7.
Liebe H.,
ich hatte dir gestern erzählt von dem tröstlichen, rettenden Abendessen, der Suppe aus Pilzen, dem dick geschnittenen Ranft Bauernbrot. Noch etwas anderes trug dazu bei, meine Laune nachdrücklich zu heben. Nein, da tu ich mir unrecht, es war nicht bloß Laune, die mich runtergedrückt hatte. Ich hatte seit Tagen mit keinem Menschen ein Wort gewechselt. Nun, gestern Abend saß ich zum ersten mal nicht allein in dem Gastraum. Oder soll man ihn Kneipe nennen? Da war noch ein anderer Mensch, den ich vorher noch nie gesehen hatte. Außer meiner kleinen Minjonn, einer mürrischen Wirtin, die sicher älter wirkte als sie war, und einem eher hörbaren als sichtbaren, na ja, eine Art Hausknecht, hatte ich ohnehin hier seit meiner Ankunft noch niemanden zu Gesicht bekommen.
Als ich gestern am Abend aus dem Wald zurückkam und in die Gaststube trat, da saß da schon einer. Ein älterer Mann. Ganz in schwarz, um den Hals aber einen kleinen roten seidenen Schal. Er saß in der Ecke, schien auf das Essen zu warten. Auf der Nase kleine runde Lesebrille, vor sich ein Buch, in der Hand einen Bleistift. Er trug einen Bart, der heller war als sein wuschliges Haupthaar; das übrigens stand widerspenstig nach allen Seiten empor, fast wie gerupft. Er blickte hoch, lächelte mich an, klappte das Buch zu, winkte freundlich und fragte noch aus der Entfernung: „Wollen wir zusammen essen?“ „Ja gerne“, gab ich zur Antwort und setzte mich an seinen Tisch. Da fiel mir erst auf: er hatte mich auf deutsch angesprochen. Der erste Mensch hier, mit dem ich mit verständigen konnte. Fast aufgeregt sagte ich: „Sie sprechen ja deutsch?!“ Er lächelte nur und sagte: „Heut gibt es Pilzsuppe; so gut wie sie hier schmeckt, schmeckt sie sonst nirgends. Das wollen wir uns doch nicht entgehen lassen, was meinen Sie?“
Es wurde ein herrlicher Abend. Er erzählte viel vom Essen der Gegend, vom Wein, vom Wetter, aber wenig von sich, nein, eigentlich gar nichts, das fällt mir jetzt erst auf, und ich mochte ihn auch nicht ausfragen. Das Buch, das er gelesen hatte, als ich reinkam, hatte er umgedreht, ich konnte den Titel nicht lesen. Ich hoffte, er würde mal zur Toilette gehen, aber seine Blase hielt mehr aus als meine. Als ich zurückkam, war er verschwunden. Er hatte zuvor für uns beide bezahlt; an meinem Platz lag ein Zettelchen: „Wir sehen uns doch wieder?“. Da war ich dann doch richtig enttäuscht. Aber ich habe ein gutes Gefühl, er wird sich wieder melden. Minjonn räumte den Tisch ab, schnatterte wie üblich; da sie wiederholt auf den nun leeren Platz deutete, sprach sie wohl von diesem Mann. Sie konnte sich gar nicht beruhigen. Wie üblich verstand ich kein Wort.
Eigentlich wollte ich dir noch von einer weiteren Überraschung erzählen, aber der Spaziergang, das Essen, der Wein dazu, das angeregte Geplausche,- nimm’s mir nicht übel, aber jetzt muss ich ins Bett. Gute Nacht und bis morgen.
Jacob
Dienstag, 22. Februar 2011
Montag, 21. Februar 2011
6.
Eigentlich kann ich es mir – jetzt, im Nachhinein - nicht mehr erklären. Ich fühlte mich doch gut, wie noch mal davon gekommen, als ich aus dem Unterwassertunnel hinauskletterte in die warme leuchtende Sonne. Ich hatte dir im letzten Brief von diesem Gang in die, nein nur: durch die Unterwelt erzählt.
Als ich den Weg in den luftigen Schlosspark fortsetzte war da alles so heiter gepflegt, durchaus nicht aufdringlich oder herrschsüchtig über die Natur, wie man es in den Barockgärten erlebt. Links am Ende des Kieswegs mit seinem Blumen- und Pflanzenornamenten ein Schloss. Viel Weiß, viel Gold. Rechts von mir kleine, weiße Marmorfiguren, oder waren sie nur aus Stein? Sie standen auf einer ebenfalls steinernen Brüstung und ließen einen kleinen Durchgang frei. Dort konnte man über niedrige Stufen zum See hinuntersteigen. Enten, ein Schwanenpaar.
Ich ging aber geradeaus weiter in den hinter dem Park beginnenden echten Wald. Mir kam er jedenfalls von Schritt zu Schritt so vor. Weil er immer dichter wurde, auch dunkler. Weich federten meine Schritte auf dem dicken Laubteppich, es roch wunderbar „waldisch“ und als ich auf eine Lichtung mit großen, umgefallenen Bäumen kam, setzte ich mich auf einen umgefallenen Baum. Kein Mensch weit und breit, auch aus der Ferne drang kein menschliches Geräusch. Nur die Blätter rauschten, leise; es war fast windstill. Weit entfernt hörte ich Vögel. Ich weiß nicht, wie, - der Modergeruch vielleicht (eigentlich angenehm, irgendwie pilzig), die Stille, unten am Boden der dicke vermoderte Blätterteppich, oben schon wieder die ersten grünen Triebe; dieser ewige Kreislauf, vielleicht war’s das: mit einem Mal hatte ich das Gefühl, dass ich sterblich bin. Entschuldige, jetzt, da ich wieder im Warmen zuhause bin, das Glas Rotwein leuchtet und duftet neben dem Tagebuch, jetzt kommt mir das eher melodramatisch vor. Aber draußen im Wald, da war es nicht so sehr das Gefühl meines unvermeidlichen Tods, was mich herabdrückte, nein, mir wurde angesichts dieses Kreislaufs der Natur bewusst, dass ich ja fast unausgesetzt denke: Lohnt sich noch, daß ich das oder das beginne? Wenn’s mir den Tod nicht vorher aus den Händen schlägt, dann zertritt er es doch hinterher. Andrerseits: Warten auf den Tod, ist das nicht wie Zitronensäure in Milch gießen; natürlich gerinnt sie davon, natürlich wird sie sauer. Warten bohrt ein Loch in die Seele, lässt Kraft wegsickern. Es wird innerlich ungemütlich, wie wenn eine Tür offen bliebe. Der Raum verliert sein Schützendes. So schadet etwas, das noch nicht da ist, als wär’ es schon da. Ich bin ein Schiffsbrüchiger, der in sein Rettungsboot selber ein Leck pult. Das wurde mir mit einem Mal klar und zugleich wusste ich: ich kann nicht ablassen, voll Angst und Wut auf den Tod zu warten. Was für ein irrer Zirkel.
Weißt du, wie ich mich aus dieser Düsterkeit am eigenen Schopf herausgezogen habe? Ich bekam Hunger. Vermutlich der Pilzgeruch. Er erinnerte mich, dass sie in der Herberge eine unvergleichliche Pilzsuppe zubereiten; am Ankunftstag hatte man mich damit entzückt. Und je mehr ich an diese Pilzsuppe dachte, um so unabweisbarer erwachte mein Appetit und der lässt sich zum Glück nicht von der albernen Frage klein kriegen: Lohnt es sich noch??
Um es ohne Umschweife zu verkünden: Die Suppe war umwerfend; dazu das schwere Bauerbrot mit der himmlischen Kruste.. Mir wurde so warm und wohlig im Bauch und von da kroch dieses Glücksgefühl: ich lebe noch, ich genieße, rasch hoch zum Herzen und schaffte es sogar noch bis zum meinem armen Hirnchen. Uff, was für ein Tag.
Bei dir geht es, hoffe ich, weniger hochdramatisch zu. Mein Glas ist leer, ob ich mir noch eines gönne? Aber ja doch, man wird nicht alle Tage so überzeugend gerettet.
Lass es dir gut gehen und vergiss nicht, zu schreiben,
J.
Eigentlich kann ich es mir – jetzt, im Nachhinein - nicht mehr erklären. Ich fühlte mich doch gut, wie noch mal davon gekommen, als ich aus dem Unterwassertunnel hinauskletterte in die warme leuchtende Sonne. Ich hatte dir im letzten Brief von diesem Gang in die, nein nur: durch die Unterwelt erzählt.
Als ich den Weg in den luftigen Schlosspark fortsetzte war da alles so heiter gepflegt, durchaus nicht aufdringlich oder herrschsüchtig über die Natur, wie man es in den Barockgärten erlebt. Links am Ende des Kieswegs mit seinem Blumen- und Pflanzenornamenten ein Schloss. Viel Weiß, viel Gold. Rechts von mir kleine, weiße Marmorfiguren, oder waren sie nur aus Stein? Sie standen auf einer ebenfalls steinernen Brüstung und ließen einen kleinen Durchgang frei. Dort konnte man über niedrige Stufen zum See hinuntersteigen. Enten, ein Schwanenpaar.
Ich ging aber geradeaus weiter in den hinter dem Park beginnenden echten Wald. Mir kam er jedenfalls von Schritt zu Schritt so vor. Weil er immer dichter wurde, auch dunkler. Weich federten meine Schritte auf dem dicken Laubteppich, es roch wunderbar „waldisch“ und als ich auf eine Lichtung mit großen, umgefallenen Bäumen kam, setzte ich mich auf einen umgefallenen Baum. Kein Mensch weit und breit, auch aus der Ferne drang kein menschliches Geräusch. Nur die Blätter rauschten, leise; es war fast windstill. Weit entfernt hörte ich Vögel. Ich weiß nicht, wie, - der Modergeruch vielleicht (eigentlich angenehm, irgendwie pilzig), die Stille, unten am Boden der dicke vermoderte Blätterteppich, oben schon wieder die ersten grünen Triebe; dieser ewige Kreislauf, vielleicht war’s das: mit einem Mal hatte ich das Gefühl, dass ich sterblich bin. Entschuldige, jetzt, da ich wieder im Warmen zuhause bin, das Glas Rotwein leuchtet und duftet neben dem Tagebuch, jetzt kommt mir das eher melodramatisch vor. Aber draußen im Wald, da war es nicht so sehr das Gefühl meines unvermeidlichen Tods, was mich herabdrückte, nein, mir wurde angesichts dieses Kreislaufs der Natur bewusst, dass ich ja fast unausgesetzt denke: Lohnt sich noch, daß ich das oder das beginne? Wenn’s mir den Tod nicht vorher aus den Händen schlägt, dann zertritt er es doch hinterher. Andrerseits: Warten auf den Tod, ist das nicht wie Zitronensäure in Milch gießen; natürlich gerinnt sie davon, natürlich wird sie sauer. Warten bohrt ein Loch in die Seele, lässt Kraft wegsickern. Es wird innerlich ungemütlich, wie wenn eine Tür offen bliebe. Der Raum verliert sein Schützendes. So schadet etwas, das noch nicht da ist, als wär’ es schon da. Ich bin ein Schiffsbrüchiger, der in sein Rettungsboot selber ein Leck pult. Das wurde mir mit einem Mal klar und zugleich wusste ich: ich kann nicht ablassen, voll Angst und Wut auf den Tod zu warten. Was für ein irrer Zirkel.
Weißt du, wie ich mich aus dieser Düsterkeit am eigenen Schopf herausgezogen habe? Ich bekam Hunger. Vermutlich der Pilzgeruch. Er erinnerte mich, dass sie in der Herberge eine unvergleichliche Pilzsuppe zubereiten; am Ankunftstag hatte man mich damit entzückt. Und je mehr ich an diese Pilzsuppe dachte, um so unabweisbarer erwachte mein Appetit und der lässt sich zum Glück nicht von der albernen Frage klein kriegen: Lohnt es sich noch??
Um es ohne Umschweife zu verkünden: Die Suppe war umwerfend; dazu das schwere Bauerbrot mit der himmlischen Kruste.. Mir wurde so warm und wohlig im Bauch und von da kroch dieses Glücksgefühl: ich lebe noch, ich genieße, rasch hoch zum Herzen und schaffte es sogar noch bis zum meinem armen Hirnchen. Uff, was für ein Tag.
Bei dir geht es, hoffe ich, weniger hochdramatisch zu. Mein Glas ist leer, ob ich mir noch eines gönne? Aber ja doch, man wird nicht alle Tage so überzeugend gerettet.
Lass es dir gut gehen und vergiss nicht, zu schreiben,
J.
5.
Ich habe mich wieder beruhigt; einigermaßen. Meine kleine Frühstückmagierin hat sich heute morgen nichts anmerken lassen, ich auch nicht. Die Geschichte mit deinem Brief lassen wir erst mal auf sich beruhen. Sie heißt übrigens, wenn ich recht verstanden habe Mignon, nach dem örtlichen Dialekt natürlich nicht französisch ausgesprochen; ehe wie Minjonn. Ich habe mich beruhigt, das ist ja auch dein Rezept: mit einem ersten größeren Spaziergang. Das Haus, in dem ich Unterkunft fand, liegt ja an einem Fluss. Dahinter ein Park, durch die winterkahlen Bäume sehe ich steinere Figuren, also wohl ein Schlosspark. Nun führen, nicht weit vom Haus entfernt, je links und rechts, schmale Brücken über das Wasser. Ziemlich genau vor dem Haus aber, am Uferweg, darauf hat mich meine Minjonn hingewiesen, führen Steintreppen hinab zum Fluss und da öffnet sich ein schmaler Schacht. Man muss auf einer Eisenleiter, auf Sprossen, die sich sehr kalt anfühlen, ins Dunkle hinabklettern. Ich wollte erst nicht, war misstrauisch, nein, das ganze war mir doch zu unheimlich. Minjonn aber zwitscherte auf mich ein, deutete immer wieder lachend zum anderen Ufer und versuchte mich mit sanftem Druck auf die Schulter zum Hinuntersteigen zu ermutigen. Sie amüsierte sich offenkundig über meine Ängstlichkeit; das war mir dann doch ein wenig peinlich. Und ich stieg hinab. Frag nicht, wie mulmig mir zu Mute war. Vielleicht sollte man sich in meinem Alter wirklich nicht mehr vor einem jungen Mädchen genieren.
Es ging ziemlich tief hinab, wurde immer dunkler, das heißt: das Lichtloch über mir wurde immer kleiner und dann waren die Sprossen zu Ende. Zaghaft tastete ich mit einem Fuß nach unten: da war ein Fußboden, ein kleiner Sprung genügte, ihn zu erreichen. Inzwischen hatten sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Ein Gang, nicht sonderlich breit, aber lang; das Ende nicht absehbar, führte offenbar unter dem Fluss hindurch. Es war seltsam still hier unten und dann doch nicht. Der Fluss, von oben, vom Balkon aus zum Beispiel, war ja lautlos; hier unten aber hörte man ihn,- ja was? Nicht eigentlich rauschen, wie man das von Bächen kennt. Ein Geräusch, das, wie du weißt, mir sehr lieb ist. Es war ein Fauchen, wie man es von Gasflammen kennt, auch mein Computer macht so ein ähnliches Geräusch. Hier unter aber klang das Fauchen größer. Größer, nicht lauter. Es klang etwas von Zeitlosigkeit mit, jedenfalls von Dauer, jedenfalls nichts von Anfang und Ende.
Je mehr sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnten, um so durchscheinender kamen die Wände dieses Tunnels mir vor. Als wären sie nicht aus Beton oder sonst einer Mauer, als wäre sie aus mattem Glas? Bergkristall kam mir in den Sinn, nein irgend ein Stein, der noch Natur belassen ist, ohne den künstlichen Schliff, der ihn kantig macht, um ihm tausende von Reflexe zu entlocken. Die Wand fühlte sich kühl an und zugleich vibrierend, als könnte man das vorbeiströmende Wasser des Flusses spüren. Wenn ich weiterging, hörte man zwar das Echo meiner Schritte, aber sehr gedämpft, wolkig, nicht randscharf. Ein zuckendes Echo, wie Fledermausfliegen.
Als ich ungefähr in der Mitte des Flusses sein musste, kam die Besinnung zurück. Hier ist es nun am tiefsten, dachte ich, welch gewaltiger Druck wohl auf diesem Tunnel hier ruht,- und wenn er bricht? Ich spürte, wie mein Herz schneller zu schlagen anfing. Jetzt bloß keine Panik. Schweißausbruch, natürlich, weil es hier unten doch recht stickig war. So suchte ich mich zu beruhigen. Wie auch immer, raus, nur raus, dachte ich und zugleich: nicht rennen, sonst richtet die Resonanz meiner Schritte am Ende noch größeren Schaden an. Jetzt im nach hinein amüsiere ich mich über dieses Durcheinander und Übereinander von rationalen und panischen Impulsen.
Ich erreichte das Ende des Tunnels wohlbehalten, es wurde wieder heller und heller, und dann, allerdings rascher als beim zaghaften Hinabklettern, kraxelte ich die eisernen Sprossen wieder hinauf. Sonne, Luft,- und tatsächlich: ich war auf der anderen Seite des Flusses gelandet. Drüben stand immer noch Minjonn, die nun freudig winkte; sie hatte sich Sorgen um den Angsthasen gemacht?
Vom schönen und nun wirklich beruhigenden Spaziergang im Schloßpark bericht ich dir morgen. Oder heut spät Abend, bevor ich ins Bett geh.
J.
P.S.: Gibt es da, wo du bist, anständigen Wein?
Ich habe mich wieder beruhigt; einigermaßen. Meine kleine Frühstückmagierin hat sich heute morgen nichts anmerken lassen, ich auch nicht. Die Geschichte mit deinem Brief lassen wir erst mal auf sich beruhen. Sie heißt übrigens, wenn ich recht verstanden habe Mignon, nach dem örtlichen Dialekt natürlich nicht französisch ausgesprochen; ehe wie Minjonn. Ich habe mich beruhigt, das ist ja auch dein Rezept: mit einem ersten größeren Spaziergang. Das Haus, in dem ich Unterkunft fand, liegt ja an einem Fluss. Dahinter ein Park, durch die winterkahlen Bäume sehe ich steinere Figuren, also wohl ein Schlosspark. Nun führen, nicht weit vom Haus entfernt, je links und rechts, schmale Brücken über das Wasser. Ziemlich genau vor dem Haus aber, am Uferweg, darauf hat mich meine Minjonn hingewiesen, führen Steintreppen hinab zum Fluss und da öffnet sich ein schmaler Schacht. Man muss auf einer Eisenleiter, auf Sprossen, die sich sehr kalt anfühlen, ins Dunkle hinabklettern. Ich wollte erst nicht, war misstrauisch, nein, das ganze war mir doch zu unheimlich. Minjonn aber zwitscherte auf mich ein, deutete immer wieder lachend zum anderen Ufer und versuchte mich mit sanftem Druck auf die Schulter zum Hinuntersteigen zu ermutigen. Sie amüsierte sich offenkundig über meine Ängstlichkeit; das war mir dann doch ein wenig peinlich. Und ich stieg hinab. Frag nicht, wie mulmig mir zu Mute war. Vielleicht sollte man sich in meinem Alter wirklich nicht mehr vor einem jungen Mädchen genieren.
Es ging ziemlich tief hinab, wurde immer dunkler, das heißt: das Lichtloch über mir wurde immer kleiner und dann waren die Sprossen zu Ende. Zaghaft tastete ich mit einem Fuß nach unten: da war ein Fußboden, ein kleiner Sprung genügte, ihn zu erreichen. Inzwischen hatten sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Ein Gang, nicht sonderlich breit, aber lang; das Ende nicht absehbar, führte offenbar unter dem Fluss hindurch. Es war seltsam still hier unten und dann doch nicht. Der Fluss, von oben, vom Balkon aus zum Beispiel, war ja lautlos; hier unten aber hörte man ihn,- ja was? Nicht eigentlich rauschen, wie man das von Bächen kennt. Ein Geräusch, das, wie du weißt, mir sehr lieb ist. Es war ein Fauchen, wie man es von Gasflammen kennt, auch mein Computer macht so ein ähnliches Geräusch. Hier unter aber klang das Fauchen größer. Größer, nicht lauter. Es klang etwas von Zeitlosigkeit mit, jedenfalls von Dauer, jedenfalls nichts von Anfang und Ende.
Je mehr sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnten, um so durchscheinender kamen die Wände dieses Tunnels mir vor. Als wären sie nicht aus Beton oder sonst einer Mauer, als wäre sie aus mattem Glas? Bergkristall kam mir in den Sinn, nein irgend ein Stein, der noch Natur belassen ist, ohne den künstlichen Schliff, der ihn kantig macht, um ihm tausende von Reflexe zu entlocken. Die Wand fühlte sich kühl an und zugleich vibrierend, als könnte man das vorbeiströmende Wasser des Flusses spüren. Wenn ich weiterging, hörte man zwar das Echo meiner Schritte, aber sehr gedämpft, wolkig, nicht randscharf. Ein zuckendes Echo, wie Fledermausfliegen.
Als ich ungefähr in der Mitte des Flusses sein musste, kam die Besinnung zurück. Hier ist es nun am tiefsten, dachte ich, welch gewaltiger Druck wohl auf diesem Tunnel hier ruht,- und wenn er bricht? Ich spürte, wie mein Herz schneller zu schlagen anfing. Jetzt bloß keine Panik. Schweißausbruch, natürlich, weil es hier unten doch recht stickig war. So suchte ich mich zu beruhigen. Wie auch immer, raus, nur raus, dachte ich und zugleich: nicht rennen, sonst richtet die Resonanz meiner Schritte am Ende noch größeren Schaden an. Jetzt im nach hinein amüsiere ich mich über dieses Durcheinander und Übereinander von rationalen und panischen Impulsen.
Ich erreichte das Ende des Tunnels wohlbehalten, es wurde wieder heller und heller, und dann, allerdings rascher als beim zaghaften Hinabklettern, kraxelte ich die eisernen Sprossen wieder hinauf. Sonne, Luft,- und tatsächlich: ich war auf der anderen Seite des Flusses gelandet. Drüben stand immer noch Minjonn, die nun freudig winkte; sie hatte sich Sorgen um den Angsthasen gemacht?
Vom schönen und nun wirklich beruhigenden Spaziergang im Schloßpark bericht ich dir morgen. Oder heut spät Abend, bevor ich ins Bett geh.
J.
P.S.: Gibt es da, wo du bist, anständigen Wein?
Sonntag, 20. Februar 2011
4.
Du wirst es nicht glauben, liebe H.: mit so gemischten Gefühlen habe ich noch nie einen Brief von dir erhalten, nein gelesen, nein,- gehört. Du siehst, die Verwirrung hat sich noch nicht gelegt, das, wovon ich dir berichten muss, ist ja auch eben erst geschehen.
Was du noch nicht weißt: zu den wenigen Menschen, die ich hier schon kennengelernt habe, mehr oder weniger kennengelernt, gehört ein junges Mädchen, das mir morgens das Frühstück aufs Zimmer bringt. Ein liebenswürdiges Geschöpf, recht jung, seltsam strahlend und schön und doch zugleich scheu. Sie stellt mir Kaffee, Brot, frisches Wasser und einiges Herzhafte auf den Tisch, dabei macht sie zuvor und danach einen kleinen Knicks, der mir rührend filmhaft vorkommt. Hat sie alles aufgedeckt, schaut sie mich einen Augenblick wie abfragend an und trillert dann mädchenhaft zutraulich ein paar freundliche Sätze. Natürlich verstehe ich kein Wort. Fremder noch als die hier übliche Hochsprache ist der Dialekt, den auch dieses Mädchen spricht. Dann nickt sie, als wolle sie sich selber Recht geben und huscht wieder hinaus.
Heute nun, nachdem sie wie üblich das Frühstück auf dem Tisch angerichtet hatte, blickte sie mich einen Augenblick schelmisch an. Statt aber ihr Zwitschersprüchlein anzustimmen, griff sie in ihre Schürze und holte deinen Brief heraus. Ich erkannte ihn sogleich am farbigen Umschlag, deiner schön gedrechselten Handschrift. Erfreut griff ich nach ihm, da wich sie ein wenig zurück, drückte den Brief leicht an ihre Brust. Dann schloss sie die Augen wie ein Sänger, ein Schauspieler es tun mag, ehe er sein Solo anstimmt. Und dann las sie, nein natürlich nicht, dann rezitierte sie deinen Brief. Offenbar auswendig. Den Text verwunderlich verbeult von ihrer Aussprache. Sie sprach deinen Brieftext offenbar ohne Verständnis, wie man ein lateinisches Gebet spricht, ohne Latein zu können. Im Singsang ihres Dialekts. Ich starrte sie an, wusste nicht was ich machen, was ich denken sollte. Als sie mit dem Brief zu Ende war, öffnete sie wieder die Augen, das Lächeln kehrte in ihr Gesicht zurück, der übliche Knicks. Nein, zuerst reichte sie mir verschmitzt lächelnd den Brief. Als die Tür ins Schloss fiel, bemerkte ich erst, dass meine Empörung ausgeblieben war. Was für ein alberner Scherz dachte ich; mit welchem Recht öffnet sie meinen Brief, lernt ihn auswendig ohne ein Wort davon zu verstehen - -
Ganz betäubt vom durcheinander meiner Gefühle ging ich zum Fenster. Der Brief war verschlossen, er war nicht erbrochen; ich sah es an deinen Initialien, die du immer hinten auf die Klebestelle schreibst. Der ganze alberne Spionkram schoss mir durch den Kopf: über Dampf geöffnet, durchleuchtet, geröntgt, den Umschlag ausgetauscht usw. du wirst es nicht glauben, ich öffnete ihn nicht, sondern setzte mich verstört wieder an den Frühstückstisch zurück. Da lag er dann neben der Tasse und starrte mich an. Wie sollte ich die junge Frau zur Rechenschaft ziehen, da ich mich durchaus nicht mit ihr verständigen konnte? Als ich den Brief schließlich öffnete, überfiel mich eine neue Welle der Verwirrung: tatsächlich war der Wortlaut genau so, wie das Mädchen ihn deklamiert hatte. Ich hatte noch im Ohr, wie sehr sie mit dem Wort „Zauselchen“ kämpfte. Ich weiß wirklich nicht, wie ich dieses Erlebnis verarbeiten soll.
P.S:
Mein Gott, nun hab ich dir über all den hohen Wogen, die dieser Morgen in meiner unvorbereiteten Seele geschlagen hat, noch nicht einmal dafür gedankt, dass du mir nun doch – endlich – ein Lebenszeichen hast zukommen lassen. Was du schreibst, klingt munter und vielversprechend. Wenn wir mal den ominösen „Aussteigertyp“ außer acht lassen, mit dem du deine Wohnung teilst. (Warum eigentlich?). Das riecht nach Konflikt? Wenigstens ist es mal kein „älterer Herr“, der in deinem Leben als Liebhaber UND Arbeitgeber herumspukt. Nein, das war zu kess, das streichen wir rasch; du wirst das schon regeln. Ich hoffentlich auch. Vielleicht sollte ich als erstes ein paar Wörter der hiesigen Sprache erlernen. Mehr, wenn ich mich von dem Schrecken erholt hab. Genieß deine Tage und schreib mir bald mehr.
J.
Du wirst es nicht glauben, liebe H.: mit so gemischten Gefühlen habe ich noch nie einen Brief von dir erhalten, nein gelesen, nein,- gehört. Du siehst, die Verwirrung hat sich noch nicht gelegt, das, wovon ich dir berichten muss, ist ja auch eben erst geschehen.
Was du noch nicht weißt: zu den wenigen Menschen, die ich hier schon kennengelernt habe, mehr oder weniger kennengelernt, gehört ein junges Mädchen, das mir morgens das Frühstück aufs Zimmer bringt. Ein liebenswürdiges Geschöpf, recht jung, seltsam strahlend und schön und doch zugleich scheu. Sie stellt mir Kaffee, Brot, frisches Wasser und einiges Herzhafte auf den Tisch, dabei macht sie zuvor und danach einen kleinen Knicks, der mir rührend filmhaft vorkommt. Hat sie alles aufgedeckt, schaut sie mich einen Augenblick wie abfragend an und trillert dann mädchenhaft zutraulich ein paar freundliche Sätze. Natürlich verstehe ich kein Wort. Fremder noch als die hier übliche Hochsprache ist der Dialekt, den auch dieses Mädchen spricht. Dann nickt sie, als wolle sie sich selber Recht geben und huscht wieder hinaus.
Heute nun, nachdem sie wie üblich das Frühstück auf dem Tisch angerichtet hatte, blickte sie mich einen Augenblick schelmisch an. Statt aber ihr Zwitschersprüchlein anzustimmen, griff sie in ihre Schürze und holte deinen Brief heraus. Ich erkannte ihn sogleich am farbigen Umschlag, deiner schön gedrechselten Handschrift. Erfreut griff ich nach ihm, da wich sie ein wenig zurück, drückte den Brief leicht an ihre Brust. Dann schloss sie die Augen wie ein Sänger, ein Schauspieler es tun mag, ehe er sein Solo anstimmt. Und dann las sie, nein natürlich nicht, dann rezitierte sie deinen Brief. Offenbar auswendig. Den Text verwunderlich verbeult von ihrer Aussprache. Sie sprach deinen Brieftext offenbar ohne Verständnis, wie man ein lateinisches Gebet spricht, ohne Latein zu können. Im Singsang ihres Dialekts. Ich starrte sie an, wusste nicht was ich machen, was ich denken sollte. Als sie mit dem Brief zu Ende war, öffnete sie wieder die Augen, das Lächeln kehrte in ihr Gesicht zurück, der übliche Knicks. Nein, zuerst reichte sie mir verschmitzt lächelnd den Brief. Als die Tür ins Schloss fiel, bemerkte ich erst, dass meine Empörung ausgeblieben war. Was für ein alberner Scherz dachte ich; mit welchem Recht öffnet sie meinen Brief, lernt ihn auswendig ohne ein Wort davon zu verstehen - -
Ganz betäubt vom durcheinander meiner Gefühle ging ich zum Fenster. Der Brief war verschlossen, er war nicht erbrochen; ich sah es an deinen Initialien, die du immer hinten auf die Klebestelle schreibst. Der ganze alberne Spionkram schoss mir durch den Kopf: über Dampf geöffnet, durchleuchtet, geröntgt, den Umschlag ausgetauscht usw. du wirst es nicht glauben, ich öffnete ihn nicht, sondern setzte mich verstört wieder an den Frühstückstisch zurück. Da lag er dann neben der Tasse und starrte mich an. Wie sollte ich die junge Frau zur Rechenschaft ziehen, da ich mich durchaus nicht mit ihr verständigen konnte? Als ich den Brief schließlich öffnete, überfiel mich eine neue Welle der Verwirrung: tatsächlich war der Wortlaut genau so, wie das Mädchen ihn deklamiert hatte. Ich hatte noch im Ohr, wie sehr sie mit dem Wort „Zauselchen“ kämpfte. Ich weiß wirklich nicht, wie ich dieses Erlebnis verarbeiten soll.
P.S:
Mein Gott, nun hab ich dir über all den hohen Wogen, die dieser Morgen in meiner unvorbereiteten Seele geschlagen hat, noch nicht einmal dafür gedankt, dass du mir nun doch – endlich – ein Lebenszeichen hast zukommen lassen. Was du schreibst, klingt munter und vielversprechend. Wenn wir mal den ominösen „Aussteigertyp“ außer acht lassen, mit dem du deine Wohnung teilst. (Warum eigentlich?). Das riecht nach Konflikt? Wenigstens ist es mal kein „älterer Herr“, der in deinem Leben als Liebhaber UND Arbeitgeber herumspukt. Nein, das war zu kess, das streichen wir rasch; du wirst das schon regeln. Ich hoffentlich auch. Vielleicht sollte ich als erstes ein paar Wörter der hiesigen Sprache erlernen. Mehr, wenn ich mich von dem Schrecken erholt hab. Genieß deine Tage und schreib mir bald mehr.
J.
Samstag, 19. Februar 2011
3.
Liebe H.,
ich habe noch keine Nachricht von dir; ob deine Reise unbehindert verläuft, wo du gerade bist, wie es dir ergeht. Aber vielleicht würdest du, wenn ich’s hören könnte, dasselbe klagen. Also Geduld.
Der Tag lädt dazu ein: er hat grau begonnen und der Himmel hat sich im Laufe des Vormittags zwar nach oben entfernt, das lustlos ungenaue Licht aber hat sich nicht verändert. Ich habe schlecht geschlafen. Spät, vielleicht zu spät in’s Bett, hat mich schon eine Stunde später ein Albtraum ins Wache zurückgestoßen. Eine jener unerklärlichen Bedrohungen, aus denen ich in Panik und mit Herzrasen aufschrecke. Diesmal war es ein übergroßer Mann, winterlich mit Schal und Mütze eingehüllt, der auf mich zukam. Vor seinem Unterleib hielt er einen roten Plastikwasserhahn. Schon während er näherkam hatte ich im Traum das Gefühl, ich sollte nicht auf diesen kleinen Wasserhahn schauen. Er ging an mir vorbei; schon wähnte ich mich sicher, da drehte er sich mit einem Ruck nach mir um und trat heran. Danach das übliche Erschrecken usw.
Das Herzrasen verzog sich zum Glück rasch, ich schlief auch bald wieder ein, aber nur für kurze Zeit – lassen wir das. Der Tag ist noch jung und vielleicht wird er bald farbiger, heller wenigstens.
Im Hinterhof, der sich zu einem kleinen Sitzgarten öffnet, Bank, Brunnen, Blumenbeete, der Hinterhof ist mit einem dickschuppigen, dunkelgrünen Efeuteppich an den Häuserwänden bewachsen. Aber draußen, am Ufer, da meinte ich gestern Abend, im Halbdunkel, an einem der wintertrockenen Äste des dichten Gebüsches einen kleinen grünen Spross zu sehen. Kleines, mutiges Frühlingsanzeichen. Darauf setze ich; grün ist ansteckend.
Es ist seltsam ruhig, nein: still. Als hätte eine Ebbe alle Geräusche mit sich fortgesogen. Der Fluss ist ohnehin lautlos; leider. Mich wundert, dass auch kein Vogel zu hören ist. Auch das Haus klingt nicht, keine Schritte, keine Stimme. Es könnte einem unheimlich werden. Vielleicht sollte ich hinausgehen, aber ich tu’s nicht. Ich werde etwas machen, was du an mir durchaus nicht kennst, was, täte ich’s zuhause dir am Ende Sorgen machen würde: ich schlüpfe zurück ins Bett. Es ist so weich und noch ein klein wenig warm von mir und ich lasse mich treiben wie in einem Boot auf einem Gewässer voll Stille.
Vergiss nicht zu schreiben!
J.
Liebe H.,
ich habe noch keine Nachricht von dir; ob deine Reise unbehindert verläuft, wo du gerade bist, wie es dir ergeht. Aber vielleicht würdest du, wenn ich’s hören könnte, dasselbe klagen. Also Geduld.
Der Tag lädt dazu ein: er hat grau begonnen und der Himmel hat sich im Laufe des Vormittags zwar nach oben entfernt, das lustlos ungenaue Licht aber hat sich nicht verändert. Ich habe schlecht geschlafen. Spät, vielleicht zu spät in’s Bett, hat mich schon eine Stunde später ein Albtraum ins Wache zurückgestoßen. Eine jener unerklärlichen Bedrohungen, aus denen ich in Panik und mit Herzrasen aufschrecke. Diesmal war es ein übergroßer Mann, winterlich mit Schal und Mütze eingehüllt, der auf mich zukam. Vor seinem Unterleib hielt er einen roten Plastikwasserhahn. Schon während er näherkam hatte ich im Traum das Gefühl, ich sollte nicht auf diesen kleinen Wasserhahn schauen. Er ging an mir vorbei; schon wähnte ich mich sicher, da drehte er sich mit einem Ruck nach mir um und trat heran. Danach das übliche Erschrecken usw.
Das Herzrasen verzog sich zum Glück rasch, ich schlief auch bald wieder ein, aber nur für kurze Zeit – lassen wir das. Der Tag ist noch jung und vielleicht wird er bald farbiger, heller wenigstens.
Im Hinterhof, der sich zu einem kleinen Sitzgarten öffnet, Bank, Brunnen, Blumenbeete, der Hinterhof ist mit einem dickschuppigen, dunkelgrünen Efeuteppich an den Häuserwänden bewachsen. Aber draußen, am Ufer, da meinte ich gestern Abend, im Halbdunkel, an einem der wintertrockenen Äste des dichten Gebüsches einen kleinen grünen Spross zu sehen. Kleines, mutiges Frühlingsanzeichen. Darauf setze ich; grün ist ansteckend.
Es ist seltsam ruhig, nein: still. Als hätte eine Ebbe alle Geräusche mit sich fortgesogen. Der Fluss ist ohnehin lautlos; leider. Mich wundert, dass auch kein Vogel zu hören ist. Auch das Haus klingt nicht, keine Schritte, keine Stimme. Es könnte einem unheimlich werden. Vielleicht sollte ich hinausgehen, aber ich tu’s nicht. Ich werde etwas machen, was du an mir durchaus nicht kennst, was, täte ich’s zuhause dir am Ende Sorgen machen würde: ich schlüpfe zurück ins Bett. Es ist so weich und noch ein klein wenig warm von mir und ich lasse mich treiben wie in einem Boot auf einem Gewässer voll Stille.
Vergiss nicht zu schreiben!
J.
2.
Eigentlich wollte ich heute Abend beginnen, dir meine Reise, vor allem die letzten Tage der Ankunft auf der Insel zu schildern. Aber es hält mich nicht im Zimmer; draussen weht ein eigenartiger Wind. Wind, liebe H., wirst du murren, gibt’s auch bei uns reichlich. Nein, diesen nicht. Kann sein, dass ich mir etwas vormache, dass das verwirrend Neue hier mich übertreiben lässt. Der Wind duftet. Dieser Wind heute Abend. Und er drängt sich an mich heran, dass ich meine, er fasse mich an. Ich weiß nicht, wie ich mich verständlich machen kann. Sonst ist das Wesen des Winds, dass er ortlos ist. Von irgendwo kommt er her und nach irgendwo verschwindet er. Aufenthalt, Gegenwart gibt es nicht für ihn. Dieser Wind hier kommt und geht nicht in Stößen, er drängt sich heran an meinen Leib, wie eine Frau? Weich, körperreich, verbindlich. Wie interessiert an mich. Und wenn er sich auch wandelt, bewegt, er lässt nicht mehr ab von mir. Dazu sein Duft; irgendwie nach vVanille, nach Flusswasser, salbeibitter. Am liebsten hätte ich mich entkleidet.
Jetzt – ich bin wieder im Zimmer, sitze am Tisch und schreibe – jetzt ist mir die Erinnerung an vorhin ein wenig peinlich. Nein, nicht peinlich. Aber ich fühle mich nicht gestärkt durch das Erlebnis, eher verlassen, vernachlässigt,- vom Wind? Ich sollte schlafen gehen. Die Reisestrapazen sind doch noch nicht verklungen.
Ich grüsse dich herzlich.
J.
Eigentlich wollte ich heute Abend beginnen, dir meine Reise, vor allem die letzten Tage der Ankunft auf der Insel zu schildern. Aber es hält mich nicht im Zimmer; draussen weht ein eigenartiger Wind. Wind, liebe H., wirst du murren, gibt’s auch bei uns reichlich. Nein, diesen nicht. Kann sein, dass ich mir etwas vormache, dass das verwirrend Neue hier mich übertreiben lässt. Der Wind duftet. Dieser Wind heute Abend. Und er drängt sich an mich heran, dass ich meine, er fasse mich an. Ich weiß nicht, wie ich mich verständlich machen kann. Sonst ist das Wesen des Winds, dass er ortlos ist. Von irgendwo kommt er her und nach irgendwo verschwindet er. Aufenthalt, Gegenwart gibt es nicht für ihn. Dieser Wind hier kommt und geht nicht in Stößen, er drängt sich heran an meinen Leib, wie eine Frau? Weich, körperreich, verbindlich. Wie interessiert an mich. Und wenn er sich auch wandelt, bewegt, er lässt nicht mehr ab von mir. Dazu sein Duft; irgendwie nach vVanille, nach Flusswasser, salbeibitter. Am liebsten hätte ich mich entkleidet.
Jetzt – ich bin wieder im Zimmer, sitze am Tisch und schreibe – jetzt ist mir die Erinnerung an vorhin ein wenig peinlich. Nein, nicht peinlich. Aber ich fühle mich nicht gestärkt durch das Erlebnis, eher verlassen, vernachlässigt,- vom Wind? Ich sollte schlafen gehen. Die Reisestrapazen sind doch noch nicht verklungen.
Ich grüsse dich herzlich.
J.
Reisebriefe an H.
1.
Du wirst unzufrieden sein mit mir, liebste H.; sei’s nicht, ich bitte dich. Der letzte Abschnitt der Reise, die Ankunft zumal war zu mühsam, auch zu befremdend, als dass ich Zeit gefunden hätte, nein: es hat mir an Ruhe, an Beschaulichkeit gefehlt, um dir wie an den Tagen zuvor von meiner Reise zu berichten. also noch mal die Bitte um Geduld.
Ich bin auf der Insel wohlbehalten gelandet, hab dort auch schon Unterkunft gefunden, versuche mich einzurichten, mit den nötigen zu versorgen und nur erst soviel: die Aussicht aus meinem Fenster ist vielversprechend, wohltuend, erweiternd. Auch sind die Räume, die ich nun bewohnen werden großzügig genug; ich werde mich weder eingesperrt fühlen noch verloren. Noch fehlt freilich einiges, das diese Räume zu einem Spiegel meiner selbst machte, aber ich bin ja eben erst angekommen.
Sei bitte nicht verdrossen, dass ich es für heute bei diesen vagen Andeutungen belassen muss. Bald mehr und umfangreicheres.
Ich hoffe, auch du hast zu deinem Behagen zurückgefunden, denn wenn ich deine Briefe richtig las, hat auch deine Reise dich eher irritiert als bereichert.
Von mir jedenfalls bald mehr. Ich grüsse dich herzlich.
Jakob
1.
Du wirst unzufrieden sein mit mir, liebste H.; sei’s nicht, ich bitte dich. Der letzte Abschnitt der Reise, die Ankunft zumal war zu mühsam, auch zu befremdend, als dass ich Zeit gefunden hätte, nein: es hat mir an Ruhe, an Beschaulichkeit gefehlt, um dir wie an den Tagen zuvor von meiner Reise zu berichten. also noch mal die Bitte um Geduld.
Ich bin auf der Insel wohlbehalten gelandet, hab dort auch schon Unterkunft gefunden, versuche mich einzurichten, mit den nötigen zu versorgen und nur erst soviel: die Aussicht aus meinem Fenster ist vielversprechend, wohltuend, erweiternd. Auch sind die Räume, die ich nun bewohnen werden großzügig genug; ich werde mich weder eingesperrt fühlen noch verloren. Noch fehlt freilich einiges, das diese Räume zu einem Spiegel meiner selbst machte, aber ich bin ja eben erst angekommen.
Sei bitte nicht verdrossen, dass ich es für heute bei diesen vagen Andeutungen belassen muss. Bald mehr und umfangreicheres.
Ich hoffe, auch du hast zu deinem Behagen zurückgefunden, denn wenn ich deine Briefe richtig las, hat auch deine Reise dich eher irritiert als bereichert.
Von mir jedenfalls bald mehr. Ich grüsse dich herzlich.
Jakob
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