweifel. Ich hab nie darüber nachgedacht, warum Orpheus sich nicht umdrehen darf, warum Frau Lot das auch nicht darf. Wer gibt diese dem Gefühl so widerstrebenden Regeln? Und warum?
ICH hätte gern gehabt, dass Luisa sich nach mir umdreht, mich fragt: Liebst du mich denn nicht mehr? Sie hat sich nicht umgedreht.
Luisa ist für mich gestorben und ich werde sie bestimmt nicht mehr zurückholen; und meine Welt – mit ihr – ist so vernichtet wie Sodom durch Feuer und Schwefel, die vom Himmel regnen.
Entschuldige, falls du mich konfus findest oder zu weitschweifig, oder gar sentimental? Ich überlege einfach, ob ich mich in die Zeit vor Luisa zurückbeamen soll – aber das will mir nicht gelingen. Mir ist, also stünde sie wie eine Mauer vor allem „davor“. Als finge mit ihr erst mein wahres Leben an. Alles was „vor“ Luisa war ist blass, alles danach aber dunkel. Ich komme mir vor wie ein Rückenschwimmer, der noch dazu gegen den Strom schwimmt. Alles was ich dann sehe, ist schon wieder vorbei - -

Ich glaube, ich gehe noch ein wenig hinaus; der Regen hat ja endlich aufgehört, noch ist es sehr schwül, dampfend, die Wege aufgeweicht, von den Bäumen tropft es. Aber ich muss hinaus. Morgen reise ich in meine alte Herberge zurück; zur guten Minjonn. Die wird mich wieder aufpäppeln, wieder heiterer plappern. Und dann werde ich mir endlich das berühmte Nationalmuseum anschauen, Bekannte treffen, auf andere Gedanken kommen,- „vorwärts und der Zukunft zugewandt“. Also mach dir keen Kopp wegen mir. Ich glaube fest, dass es ein guter, ein heilender Gedanke war, hierher zu reisen.
Wie es mit dir steht, weiß ich nicht; es kommt keine Post vor dir. Aber vielleicht wartet in der Herberge was auf mich. Ich will hoffen, dass meine Briefe dich wenigstens erreichen. Aber wie soll ich das wissen, wenn du nie antwortest.
Jacob

Montag, 4. April 2011

28.
Lieber Gerhard,
du wirst bestimmt aus allen Wolken fallen, dass du plötzlich einen Brief von mir bekommst, nach Jahren des Schweigens. Und das aus der fernsten Ferne. Ich weiß selber nicht mehr, warum unsere Verbindung abgebrochen ist; eine Zeit lang sind wir doch Tag&Nacht zusammengesteckt und haben viel unternommen. Ich glaube, als du Hals über Kopf auf den Balkan gezogen bist; Yugoslawien? Rumänien? Oder Ungarn? Spielt keine Rolle, du bist dieser Frau hinterher gereist und hast nichts mehr von dir hören lassen, da ist unsere Beziehung dann eingeschlafen. Ich schreibe dir nach Berlin, an deine alte Adresse, weil ich vor meiner Reise durch Zufall gehört hatte, dass du dort hin zurückgekehrt bist.
O Gott, was für eine lange Vorrede. Ich schreibe dir heute, weil ich heute Nacht einen sehr seltsamen Traum hatte und du hast dich doch immer viel mit Träumen beschäftigt, oder?
Ich lebe seit einiger Zeit weit weg von Berlin, weit nicht nur in Kilometern ausgedrückt,- davon ein andermal. Also ich bin heute Nacht schweißgebadet und seltsam erschüttert aus einem Albtraum hochgefahren; ich glaub, ich hab geschrien wie am Spieß. Den Rest der Nacht lag ich dann wach, zitternd und nichts konnte mich beruhigen. (Hab’s mit Wein probiert, mit Musik, mit Lesen,- alles für die Katz).

Es ging um ein Hochzeitsritual. Keine Angst, ich hab nicht vor, zu heiraten, schon gar nicht hier. (Hast du eigentlich die Frau geheiratet, deretwegen du aus Berlin abgehauen warst?) Bleiben wir beim Thema. Im Traum sollte ich mit einer jungen, schönen Frau verheiratet werden, die ich tatsächlich vor kurzem kennengelernt habe und die mir wirklich sehr gut gefällt. Sie ist Mitglied einer seltsamen, na ja Sekte klingt zu abwertend, jedenfalls einer Gemeinschaft mit Ritualen, die von unseren ziemlich abweichen. Spielt jetzt aber auch keine Rolle. Ich sollte jedenfalls mit diesem Mädchen verheiratet werden und als Abschluss dieser Zeremonie sollten wir die Ehe vollziehen, also weniger geschwollen formuliert: wir sollten miteinander schlafen. Vor allen Leuten. (Das gehört zu den Verwunderlichkeiten dieser Leute, dass sie keinerlei Privatheit akzeptieren). Aber sonderbarerweise war es nicht diese Öffentlichkeit des Eheakts, was mich in die Panik eines Albtraums warf. Es war die Form. Beide wurden wir mit einem dicken Tierfell eingehüllt, das jeweils nur ein Loch hatte; eines für mich, eines für sie,- ich muss dir nicht sagen, wo. Das Fürchterliche war, vom Körper des Anderen war durch das dicke Fell absolut nichts mehr fühlbar. Immer verzweifelter versuchten wir beide unsere beiden Öffnungen im Fell aneinander zu bringen.
Ich muss die Beschreibung abbrechen, ich spüre, wie der Albtraum selbst in der Erinnerung wieder in mir hoch zu kriechen beginnt.
Kannst du mir sagen, was dieser Traum bedeutet? Falls du wieder in Berlin lebst, falls du meinen Brief erhältst, falls du mir antworten magst – o je, fast zu viele falls – also ich leg dir eine Adresse bei. Da lebe ich zur Zeit zwar nicht, aber ich schaue dort immer wieder mal vorbei, ob Briefe an mich eingetroffen sind.

Übrigens: Ich hoffe, dass es dir gut geht. Ich werde hier noch einige Zeit bleiben, ich mache ungeheure Erfahrungen, wenn es dich interessiert, berichte ich dir gern mehr davon.
Herzliche Grüsse, dein alter Freund J.

Sonntag, 3. April 2011

27.
Bin ich regensüchtig? Seit Tagen trommelt es auf das Haus, auf die Bäume, auf die Wege und ich bin glücklich darüber. Ich hab meinen Schlafplatz in den obersten Raum verlegt, gleich unterm Dach; da lass ich mich in den Schlaf klöpfeln. Aber noch schlimmer, ich trau mich fast nicht, es zu schreiben: ich schleich auch tagsüber immer wieder mal hoch, lege mich hin, schließe die Augen und lass mich berauschen. Es ist wirklich wie ein Glas Wein. Irgendetwas in mir löst sich auf, wird weicher, ungenauer und doch ist mir, als rücke ich mir selber näher. Anfangs hör ich noch auf einzelne Tropfen, besonders große etwa, die spitzer aufs Dach schlagen. Aber wie im Blick auf eine Menge, wo man bald nicht mehr Gesichter sieht, sondern Farben, Wellen, Formen, so wird mir das Regenrauschen Musik, nein: Klang. Liege ich tagsüber unterm Regen, tauchen die fernsten Erinnerungen auf, die Frauen meines Lebens schwimmen an mir vorbei ohne zu verweilen. Ich hatte mich mal in einem Kahn über einen See treibenlassen treiben lassen und dabei ins Wasser geschaut; so tauchen meine Erinnerungen auf und verschwimmen wieder.

Der Besuch bei den „Offenen“ hatte mich seltsam angegriffen. Vielleicht, weil so vieles, was mir bislang selbstverständlich war nun auf einmal nicht mehr selbstverständlich erschien. Manchmal, besonders halt auf Reisen, lernt man eine neue Art zu leben kennen. Nicht dass man sie sogleich einleuchtend findet, gar übernehmen möchte; aber die eigene, bislang so glatt funktionierende Lebensart wird einem nun seltsam. Man wird unsicher, beginnt zu grübeln, gar zu zweifeln. Das war auch der Grund, warum ich mich so lang nicht mehr gemeldet hatte. Ich habe bisher hier ja schon allerhand Erstaunliches erlebt und erfahren und kann gar nicht sagen, warum ausgerechnet der kurze Aufenthalt bei den „Offenen“ mich so nachdenklich gemacht hat. An sich ist dieses ihr Ideal, selbst das Intimste nicht vor den Anderen zu verbergen, ihnen nicht zu vorenthalten mir ganz zuwider. Ich neige ja immer mehr zum Eigenbrötler, komme wunderbar tagelang ohne jemanden aus, sitz gern allein im café mit meiner Zeitung, meinem Tagebuch, einem Buch. Wenn ich verreise, bilde ich mir ein, allein sehe ich mehr –
Was mir bei diesem Besuch so nahe ging, war die flutende Freundlichkeit eines jeden gegen jeden, gleichsam ohne die geringste Habsucht. Natürlich, ich geb’s gern zu, hat mir schon auch die schöne Romana einen Haken ins Herz geworfen,- wenn ich’s mal so poetisch sagen darf. Ich will mich aber auf jeden Fall noch mal mit dieser Gemeinde beschäftigen,- wenn der Regen vorbei ist. Nach drei Tagen und drei Nächte ist es ohnedies an der Zeit. Draußen wuchert mittlerweile ein fast krachendes Grün, die Luft ist so würzig und dick, dass man sie greifen kann. Aber die Kieswege rund um das Haus gleichen langsam einem raffinierten Bewässerungsssystem, punktiert wie eine riesige Gänsehaut von den Regennadeln. Und ich hab fast Angst, dass meine Versessenheit auf Regen schuld daran ist, dass die Sonne nicht mehr scheint. Nein, keine Angst, so weit ist es mit mir noch nicht; mich beherrschen noch keine Allmachtphantasien, aber wenn du mich fragst: meinetwegen kann es ruhig noch ein paar Tage weiterregnen.
Für heute also: regenglückliche Grüsse vom alten J.

Mittwoch, 23. März 2011

25.

War nichts. Jemand hat mir eine Schale Obst in die Eingangshalle gestellt; das geschieht oft und ich weiß nicht einmal, wer mein Wohltäter ist. Die Leute sind hier unglaublich freundlich. Wunderbares frisches Obst!
Wo war ich? Ach ja, ich hatte dir von unserer seltsamen „Bettszene“ geschrieben. Offenbar war es Romana sehr peinlich, dass ich den Vorhang zuziehen wollte; mir war das Gegenteil peinlich. Zum Glück tauchte einer ihrer kleinen Geschwister auf; offenbar sollten wir zum Essen hinunter kommen. Ich war fast erleichtert, ehrlich gesagt, das waren Sitten, die mein Weltbild auf den Kopf stellten,- und es sollte noch schlimmer kommen.
Wie liebevoll der Tisch gedeckt war, Blumen an jedem Platz, Kerzen. Auf den Tellern hatte jeder einen kleinen Zettel. Jeder las seinen vor; mich übersprang man großzügig. Jeden legte sich selber auf aus großen Schüsseln. Als alle etwas auf ihrem Teller hatten griff ich zur Gabel und wollte anfangen zu essen. Romana, die rechts von mir saß hielt meine Hand fest und schaute mich dringlich an. Dann vertauschte sie meinen Teller mit dem ihren und ich sah beschämt, dass alle ihre Teller mit ihrem Nachbarn tauschten. Irritiert dachte, jetzt bloß nicht noch einen faux-pas und statt zu essen wartete ich ab. Zum Glück. Denn jetzt streckten alle ihre Hände aus und berührten damit das Gesicht ihres Nachbarns. Links neben mir saß ein sehr kleines Mädchen; das kam nicht hoch bis zu meinen Gesicht, da kletterte es einfach auf den Stuhl. Nun war aber das Gesicht seines linken, auch sehr kleinen, Nachbarn zu weit unten. Die Kleine konnte nicht gleichzeitig mich und ihren Nachbarn anfassen. Alle lachten gutmütig. Der Vater sagte etwas, worauf die Kleine mit einem größeren Geschwisterchen Platz tauschte – Als endlich alle zu essen anfingen, war mir fast der Appetit vergangen. Kleinlaut schaute ich mich nach allen Seiten um, es gab aber offenbar im Moment kein neues Fettnäpfen für mich und ich aß auch. Es schmeckte wunderbar, recht fremd aber wirklich gut. Nein, es schmeckte umwerfend. Anders als bei uns gab es nicht ein großes Gericht sondern sehr viele kleine und als wir endlich bei der Nachspeise angekommen waren, konnte ich fast nicht mehr.
Der Vater saß an einem Ende des langen Tisches, die Mutter am anderen. Beide haben mich sehr beeindruckt obwohl ich ja nichts von dem verstand, was sie sprachen.
Der Vater, groß, kurze Haare, einen ebenfalls kurzen Bart, erstaunlich helle Augen, von denen ich mir irgendwie durchschaut fühlte. Ich weiß auch nicht, warum. Er hatte eine seltsame Ausstrahlung von gütiger Autorität, wenn es so was gibt. Vielleicht sollte man sagen: von einer unangestrengten Autorität. Er fragte viel, hörte zu, akzeptierte durch ein warmes Lächeln,- du siehst, ich war gleich verknallt in ihn. Die Mutter sprach weniger, streckte manchmal die Hände aus, nach der die Kinder dann glücklich schnappten, stand auch hin und wieder auf und streichelte einem der Kinder kurz übers Haar. Ich muss sagen, ich fühlte mich beeindruckt.

Nach dem Essen versuchte mir Romana die Einladung ihres Vaters zu übersetzen, dass ich in ihrem Haus als Gast übernachten solle. Sie zeigte mir mein Zimmer; es lag neben ihrem. Die Kleinen wurden von der Mutter ist Bett gebracht, ich sollte ihnen noch gute Nacht sagen („sagen“ ist gut). Sie hielten mich zutraulich an den Händen und beinahe hätte ich ihnen eine Gute-Nachtgeschichte erzählt; irgendwie, kam mir vor, erwarteten sie es sogar.
Romana nahm mich mit auf ihr Zimmer, zeigte mir Zeichnungen, offenbar von ihr selber gemacht. Sehr niedliche, begabte Skizzen von Naturszenen, auch ein paar Portraits der Geschwister, der Eltern. Als sie sich zu entkleiden begann, wurde ich wieder rot – so oft wie hier bin ich seit Jahrzehnten nicht mehr errötet – und verzog mich zurück auf mein Zimmer. Dann erwartete mich freilich noch eine Katastrophe, mit der ich nicht gerechnet hatte. Du erinnerst dich, dass ich dir geschrieben hatte, dass es hier keine Türen gab. Das galt leider auch für die Toilette. Ich fand keinen Lichtschalter,- um ihn auszuschalten und setzte mich dann mit einem Stossgebet auf die Toilette: lieber Gott, lass niemanden kommen. Es gibt keinen Gott, jetzt weiß ich es. Auf dem Korridor vor dem Bad ging die Mutter vorbei und statt diskret wegzuschauen lächelte sie mir zu. Mir blieb das Herz stehen: einen Augenblick sah es so aus, aus würde sie vor dem Bad stehenbleiben um mir irgendwas zu erklären. Vielleicht war es mein Schweißausbruch, mein verzweifeltes Gesicht; jedenfalls blieb sie nicht stehen, sondern ging weiter, wohl, um Bettwäsche in mein Zimmer zu tragen. Verzweifelt spülte ich und vertiefte mich in ein endloses Händewaschen. Die Mutter aber ging in Romanas Zimmer, beiden scherzten und ich nutzte die Gelegenheit und huschte wie ein Taschendieb in mein Zimmer.
Bald wurde es still im Haus aber ich hörte alles. Wie eine kleine Nachtmusik rauschte ein Umdrehen, ein Bettdeckenrascheln, ein wohliges Gähnen und Seufzen durch das Haus. Eine Treppe tiefer war das Schlafzimmer der Eltern; natürlich ohne Tür. Ich hörte die beiden heiter und zugewandt plaudern; mein Name fiel wiederholt,- oh je, dachte ich; was die wohl von mir halten. Dann sprachen beide zur gleichen Zeit, vielleicht ein Gebet? Bald schliefen sie. Nun hörte ich den gleichmäßigen Atem Romanas aus dem Nebenzimmer aufblühen. Ich wär’ gern zu ihr gegangen, traute mich aber nicht. Sie war so nah und doch so fern. Und diese offenen Türen, nein, die türlosen Zimmer, dazu die großen Löcher in den Wänden, es war, als würde meine Decke über mir schweben statt mich zuzudecken. Irgendwann schlief sogar ich ein. Frag mich nicht nach meinen Träumen.
Bis bald und bleib munter:
J.

Dienstag, 22. März 2011

24.
Ahnst du, was mich schließlich doch aus dem Haus gelockt hat? Natürlich: ein Weibsbild. Ich saß auf dem Balkon, am späten Nachmittag; mit einem Glas Wein. Du weißt, ich trinke um die Zeit sonst keinen Alkohol. Ein wunderbar würziger, bernsteinfarbener Weißwein hatte es mir angetan. Er war zur Begrüßung auf dem Tisch gestanden, aber ich hatte ihn einige Tage lang gar nicht beachtet. Ich hatte ihn in den Kühlschrank gestellt und dort vergessen. Mit dem saß ich im Schatten auf dem Balkon und las, als unten der Kies von Schritten knirschte. Fast leise; als ging ein Kind den Weg entlang. Ich hatte tagelang keinen Menschen gesehen oder gehört. Neugierig fuhr ich aus dem Sessel auf und beugte mich über die Brüstung. Dabei entglitt mir der Stift, den ich beim Lesen immer in der Hand halte und fiel hinunter. Um ein Haar hätte er die junge Frau getroffen, die unten ging. Sie sprang erschreckt zur Seite, blickte hoch und begann zu lachen, mehr über ihren Schreck als über mein entgeistertes Gesicht. (Oder lachte sie doch über mich?). Ich entschuldigte mich verlegen aber sie lachte immer weiter. Dann bückte sie sich und versuchte, den Stift zu mir hochzuwerfen. Ohne Erfolg. Ich streckte mich nach unten, tat, als versuchte ich, meinen Arm wachsen zu lassen und so weiter. Ein munteres Spielchen und bald lachten wir beide wie alte Bekannte.
Erhitzt setzte sie sich auf eine Bank und ich bedeutete ihr, dass ich runterkäme. Sie nickte erfreut und ich beeilte mich.
Sie wartete, bis ich vor ihr stand, dann erhob sie sich, streckte mir ihre Handflächen hin und – da ich sie nur verwundert anstarrte – hob sie auch meine Handflächen in diese Stellung und berührte sie mit ihren Händen. Dann beugte sie sich vor und küsste mich auf den Mund. Ich war sehr verwirrt, begriff aber schnell an ihrer freundlichen Unbefangenheit dass das ein hier übliches Begrüßungsritual sein musste. Ich fürchte, ich wurde ziemlich rot. Und schon lachte sie wieder. Sie war jung, sehr schön, fand ich, ganz in weiß gekleidet. Kurze braune Haare, keinen Schmuck, hatte ein wunderbar offenes Gesicht, scharf blickende Augen, einen vollen Mund. Sie wirkte seltsam, wie soll ich sagen: rein? Nein, das klingt ja fürchterlich. Jedenfalls sehr zugewandt und trotzdem ganz authentisch. Sie sprach in einem musikalischen aber harten Dialekt oder gar einer anderen Sprache zu mir. Und wieder einmal verstand ich kein Wort; immerhin soviel, dass ich sie begleiten sollte, dass sie mir was zeigen wollte?

Nach einem flotten Spaziergang von etwa einer Stunde, sie hatte mich an der Hand genommen, führte uns ein schmaler und abschüssiger Weg in ein anderes Tal hinab und da sah man eine Art Siedlung, im Kreis um einen großen Garten herum gebaut.
Du musst dir das so vorstellen: zahlreiche, hübsche Häuser mit einem üppigen Blumengarten vorm Eingang waren kreisförmig nebeneinander gestellt. Durch die Zwischenräume sah man in einen großen Garten, fast schon ein Park, auf der Rückseite. Die Häuser sahen alle gleich aus, zwei Stockwerke, sehr große Fenster, hübsche Kamine auf dem Dach, hoch und tulpenförmig; erinnerten mich sofort an Venedig. Später, als ich drin war, merkte ich auch, dass die Häuser nach hinten viel länger waren als vorn in der Breite.
Das Mädchen rief etwas, später erfuhr ich, dass sie Romana heißt, da traten ihre Eltern und wohl einige Geschwister heraus und alle begrüßten mich auf die selbe verwunderliche Weise – Hände berühren, Kuss auf den Mund – wie es Romana getan hatte. Diesmal wurde ich nicht rot aber fühlte mich doch recht seltsam. Da ich ihre Sprache nicht verstand, konnte ich nur albern nicken und lächeln. Zum Glück zogen sich die Eltern bald zurück; Romana sollte mir offenbar das Haus zeigen und die kleinen Geschwister hängten sich schnatternd und kichernd an uns ran. Da alle hier im Haus die selbe Kleidung trugen – Romana hatte sich auch rasch umgezogen – konnte man bei den Kindern nicht so ohne weiteres unterscheiden, ob es Jungs oder Mädchen waren.
Alle Zimmer das Hauses waren ungewöhnlich hell, Licht durchflutet von den sehr großen Fenstern. Seltsamerweise hatten auch die Wände große runde Fenster von einem Zimmer zum anderen. Zwar mit Glas, aber trotzdem kamen mir dadurch die Zimmer seltsam offen, unabgeschlossen vor. Türen gab es im Haus überhaupt keine; das ist mir aber erst später aufgefallen. Am Ende der Führung landeten wir in Romanas Zimmer; es passte sehr gut zu ihr, obwohl ich nicht hätte sagen können, warum. Wenig Möbel, ein Schreibtisch mit Blumen, ein Regal mit alten Büchern, keine Bilder an den Wänden. Aber ein großes Bett, ein breites Doppelbett, mit einer wunderschön bestickten Tagesdecke, stand in der Mitte des Zimmers. Romana hopste auf das Bett, räkelte sich gut gelaunt und streckte die Arme nach mir aus. Ich sollte mich dazulegen? Verwirrt schaute ich zu den Kindern, doch die machten es sich auch schon bequem auf dem Bett, sozusagen zu unseren Füssen. Und da Romana nicht aufhörte, mich mit ausgebreiteten Armen einzuladen, kroch ich zögernd und umständlich auch auf das Bett. (Natürlich wurde ich wieder rot, was die Gören offenbar bemerkten und mit Beifall und Gelächter kommentierten). Romana zog mich an sich und küsste mich, diesmal ohne das Händepatschen. Den kleinen Bettgästen schien das völlig normal; sie hatten ihr Interesse an uns verloren, auch an mir und fingen irgend ein Spiel an. Zum Glück ertönte von unten der Ruf der Mutter und alle stürmten davon.
Ich befreite mich aus Romanas Umarmung, glitt vom Bett und ging zum großen Fenster auf der Straßenseite und zog den Vorhang zu. Noch ehe ich zum Bett zurückkam, war Romana aufgesprungen, peinlich berührt, fast entsetzt zog sie den Vorhang wieder auf. Sie sah mich mit großen Augen an, fast vorwurfsvoll, wie mir schien. Dann legte sie sich wieder hin und lächelte mich erwartungsvoll an. Nun verstand ich gar nichts mehr. Ich nahm – oh entschuldige, es klopft unten an meiner Haustür, ich muss mal rasch nachschauen, wer das ist - „hold the line!“.

Donnerstag, 17. März 2011

23.
ich weiß gar nicht, ob das auf mich einströmt? Oder aus mir heraus? Ich spüre eine Bewegung in mir und sitze doch nur auf dem Balkon und schau hinaus. Vom Wald kommt baumgrün eine würzige Luft zu mir herüber, aber das ist es auch nicht. Ich kann es nicht beschreiben. Meine Unruhe, auch der nachhallende Schock verdunsten gleichsam, zugleich saugt sich mein Körper voll von einem Frieden, einer Zustimmung – ach, ich lass es. Vielleicht verstehst du mich trotzdem.
Das Haus, in dem ich nun wohne, ist nicht klein, aber schmal. Es hat zwei Stockwerke, verbunden durch eine Wendeltreppe. Im oberen schlingt sich ein Balkon wie ein Ring um das ganze Haus. Das Tischchen, der Stuhl, ein Abstellhocker, sie haben Räder, man kann sie verschieben: immer der Sonne nach, oder dem Schatten. Dabei ändert sich der Ausblick wenig. Wie ein zweiter großer Ring schließt überall ein dunkler Wald das Bühnenbild. Davor Wiesen, Bäche, ein kleiner See. Nah rings um das Haus ein Gärtchen. Obstbäume, Blumenbeete. Kräuter. Bänke, schmale Wege mit hellem Kies bestreut.
Im Haus gibt es Zimmer, die sich vor allem durch das Licht unterscheiden. Ein Raum, ich nenne ihn den Salon, ist von Licht geradezu überflutet. Tagsüber fast gleißend; am Abend scheint das Licht aus den großen Fenster hinauszurinnen, wie die Ebbe das Meer mit sich mitnimmt. Diese Fenster werden großäugig, fast vibrierend vor Helligkeit, während drinnen das Dunkle wie ein Wasserspiegel ansteigt, oder von oben herabsinkt? Diese Dämmerung wie eine Vorstellung, wie ein Konzert zu erleben ist wunderschön. Ganz gegen meine sonstige Gewohnheit muss ich nichts lesen, nichts schreiben. Nur diesen Lichtwandel erleben. Einziger Zuhörer, einziger Zuschauer von etwas Großem.
Ein anderes Zimmer, unterm Dach, ist dagegen fast dunkel. Hoch oben einige runde Fensteröffnungen. Man fühlt sich aber nicht wie in einem Verlies, eher wie in einer alten Wallfahrtskirche, vor den Zeiten der künstlichen Beleuchtung. Obwohl das Licht sich in wahren Kaskaden durch diese Luken in den Raum ergießt hat man eher den Eindruck, das seien Luken hinaus, Ferngläser,- in den Kosmos?

Ich fürchte, für deinen Geschmack bin ich heut zu schwärmerisch; vielleicht vermisst du gar meine sonstige Ironie, meine Spöttelei. Ich weiß selber nicht, wenn ich das Geschriebene noch mal durchlese, kommt es mir schon ein wenig verschwiemelt vor. Wenn ich aber den Blick vom Blatt löse und ihn wieder dem Raum und seinem Licht zuwende, kommen mir meine Worte eher noch zu dürftig vor. Du wirst es nicht glauben, seit drei Tagen bin ich nun hier und habe das Haus kaum verlassen; manchmal ein paar Schritte im Garten, aber schon zieht es mich wieder zurück in die Räume oder auf den Balkon. Auf dem Dach ist übrigens eine Art Altane, da hab ich einmal eine Nacht geschlafen; unter dem nackten Himmel. Anfangs mit Unbehagen, als wär’ ich nicht zudeckt, weil der Raum über mir so endlos erschien. Je dunkler es wurde – und es war eine sternklare Nacht – um so ruhiger fühlte ich mich. Ganz früh hat mich aber die Kälte aufgeweckt, die durch meine Decken sickerte. Da bin ich drunten in mein weiches Bett gekrochen. Ehe ich wieder einschlief, ich hatte die Augen geschlossen, sah ich die zahllosen Sterne über mir. Was sagst du? Seltsame Dinge gehen hier vor.
J.

Mittwoch, 9. März 2011

22.
Nun bin ich im Paradies. Wie schön kann eine Landschaft sein! Dabei war der Weg hierher nicht nur beschwerlich; er war auch – soll ich sagen: verdrießlich? Es hat mich jedenfalls sehr genervt, dass dieses Tier dauernd vor mir herlief. Du weißt, ich mag Hunde nicht; krieg schnell eine Gänsehaut und einen Herzstich, wenn unvermutet ein Hund um eine Hausecke kommt. Und wechsle dann unauffällig die Straßenseite. Aber dieses Tier war grad durch seine Nichtschrecklichkeit so schrecklich. Ich glaube, es war Chonlins Idee, mir diesen Hund als Führer mitzugeben. Tatsächlich hätte ich den Weg hierher niemals selber gefunden, auch nicht mit den besten Karten oder Wegbeschreibungen. Ein ewiges Zickzack; die schlechten Wege, nein eher: der Mangel an Wegen nötigte dazu. Es ging mal rauf, dann wieder steil hinab. Durch Dickicht, über Bäche, nein durch Bäche, Brücken gab es nicht. Das Lästige, nein: das Unheimliche war, dass dieser Hund immer ein paar Schritte vor mir herlief, an Wegkreuzungen sich nach mir umblickte, grenzenlos geduldig. Und dass er offenbar keine Zweifel hatte, den richtigen Weg zu führen. Kein Zögern, kein Umkehren,- immer geradeaus vor mir her. Nie zu schnell, nie zu langsam.
Wir haben den Weg nicht an einem Tag geschafft und ich sag die Wahrheit: am Abend des ersten Tags blieb er stehen, schaute mich durchdringend an und legte sich dann einfach hin. Was blieb mir anderes übrig, als das gleiche zu tun. Immerhin fühlte ich mich in dieser Nacht sicher. Am Morgen aber, als ich erwachte, war er schon vor mir wach; er schien auf mich gewartete zu haben. Sobald ich mich regte, sprang er auf und zog wieder vor mir her, immer ein paar Meter voraus. Ich sollte ihm, sobald wir angekommen waren, ein sorgfältig verpacktes Futter geben; Chonlin hatte mir eingeschärft, ihm das ja nicht früher zu zeigen oder gar zu geben. Als wir am Nachmittag des zweiten Tags aus dem Wald auf eine Lichtung traten, auf der einige Häuser zu sehen waren, rings um einen See – so hatte mir Chonlin das Ziel beschrieben, wickelte ich dieses Superfutter aus und gab es dem Hund. Eine Art Wurst. Der machte sich sofort gierig darüber her und als er alles gefressen hatte, lief er zurück in den Wald, ohne sich noch einmal umzusehen. Schon recht seltsam, findest du nicht auch?
Ich ging die blumenübersäte Wiese, ein sanfter Abhang, hinab zum See und betrat das größte Haus. Es war bunt gemalt, wie Chonlin es mir beschrieben hatte. Da ich keine Klingel fand klopfte ich, als beim wiederholten Klopfen niemand öffnete ging ich hinein. Die Tür war nicht verschlossen. Drinnen war es sehr hell, aber die Räume hatten praktisch keine Möbel. Und trotzdem sah es nicht verlassen aus. In der Mitte der Eingangshalle, auf einem großen Holztisch (das einzige Möbel in dem Raum mit großen Fenstern) lag ein Briefumschlag mit meinem Namen. falsch geschrieben, also der Vorname mit k statt mit c aber offenbar für mich bestimmt. Eine Wegbeschreibung zu „meinem“ Haus, gezeichnet und auf deutsch (!) das Wort „Willkommen“.
Ich will dich nicht auf die Folter spannen: die Wegbeschreibung war tadellos, ich fand das Haus ohne Probleme. Klein, hell, wunderschön. Mehrere Zimmerchen. Unverschlossen, als gäbe es hier überhaupt keine Schlösser. Und wieder lag ein Brief für mich da. Ich machte eine kleine Runde durch das Haus. Als ich im ersten Stock auf die Terrasse hinaustrat, wusste ich, ich war im Paradies.
Sehr bewegt und glücklich: Jacob

Dienstag, 8. März 2011

21.
Ich hab mich neu eingekleidet, trag’ nun die ein wenig formlose, bequeme Bekleidung der Einheimischen aus hellem Leinen; es hilft mir Abstand zu gewinnen zu den letzten Tagen. (Es hallt länger in mir nach als ich gedacht hatte). Ich bin dadurch auch ein bisschen weniger auffällig als Fremder gekennzeichnet,- obwohl mich nach dem ganzen Theater mit dem Überfall und meiner Flucht und der Suche nach mir usw. fast alle kennen. Das ist mir schon peinlich. Ich muss weiterreisen, auch deshalb, aber vor allem, weil hier alles vollgesogen ist vom Schrecken der letzten Tage. Ich habe mich von Johanno beraten lassen, vorher aber will ich dem armen Alten, den die Räuber überfallen hatten, noch einen kleinen Besuch abstatten. Vielleicht kann ich Minjonn bewegen, mich zu begleiten. Johanno hat mir den Tip gegeben, für einige Zeit in ein Hochtal zu reisen, das nicht nur durch seine landschaftliche Schönheit sehr beruhigend wirken soll; es gibt dort auch einige Gemeinschaften, eine Art Sekten würden wir vielleicht sagen, aber das Wort sollte nichts Abschätziges beinhalten. Johanno wollte nicht genauer werden. Jedenfalls Leute, die einen eigentümlichen Lebensstil praktizierten.

Es war eine gute Idee, den Alten zu besuchen, und eine gute Idee war es auch, Minjonn mit zu nehmen. So kam es nicht wieder zu so einem gewaltigen Besäufnis wie bei meinem ersten Besuch. Der Alte, er heißt oder jedenfalls nennen ihn alles so: Chonlin. (da ch schweizerisch halsgekratzt). Chonlin trug noch einen dicken Verband um den Kopf, war aber schon wieder putzmunter; ein harter Bursche, der was wegstecken kann. Er begrüßte mich überschwänglich und baute gleich eine deftige Brotzeit für uns auf einem Tischchen im Garten vor dem Haus auf. Die Schnapsflasche verstaute er auf meinen dringenden Blick hin mit einer Grimasse unter den Tisch. Er stellte eine Schale mit Beeren auf den Tisch, über die sich sogar Minjonn sehr erstaunt zeigte; irgendwas Rares. Sahen aus wie Brombeeren, waren aber hellgelb. Sie schmeckten unwahrscheinlich aromatisch. Als ich merkte, wie scharf Minjonn auf diese offenbar sehr seltenen Früchte war, hielt ich mich zurück und überließ ihr den Löwenanteil.
Die Räuber waren entkommen, die Steinkröten nicht wieder aufgetaucht. Chonlin erzählte was von einem Markt, auf dem er sie zu finden hoffte, ich hab ihn aber nicht recht verstanden. Dass diese seltsamen Gebilde sehr wertvoll waren, hatte ich inzwischen kapiert. Auch Johanno hatte auf meine zweifelnden Fragen beteuert, das seien echte Steine und die darin verborgenen Kröten seien lebendig; wie das möglich sein sollte, wusste auch er nicht. Als der Alte von meiner bevorstehenden Reise hörte, kramte er in seinem behelfsmäßig renovierten Schuppen und kam mit einem Fläschchen zurück. Er redete auf Minjonn ein, sie sollte mir erklären, wozu die Flüssigkeit – es war ein altes Fläschchen, nur gut 10 cm hoch – gut sei. Ihre Erklärung verstand ich leider auch nicht viel besser als die des Alten. Irgendeine Medizin jedenfalls,- aber wofür, oder besser: wogegen? Bei Angst und großer Not oder so ähnlich. Er überreichte mir das Säftchen so feierlich, dass es mir fast unheimlich war. Um ihm zu zeigen, wie hoch ich sein Geschenk schätze, wickelte ich es pedantisch in mein Taschentuch und steckte es, vorsichtig als ob Nitroglyzerin drin wär’ , in meinen Rucksack. Er gab mir auch noch allerhand Ermahnungen mit auf den Weg, die ich großäugig anhörte und bedeutend dazu nickte; verstanden hab ich davon nur einen Bruchteil. Beim Weggehen steckte er mir noch mit Verschwörerblick einen Flasche Schnaps zu und ich ließ sie genau so komplizenhaft in der Jackentasche verschwinden; Minjonn tat uns den Gefallen und tat so, als bemerke sie nichts. Die haben es hier alle faustdick hinter den Ohren, das kannst du mir glauben.
Ich muss packen. Ich hab mich entschlossen, nur das allernotwendigste mit zu nehmen. Den Grossteil meines Gepäcks lasse ich hier in der Herberge, die so zu meinem Hauptquartier wird, in das man immer wieder zurückkehrt von seinen Expeditionen.
Deine Briefe werde ich mitnehmen; es sind ja nicht all zu viele. (!)
Denk in den nächsten Tage mal an deinen gutenalten
J.

Montag, 7. März 2011

20.
Sie haben mich eingefangen. Ich habe mich nicht widersetzt, als sie mich zurückbrachten. Zuerst war ich verwundert, als ich merkte, dass wir uns meiner Herberge näherten, nicht der Stadt. Ich hatte damit gerechnet, dass sie mich in’s Gefängnis brächten oder so was ähnliches. Meine Einfänger, oder soll ich das Grüppchen nennen, das mich in den Bergen überrascht hatte? Diese kleine Schar hatte mich seltsam fröhlich, ja fast erleichtert wie es mir vorkam, begrüßt. Sie gaben mir zu essen, hängten mir eine Decke um. Mit Erklärungen hielten sie sich seltsam zurück; später erfuhr ich, dass man ihnen eingeschärft hatte, nicht auf mich einzureden, weil ich sie ohnehin nicht verstanden hätte.
An der Herberge kam uns Minjonn entgegengelaufen, freudestrahlend fiel sie mir um den Hals. Hinter ihr, vor’m Eingang sah ich mit großer Erleichterung den freundlichen Alten stehen, von dem ich wusste, dass er deutsch sprach. Auch er kam mir nun entgegen, schüttelte mir fest und freundlich die Hand, klopfte mir auf die Schulter und sagte dann gutmütig brummelnd: „Junge, was hast du dir nur dabei gedacht? Einfach davon zu rennen.“
Mir kam alles so unwirklich vor. Meine Bewacher, nein, das waren sie offenbar gar nicht, also die Schar, die mich in den Bergen gefunden und herab geführt hatte, war seltsamerweise verschwunden. Nein, ich hörte ihr fröhliches Plaudern aus dem Gastraum, dazu das Klingen von Gläsern. Es ging bald hoch her. Ich verstand nichts. Johann hakte mich unter und zog mich auch in den Gastraum hinein, wo wir mit viel Lärm von den zechenden Polizisten – waren sie das? – begrüßt wurden. Sie prosteten mir alle zu und ich wusste nicht, wie ich schauen sollte.
Minjonn hatte einen Tisch für uns gedeckt und nun endlich erklärte mir Johanno die Lage. Als ich in Panik weggerannt war, fiel natürlich zuerst der Verdacht auf mich, deshalb die Verfolger, deshalb die Schüsse auf mich mit dieser heftigen Geruchsessenz. Tatsächlich das Mittel der hiesigen Polizei, flüchtige Täter zu stellen, sie wieder auffindbar zu machen. Nun fiel mir auch wieder auf, dass dieser ekelig intensive Geruch immer noch an mir haftete. Noch während ich im Bachbett zu entkommen hoffte, war der Alte schon wieder zu sich gekommen. Er hatte nur eine heftig blutende aber nicht weiter gefährliche Wunde am Kopf. Und er berichtete, was geschehen war. Räuber hatten ihn überfallen und als er sich zur Wehr setzte niedergeschlagen. Dann hatten sie seine Hütte durchwühlt; sie waren wegen der Steinkröten gekommen. Sie fanden das Versteck im Schuppen, nahmen alle Steine mit und legten das Feuer.
Das hatte der Alte den Polizisten erzählt. Als sie ihm von mir und meiner Flucht berichteten, nahm er mich sogleich in Schutz; ich sei sein Freund und würde ihm nie was tun und so weiter. Man beschloss mich zu suchen. Minjonn wurde verhört; sie leugnete, irgendwas von meinem Aufenthalt zu wissen, verplapperte sich dann aber wohl und man schickte einen Suchtruppen in das Gebirge und so weiter und so weiter.

Ich sitze nun wieder auf meinem Zimmer. Morgen hab ich einen Termin bei der Polizei, da will man mich „entstinken“; es gibt offenbar eine Spezialprozedur, diesen Geruch wieder zu neutralisieren. Heute stinke ich noch und es ist auch nicht besser geworden, seit ich alle Fenster aufgerissen habe und mich auf den Balkon gesetzt habe.
Natürlich bin ich ungeheuer erleichtert und dennoch verstört. Wie ein entgleister Zug stehe ich neben den Schienen und weiß nicht, wohin ich nun gehöre. Die wiedergeschenkten Behaglichkeiten der Zivilisation beruhigen mich zwar; neben mir steht das berühmte Tablett mit Essen und Trinken. Ich habe frische Kleider angezogen, die warme Dusche war wie ein Wunder, an das man nicht glauben mag, obwohl man es am eigenen Leib spürt. Ich bin allein; zum Glück, denn wenn jemand bei mir wäre, ich wüsste nicht, was ich mit ihm reden sollte. So richtig ist die Sprache, der Sprechwunsch noch nicht zu mir zurückgekehrt. Ich bin betäubt,- ja wovon eigentlich? Vielleicht sollte ich mehr Geduld mit mir haben. Ich werde dir wohl einige Tage lang nicht schreiben, nimm’s mir nicht übel. Ich melde mich, wenn ich wieder ein wenig klarer sehe,- oder deutlicher fühle.
J.

P.S: mach dir bloß keine Sorgen! Jetzt, da die Müdigkeit mich schaudernd wie eine Gänsehaut zu überziehen beginnt, wird der nachklingende Schrecken langsam unscharf, dämmrig und ich fürchte, ich hab dir alles zu melodramatisch geschildert. Ich geh lieber ins Bett.--

Sonntag, 6. März 2011

19.
H: Kennst du das auch? Manchmal ändert man sich, nein etwas an dir wird anders und das geht so langsam vor sich, dass man den Anfang nicht wahrnimmt, auch im nachhinein nicht mehr sagen könnte, wann und wie es begonnen hat.
Ich glaube, es war die Angst, dass mich jeder Laut verraten könnte; ich wusste, meine Verfolger hatten nicht aufgegeben. Sie schwiegen nun selber, um sich nicht zu verraten. Und ich eben auch. Ich hatte dir ja erzählt, dass das Echo jedes Wort, jeden Laut in einen schwirrenden Vogelschwarm verwandelte, dessen Kreischen und Gezeter bis zur Unerträglichkeit anschwoll, einen wie ein Spinnennetz einschnürte, bedrängte, bedrohte.
Aber nicht, dass ich um derlei zu vermeiden, nichts mehr rief, nichts mehr sagte, wollte ich dir erzählen. Erst war’s ein Vorsatz, dann begannen die Worte in mir zu versiegen. Ich weiß nicht, ob du dir das vorstellen kannst. Man hat ja manchmal einen Druck im Inneren, wenn man rülpsen muss; wenn ein Husten sich ankündet und man weiß, man kann ihn nicht mehr lange zurückhalten. Hinterher ist der Druck weg. Bei mir aber stellte sich etwas ein, das mehr war als ein Nicht-Druck; ich kann es nur so negativ formulieren. Bei einem Gespräch kennt man das doch: der andere sagt was und du spürst, wie auch bei dir sich etwas regt, wie es aufquillt, wie es drängender wird, wenn der andere dir keinen Raum lässt zum Antworten. Ich war allein, gut, und auf der Flucht. Aber es fühlte sich in mir an wie ein sinkender Wasserspiegel. Als würden sich die Worte, nein der Wunsch, Worte zu äußern, immer tiefer in mich zurückzuziehen. Ich atmete weiter, ruhig, mit Behagen; ich schluckte, spürte dabei meine Zunge im Mund. Aber nichts mehr in mir verlangte danach, zu reden. Mir fehlte es nicht mehr. Es war, als verheilte eine Wunde in mir, über die fortwährend Worte kratzend geglitten waren. Dabei fehlte es mir nicht an Worten, an Sprache. Ich dachte mir vieles, und spürte (?), es waren gute, genaue Formulierungen. Aber sie hatten ihren Sprachleib verloren, waren nicht mehr Luft, nicht mehr Klang, nicht mehr Schwingung in mir. Die Worte waren nun – ja: Geistig? Nein, das ist ein schales Wort. Ich kann es nicht benennen. Es war eine betörende Erfahrung. Befreiend. Sie hat natürlich nicht lange gedauert.
J.

Samstag, 5. März 2011

17.
Ach liebste H., was gäbe ich darum, jetzt bei dir auf deinem roten Sofa sitzen können, deinen unvermeidlichen grünen Tee im Glas...
Ich fühle mich ganz elend, nein, ich bin’s. Die erste Panik hat sich gelegt; um so schlimmer nun die wiederkehrende Vernunft, die mich anfeindet, ja ankeift: Und nun?! Aber ich weiß nicht weiter. Was so unvermutet über mich hereingebrochen ist, dafür hab ich keine Erfahrung. Mein Körper ist den Strapazen nicht gewachsen; du weißt, was ich für ein unsportlicher Bücherfresser bin. Die Füsse tun mir weh vom Laufen, das Herz rast von diesem ständigen Aufwärts. Manchmal denke ich, ich bin auf einem Weg, dann wieder habe ich den Eindruck, dass ich nur über Geröll stolpere. Bin schon ein paar mal hingefallen; meine Kniee bluten durch die Hose hindurch. Vor allem weiss ich gar nicht, wo ich hin soll oder hin will. Ich haste nur immer weiter einen Berg hinauf, durch Bäume, Moos, Gestrüpp, über Bäche. Immer weiter hinauf, weil ich denke, das bringt mich immer weiter weg. Ich bin auf der Flucht, mein Gott, wie das klingt. Ich weiß nicht mehr, was mich bewogen hat, so hirnlos davon zu rennen, als hätte ich die geringste Chance, in einem unbekannten Land unterzutauchen. In Romanen liest man so schön, dass solche Flüchtige wie ich im Wald sich von Beeren und Wurzeln nähren; ich hab noch nichts gesehen, was man essen könnte. Die Vorräte, die mir Minjonn zugesteckt hat, reichen bestenfalls noch bis morgen früh. Ich muss aufhören. Es dämmert schon, ich kann meine eigene Schrift nicht mehr lesen und das Blatt ist auch voll.-
Recht verzweifelt: J.