Dienstag, 22. März 2011

24.
Ahnst du, was mich schließlich doch aus dem Haus gelockt hat? Natürlich: ein Weibsbild. Ich saß auf dem Balkon, am späten Nachmittag; mit einem Glas Wein. Du weißt, ich trinke um die Zeit sonst keinen Alkohol. Ein wunderbar würziger, bernsteinfarbener Weißwein hatte es mir angetan. Er war zur Begrüßung auf dem Tisch gestanden, aber ich hatte ihn einige Tage lang gar nicht beachtet. Ich hatte ihn in den Kühlschrank gestellt und dort vergessen. Mit dem saß ich im Schatten auf dem Balkon und las, als unten der Kies von Schritten knirschte. Fast leise; als ging ein Kind den Weg entlang. Ich hatte tagelang keinen Menschen gesehen oder gehört. Neugierig fuhr ich aus dem Sessel auf und beugte mich über die Brüstung. Dabei entglitt mir der Stift, den ich beim Lesen immer in der Hand halte und fiel hinunter. Um ein Haar hätte er die junge Frau getroffen, die unten ging. Sie sprang erschreckt zur Seite, blickte hoch und begann zu lachen, mehr über ihren Schreck als über mein entgeistertes Gesicht. (Oder lachte sie doch über mich?). Ich entschuldigte mich verlegen aber sie lachte immer weiter. Dann bückte sie sich und versuchte, den Stift zu mir hochzuwerfen. Ohne Erfolg. Ich streckte mich nach unten, tat, als versuchte ich, meinen Arm wachsen zu lassen und so weiter. Ein munteres Spielchen und bald lachten wir beide wie alte Bekannte.
Erhitzt setzte sie sich auf eine Bank und ich bedeutete ihr, dass ich runterkäme. Sie nickte erfreut und ich beeilte mich.
Sie wartete, bis ich vor ihr stand, dann erhob sie sich, streckte mir ihre Handflächen hin und – da ich sie nur verwundert anstarrte – hob sie auch meine Handflächen in diese Stellung und berührte sie mit ihren Händen. Dann beugte sie sich vor und küsste mich auf den Mund. Ich war sehr verwirrt, begriff aber schnell an ihrer freundlichen Unbefangenheit dass das ein hier übliches Begrüßungsritual sein musste. Ich fürchte, ich wurde ziemlich rot. Und schon lachte sie wieder. Sie war jung, sehr schön, fand ich, ganz in weiß gekleidet. Kurze braune Haare, keinen Schmuck, hatte ein wunderbar offenes Gesicht, scharf blickende Augen, einen vollen Mund. Sie wirkte seltsam, wie soll ich sagen: rein? Nein, das klingt ja fürchterlich. Jedenfalls sehr zugewandt und trotzdem ganz authentisch. Sie sprach in einem musikalischen aber harten Dialekt oder gar einer anderen Sprache zu mir. Und wieder einmal verstand ich kein Wort; immerhin soviel, dass ich sie begleiten sollte, dass sie mir was zeigen wollte?

Nach einem flotten Spaziergang von etwa einer Stunde, sie hatte mich an der Hand genommen, führte uns ein schmaler und abschüssiger Weg in ein anderes Tal hinab und da sah man eine Art Siedlung, im Kreis um einen großen Garten herum gebaut.
Du musst dir das so vorstellen: zahlreiche, hübsche Häuser mit einem üppigen Blumengarten vorm Eingang waren kreisförmig nebeneinander gestellt. Durch die Zwischenräume sah man in einen großen Garten, fast schon ein Park, auf der Rückseite. Die Häuser sahen alle gleich aus, zwei Stockwerke, sehr große Fenster, hübsche Kamine auf dem Dach, hoch und tulpenförmig; erinnerten mich sofort an Venedig. Später, als ich drin war, merkte ich auch, dass die Häuser nach hinten viel länger waren als vorn in der Breite.
Das Mädchen rief etwas, später erfuhr ich, dass sie Romana heißt, da traten ihre Eltern und wohl einige Geschwister heraus und alle begrüßten mich auf die selbe verwunderliche Weise – Hände berühren, Kuss auf den Mund – wie es Romana getan hatte. Diesmal wurde ich nicht rot aber fühlte mich doch recht seltsam. Da ich ihre Sprache nicht verstand, konnte ich nur albern nicken und lächeln. Zum Glück zogen sich die Eltern bald zurück; Romana sollte mir offenbar das Haus zeigen und die kleinen Geschwister hängten sich schnatternd und kichernd an uns ran. Da alle hier im Haus die selbe Kleidung trugen – Romana hatte sich auch rasch umgezogen – konnte man bei den Kindern nicht so ohne weiteres unterscheiden, ob es Jungs oder Mädchen waren.
Alle Zimmer das Hauses waren ungewöhnlich hell, Licht durchflutet von den sehr großen Fenstern. Seltsamerweise hatten auch die Wände große runde Fenster von einem Zimmer zum anderen. Zwar mit Glas, aber trotzdem kamen mir dadurch die Zimmer seltsam offen, unabgeschlossen vor. Türen gab es im Haus überhaupt keine; das ist mir aber erst später aufgefallen. Am Ende der Führung landeten wir in Romanas Zimmer; es passte sehr gut zu ihr, obwohl ich nicht hätte sagen können, warum. Wenig Möbel, ein Schreibtisch mit Blumen, ein Regal mit alten Büchern, keine Bilder an den Wänden. Aber ein großes Bett, ein breites Doppelbett, mit einer wunderschön bestickten Tagesdecke, stand in der Mitte des Zimmers. Romana hopste auf das Bett, räkelte sich gut gelaunt und streckte die Arme nach mir aus. Ich sollte mich dazulegen? Verwirrt schaute ich zu den Kindern, doch die machten es sich auch schon bequem auf dem Bett, sozusagen zu unseren Füssen. Und da Romana nicht aufhörte, mich mit ausgebreiteten Armen einzuladen, kroch ich zögernd und umständlich auch auf das Bett. (Natürlich wurde ich wieder rot, was die Gören offenbar bemerkten und mit Beifall und Gelächter kommentierten). Romana zog mich an sich und küsste mich, diesmal ohne das Händepatschen. Den kleinen Bettgästen schien das völlig normal; sie hatten ihr Interesse an uns verloren, auch an mir und fingen irgend ein Spiel an. Zum Glück ertönte von unten der Ruf der Mutter und alle stürmten davon.
Ich befreite mich aus Romanas Umarmung, glitt vom Bett und ging zum großen Fenster auf der Straßenseite und zog den Vorhang zu. Noch ehe ich zum Bett zurückkam, war Romana aufgesprungen, peinlich berührt, fast entsetzt zog sie den Vorhang wieder auf. Sie sah mich mit großen Augen an, fast vorwurfsvoll, wie mir schien. Dann legte sie sich wieder hin und lächelte mich erwartungsvoll an. Nun verstand ich gar nichts mehr. Ich nahm – oh entschuldige, es klopft unten an meiner Haustür, ich muss mal rasch nachschauen, wer das ist - „hold the line!“.

Donnerstag, 17. März 2011

23.
ich weiß gar nicht, ob das auf mich einströmt? Oder aus mir heraus? Ich spüre eine Bewegung in mir und sitze doch nur auf dem Balkon und schau hinaus. Vom Wald kommt baumgrün eine würzige Luft zu mir herüber, aber das ist es auch nicht. Ich kann es nicht beschreiben. Meine Unruhe, auch der nachhallende Schock verdunsten gleichsam, zugleich saugt sich mein Körper voll von einem Frieden, einer Zustimmung – ach, ich lass es. Vielleicht verstehst du mich trotzdem.
Das Haus, in dem ich nun wohne, ist nicht klein, aber schmal. Es hat zwei Stockwerke, verbunden durch eine Wendeltreppe. Im oberen schlingt sich ein Balkon wie ein Ring um das ganze Haus. Das Tischchen, der Stuhl, ein Abstellhocker, sie haben Räder, man kann sie verschieben: immer der Sonne nach, oder dem Schatten. Dabei ändert sich der Ausblick wenig. Wie ein zweiter großer Ring schließt überall ein dunkler Wald das Bühnenbild. Davor Wiesen, Bäche, ein kleiner See. Nah rings um das Haus ein Gärtchen. Obstbäume, Blumenbeete. Kräuter. Bänke, schmale Wege mit hellem Kies bestreut.
Im Haus gibt es Zimmer, die sich vor allem durch das Licht unterscheiden. Ein Raum, ich nenne ihn den Salon, ist von Licht geradezu überflutet. Tagsüber fast gleißend; am Abend scheint das Licht aus den großen Fenster hinauszurinnen, wie die Ebbe das Meer mit sich mitnimmt. Diese Fenster werden großäugig, fast vibrierend vor Helligkeit, während drinnen das Dunkle wie ein Wasserspiegel ansteigt, oder von oben herabsinkt? Diese Dämmerung wie eine Vorstellung, wie ein Konzert zu erleben ist wunderschön. Ganz gegen meine sonstige Gewohnheit muss ich nichts lesen, nichts schreiben. Nur diesen Lichtwandel erleben. Einziger Zuhörer, einziger Zuschauer von etwas Großem.
Ein anderes Zimmer, unterm Dach, ist dagegen fast dunkel. Hoch oben einige runde Fensteröffnungen. Man fühlt sich aber nicht wie in einem Verlies, eher wie in einer alten Wallfahrtskirche, vor den Zeiten der künstlichen Beleuchtung. Obwohl das Licht sich in wahren Kaskaden durch diese Luken in den Raum ergießt hat man eher den Eindruck, das seien Luken hinaus, Ferngläser,- in den Kosmos?

Ich fürchte, für deinen Geschmack bin ich heut zu schwärmerisch; vielleicht vermisst du gar meine sonstige Ironie, meine Spöttelei. Ich weiß selber nicht, wenn ich das Geschriebene noch mal durchlese, kommt es mir schon ein wenig verschwiemelt vor. Wenn ich aber den Blick vom Blatt löse und ihn wieder dem Raum und seinem Licht zuwende, kommen mir meine Worte eher noch zu dürftig vor. Du wirst es nicht glauben, seit drei Tagen bin ich nun hier und habe das Haus kaum verlassen; manchmal ein paar Schritte im Garten, aber schon zieht es mich wieder zurück in die Räume oder auf den Balkon. Auf dem Dach ist übrigens eine Art Altane, da hab ich einmal eine Nacht geschlafen; unter dem nackten Himmel. Anfangs mit Unbehagen, als wär’ ich nicht zudeckt, weil der Raum über mir so endlos erschien. Je dunkler es wurde – und es war eine sternklare Nacht – um so ruhiger fühlte ich mich. Ganz früh hat mich aber die Kälte aufgeweckt, die durch meine Decken sickerte. Da bin ich drunten in mein weiches Bett gekrochen. Ehe ich wieder einschlief, ich hatte die Augen geschlossen, sah ich die zahllosen Sterne über mir. Was sagst du? Seltsame Dinge gehen hier vor.
J.

Mittwoch, 9. März 2011

22.
Nun bin ich im Paradies. Wie schön kann eine Landschaft sein! Dabei war der Weg hierher nicht nur beschwerlich; er war auch – soll ich sagen: verdrießlich? Es hat mich jedenfalls sehr genervt, dass dieses Tier dauernd vor mir herlief. Du weißt, ich mag Hunde nicht; krieg schnell eine Gänsehaut und einen Herzstich, wenn unvermutet ein Hund um eine Hausecke kommt. Und wechsle dann unauffällig die Straßenseite. Aber dieses Tier war grad durch seine Nichtschrecklichkeit so schrecklich. Ich glaube, es war Chonlins Idee, mir diesen Hund als Führer mitzugeben. Tatsächlich hätte ich den Weg hierher niemals selber gefunden, auch nicht mit den besten Karten oder Wegbeschreibungen. Ein ewiges Zickzack; die schlechten Wege, nein eher: der Mangel an Wegen nötigte dazu. Es ging mal rauf, dann wieder steil hinab. Durch Dickicht, über Bäche, nein durch Bäche, Brücken gab es nicht. Das Lästige, nein: das Unheimliche war, dass dieser Hund immer ein paar Schritte vor mir herlief, an Wegkreuzungen sich nach mir umblickte, grenzenlos geduldig. Und dass er offenbar keine Zweifel hatte, den richtigen Weg zu führen. Kein Zögern, kein Umkehren,- immer geradeaus vor mir her. Nie zu schnell, nie zu langsam.
Wir haben den Weg nicht an einem Tag geschafft und ich sag die Wahrheit: am Abend des ersten Tags blieb er stehen, schaute mich durchdringend an und legte sich dann einfach hin. Was blieb mir anderes übrig, als das gleiche zu tun. Immerhin fühlte ich mich in dieser Nacht sicher. Am Morgen aber, als ich erwachte, war er schon vor mir wach; er schien auf mich gewartete zu haben. Sobald ich mich regte, sprang er auf und zog wieder vor mir her, immer ein paar Meter voraus. Ich sollte ihm, sobald wir angekommen waren, ein sorgfältig verpacktes Futter geben; Chonlin hatte mir eingeschärft, ihm das ja nicht früher zu zeigen oder gar zu geben. Als wir am Nachmittag des zweiten Tags aus dem Wald auf eine Lichtung traten, auf der einige Häuser zu sehen waren, rings um einen See – so hatte mir Chonlin das Ziel beschrieben, wickelte ich dieses Superfutter aus und gab es dem Hund. Eine Art Wurst. Der machte sich sofort gierig darüber her und als er alles gefressen hatte, lief er zurück in den Wald, ohne sich noch einmal umzusehen. Schon recht seltsam, findest du nicht auch?
Ich ging die blumenübersäte Wiese, ein sanfter Abhang, hinab zum See und betrat das größte Haus. Es war bunt gemalt, wie Chonlin es mir beschrieben hatte. Da ich keine Klingel fand klopfte ich, als beim wiederholten Klopfen niemand öffnete ging ich hinein. Die Tür war nicht verschlossen. Drinnen war es sehr hell, aber die Räume hatten praktisch keine Möbel. Und trotzdem sah es nicht verlassen aus. In der Mitte der Eingangshalle, auf einem großen Holztisch (das einzige Möbel in dem Raum mit großen Fenstern) lag ein Briefumschlag mit meinem Namen. falsch geschrieben, also der Vorname mit k statt mit c aber offenbar für mich bestimmt. Eine Wegbeschreibung zu „meinem“ Haus, gezeichnet und auf deutsch (!) das Wort „Willkommen“.
Ich will dich nicht auf die Folter spannen: die Wegbeschreibung war tadellos, ich fand das Haus ohne Probleme. Klein, hell, wunderschön. Mehrere Zimmerchen. Unverschlossen, als gäbe es hier überhaupt keine Schlösser. Und wieder lag ein Brief für mich da. Ich machte eine kleine Runde durch das Haus. Als ich im ersten Stock auf die Terrasse hinaustrat, wusste ich, ich war im Paradies.
Sehr bewegt und glücklich: Jacob

Dienstag, 8. März 2011

21.
Ich hab mich neu eingekleidet, trag’ nun die ein wenig formlose, bequeme Bekleidung der Einheimischen aus hellem Leinen; es hilft mir Abstand zu gewinnen zu den letzten Tagen. (Es hallt länger in mir nach als ich gedacht hatte). Ich bin dadurch auch ein bisschen weniger auffällig als Fremder gekennzeichnet,- obwohl mich nach dem ganzen Theater mit dem Überfall und meiner Flucht und der Suche nach mir usw. fast alle kennen. Das ist mir schon peinlich. Ich muss weiterreisen, auch deshalb, aber vor allem, weil hier alles vollgesogen ist vom Schrecken der letzten Tage. Ich habe mich von Johanno beraten lassen, vorher aber will ich dem armen Alten, den die Räuber überfallen hatten, noch einen kleinen Besuch abstatten. Vielleicht kann ich Minjonn bewegen, mich zu begleiten. Johanno hat mir den Tip gegeben, für einige Zeit in ein Hochtal zu reisen, das nicht nur durch seine landschaftliche Schönheit sehr beruhigend wirken soll; es gibt dort auch einige Gemeinschaften, eine Art Sekten würden wir vielleicht sagen, aber das Wort sollte nichts Abschätziges beinhalten. Johanno wollte nicht genauer werden. Jedenfalls Leute, die einen eigentümlichen Lebensstil praktizierten.

Es war eine gute Idee, den Alten zu besuchen, und eine gute Idee war es auch, Minjonn mit zu nehmen. So kam es nicht wieder zu so einem gewaltigen Besäufnis wie bei meinem ersten Besuch. Der Alte, er heißt oder jedenfalls nennen ihn alles so: Chonlin. (da ch schweizerisch halsgekratzt). Chonlin trug noch einen dicken Verband um den Kopf, war aber schon wieder putzmunter; ein harter Bursche, der was wegstecken kann. Er begrüßte mich überschwänglich und baute gleich eine deftige Brotzeit für uns auf einem Tischchen im Garten vor dem Haus auf. Die Schnapsflasche verstaute er auf meinen dringenden Blick hin mit einer Grimasse unter den Tisch. Er stellte eine Schale mit Beeren auf den Tisch, über die sich sogar Minjonn sehr erstaunt zeigte; irgendwas Rares. Sahen aus wie Brombeeren, waren aber hellgelb. Sie schmeckten unwahrscheinlich aromatisch. Als ich merkte, wie scharf Minjonn auf diese offenbar sehr seltenen Früchte war, hielt ich mich zurück und überließ ihr den Löwenanteil.
Die Räuber waren entkommen, die Steinkröten nicht wieder aufgetaucht. Chonlin erzählte was von einem Markt, auf dem er sie zu finden hoffte, ich hab ihn aber nicht recht verstanden. Dass diese seltsamen Gebilde sehr wertvoll waren, hatte ich inzwischen kapiert. Auch Johanno hatte auf meine zweifelnden Fragen beteuert, das seien echte Steine und die darin verborgenen Kröten seien lebendig; wie das möglich sein sollte, wusste auch er nicht. Als der Alte von meiner bevorstehenden Reise hörte, kramte er in seinem behelfsmäßig renovierten Schuppen und kam mit einem Fläschchen zurück. Er redete auf Minjonn ein, sie sollte mir erklären, wozu die Flüssigkeit – es war ein altes Fläschchen, nur gut 10 cm hoch – gut sei. Ihre Erklärung verstand ich leider auch nicht viel besser als die des Alten. Irgendeine Medizin jedenfalls,- aber wofür, oder besser: wogegen? Bei Angst und großer Not oder so ähnlich. Er überreichte mir das Säftchen so feierlich, dass es mir fast unheimlich war. Um ihm zu zeigen, wie hoch ich sein Geschenk schätze, wickelte ich es pedantisch in mein Taschentuch und steckte es, vorsichtig als ob Nitroglyzerin drin wär’ , in meinen Rucksack. Er gab mir auch noch allerhand Ermahnungen mit auf den Weg, die ich großäugig anhörte und bedeutend dazu nickte; verstanden hab ich davon nur einen Bruchteil. Beim Weggehen steckte er mir noch mit Verschwörerblick einen Flasche Schnaps zu und ich ließ sie genau so komplizenhaft in der Jackentasche verschwinden; Minjonn tat uns den Gefallen und tat so, als bemerke sie nichts. Die haben es hier alle faustdick hinter den Ohren, das kannst du mir glauben.
Ich muss packen. Ich hab mich entschlossen, nur das allernotwendigste mit zu nehmen. Den Grossteil meines Gepäcks lasse ich hier in der Herberge, die so zu meinem Hauptquartier wird, in das man immer wieder zurückkehrt von seinen Expeditionen.
Deine Briefe werde ich mitnehmen; es sind ja nicht all zu viele. (!)
Denk in den nächsten Tage mal an deinen gutenalten
J.

Montag, 7. März 2011

20.
Sie haben mich eingefangen. Ich habe mich nicht widersetzt, als sie mich zurückbrachten. Zuerst war ich verwundert, als ich merkte, dass wir uns meiner Herberge näherten, nicht der Stadt. Ich hatte damit gerechnet, dass sie mich in’s Gefängnis brächten oder so was ähnliches. Meine Einfänger, oder soll ich das Grüppchen nennen, das mich in den Bergen überrascht hatte? Diese kleine Schar hatte mich seltsam fröhlich, ja fast erleichtert wie es mir vorkam, begrüßt. Sie gaben mir zu essen, hängten mir eine Decke um. Mit Erklärungen hielten sie sich seltsam zurück; später erfuhr ich, dass man ihnen eingeschärft hatte, nicht auf mich einzureden, weil ich sie ohnehin nicht verstanden hätte.
An der Herberge kam uns Minjonn entgegengelaufen, freudestrahlend fiel sie mir um den Hals. Hinter ihr, vor’m Eingang sah ich mit großer Erleichterung den freundlichen Alten stehen, von dem ich wusste, dass er deutsch sprach. Auch er kam mir nun entgegen, schüttelte mir fest und freundlich die Hand, klopfte mir auf die Schulter und sagte dann gutmütig brummelnd: „Junge, was hast du dir nur dabei gedacht? Einfach davon zu rennen.“
Mir kam alles so unwirklich vor. Meine Bewacher, nein, das waren sie offenbar gar nicht, also die Schar, die mich in den Bergen gefunden und herab geführt hatte, war seltsamerweise verschwunden. Nein, ich hörte ihr fröhliches Plaudern aus dem Gastraum, dazu das Klingen von Gläsern. Es ging bald hoch her. Ich verstand nichts. Johann hakte mich unter und zog mich auch in den Gastraum hinein, wo wir mit viel Lärm von den zechenden Polizisten – waren sie das? – begrüßt wurden. Sie prosteten mir alle zu und ich wusste nicht, wie ich schauen sollte.
Minjonn hatte einen Tisch für uns gedeckt und nun endlich erklärte mir Johanno die Lage. Als ich in Panik weggerannt war, fiel natürlich zuerst der Verdacht auf mich, deshalb die Verfolger, deshalb die Schüsse auf mich mit dieser heftigen Geruchsessenz. Tatsächlich das Mittel der hiesigen Polizei, flüchtige Täter zu stellen, sie wieder auffindbar zu machen. Nun fiel mir auch wieder auf, dass dieser ekelig intensive Geruch immer noch an mir haftete. Noch während ich im Bachbett zu entkommen hoffte, war der Alte schon wieder zu sich gekommen. Er hatte nur eine heftig blutende aber nicht weiter gefährliche Wunde am Kopf. Und er berichtete, was geschehen war. Räuber hatten ihn überfallen und als er sich zur Wehr setzte niedergeschlagen. Dann hatten sie seine Hütte durchwühlt; sie waren wegen der Steinkröten gekommen. Sie fanden das Versteck im Schuppen, nahmen alle Steine mit und legten das Feuer.
Das hatte der Alte den Polizisten erzählt. Als sie ihm von mir und meiner Flucht berichteten, nahm er mich sogleich in Schutz; ich sei sein Freund und würde ihm nie was tun und so weiter. Man beschloss mich zu suchen. Minjonn wurde verhört; sie leugnete, irgendwas von meinem Aufenthalt zu wissen, verplapperte sich dann aber wohl und man schickte einen Suchtruppen in das Gebirge und so weiter und so weiter.

Ich sitze nun wieder auf meinem Zimmer. Morgen hab ich einen Termin bei der Polizei, da will man mich „entstinken“; es gibt offenbar eine Spezialprozedur, diesen Geruch wieder zu neutralisieren. Heute stinke ich noch und es ist auch nicht besser geworden, seit ich alle Fenster aufgerissen habe und mich auf den Balkon gesetzt habe.
Natürlich bin ich ungeheuer erleichtert und dennoch verstört. Wie ein entgleister Zug stehe ich neben den Schienen und weiß nicht, wohin ich nun gehöre. Die wiedergeschenkten Behaglichkeiten der Zivilisation beruhigen mich zwar; neben mir steht das berühmte Tablett mit Essen und Trinken. Ich habe frische Kleider angezogen, die warme Dusche war wie ein Wunder, an das man nicht glauben mag, obwohl man es am eigenen Leib spürt. Ich bin allein; zum Glück, denn wenn jemand bei mir wäre, ich wüsste nicht, was ich mit ihm reden sollte. So richtig ist die Sprache, der Sprechwunsch noch nicht zu mir zurückgekehrt. Ich bin betäubt,- ja wovon eigentlich? Vielleicht sollte ich mehr Geduld mit mir haben. Ich werde dir wohl einige Tage lang nicht schreiben, nimm’s mir nicht übel. Ich melde mich, wenn ich wieder ein wenig klarer sehe,- oder deutlicher fühle.
J.

P.S: mach dir bloß keine Sorgen! Jetzt, da die Müdigkeit mich schaudernd wie eine Gänsehaut zu überziehen beginnt, wird der nachklingende Schrecken langsam unscharf, dämmrig und ich fürchte, ich hab dir alles zu melodramatisch geschildert. Ich geh lieber ins Bett.--

Sonntag, 6. März 2011

19.
H: Kennst du das auch? Manchmal ändert man sich, nein etwas an dir wird anders und das geht so langsam vor sich, dass man den Anfang nicht wahrnimmt, auch im nachhinein nicht mehr sagen könnte, wann und wie es begonnen hat.
Ich glaube, es war die Angst, dass mich jeder Laut verraten könnte; ich wusste, meine Verfolger hatten nicht aufgegeben. Sie schwiegen nun selber, um sich nicht zu verraten. Und ich eben auch. Ich hatte dir ja erzählt, dass das Echo jedes Wort, jeden Laut in einen schwirrenden Vogelschwarm verwandelte, dessen Kreischen und Gezeter bis zur Unerträglichkeit anschwoll, einen wie ein Spinnennetz einschnürte, bedrängte, bedrohte.
Aber nicht, dass ich um derlei zu vermeiden, nichts mehr rief, nichts mehr sagte, wollte ich dir erzählen. Erst war’s ein Vorsatz, dann begannen die Worte in mir zu versiegen. Ich weiß nicht, ob du dir das vorstellen kannst. Man hat ja manchmal einen Druck im Inneren, wenn man rülpsen muss; wenn ein Husten sich ankündet und man weiß, man kann ihn nicht mehr lange zurückhalten. Hinterher ist der Druck weg. Bei mir aber stellte sich etwas ein, das mehr war als ein Nicht-Druck; ich kann es nur so negativ formulieren. Bei einem Gespräch kennt man das doch: der andere sagt was und du spürst, wie auch bei dir sich etwas regt, wie es aufquillt, wie es drängender wird, wenn der andere dir keinen Raum lässt zum Antworten. Ich war allein, gut, und auf der Flucht. Aber es fühlte sich in mir an wie ein sinkender Wasserspiegel. Als würden sich die Worte, nein der Wunsch, Worte zu äußern, immer tiefer in mich zurückzuziehen. Ich atmete weiter, ruhig, mit Behagen; ich schluckte, spürte dabei meine Zunge im Mund. Aber nichts mehr in mir verlangte danach, zu reden. Mir fehlte es nicht mehr. Es war, als verheilte eine Wunde in mir, über die fortwährend Worte kratzend geglitten waren. Dabei fehlte es mir nicht an Worten, an Sprache. Ich dachte mir vieles, und spürte (?), es waren gute, genaue Formulierungen. Aber sie hatten ihren Sprachleib verloren, waren nicht mehr Luft, nicht mehr Klang, nicht mehr Schwingung in mir. Die Worte waren nun – ja: Geistig? Nein, das ist ein schales Wort. Ich kann es nicht benennen. Es war eine betörende Erfahrung. Befreiend. Sie hat natürlich nicht lange gedauert.
J.