Montag, 11. April 2011
Donnerstag, 7. April 2011
30.
Du lieber Gott: hier ist echt der Teufel los. Ich hatte ganz vergessen, dass man an diesem Wochenende das Dingsbumsfest feiert; hab vergessen, wie es heißt und was es bedeutet. Alle Häuser sind geschmückt, sogar meine liebe alte Herberge, alle Zimmer sind belegt, ja überbelegt und ich rätsle, wieso ich mein altes Zimmer beziehen konnte. Noch rätselhafter: die gute Minjonn scheint gewusst zu haben – woher bloß?? – dass ich an diesem Wochenende käme; sie hat mir nicht nur das Zimmer freigehalten, hat es obendrein geschmückt. Blumen überall, die berühmte Obstschale und sogar eine Flasche vom Weißwein hat sie organisiert für mich. Ich hab sie zur Begrüßung ganz gerührt in die Arme genommen und sie war auch echt bewegt und hat es nicht verborgen.
Seltsam, was? Dass man auch in der Fremde so was wie Heimat bildet, wo man zurückkehrt, um sich auszuruhen, sich zu schützen vor den Angriffen des zu Fremden. Wo man Ruhe findet, obwohl ringsum wirklich der Teufel los ist.
In der Hauptstadt, rings um den See, stehen zahllose Buden und überall gibt es kleine Inseln von Zuschauern rings um Schausteller, Spaßmacher, Feuerschlucker, Artisten und vieles mehr. Auf einem Steg im See ist ein Gerüst aufgebaut worden, da drängeln die Kinder hin. Oben, ich kann’s nur aus der Ferne sehen, der Andrang ist so stark, ich komm gar nicht näher ran, also oben auf dem Gerüst steht eine Maschine, die produziert Seifenblasen. Aber riesengroße. Zuerst wollte ich meinen Augen nicht trauen: Kinder stellen sich breitbeinig über diese Maschine, dann bläst der Maschinist eine Seifenblase. Die wird immer größer bis das Kind praktisch in ihr steht. Und dann – du traust deinen Augen nicht – hebt diese Blase ab und beginnt über das Feld zu schweben und vier Leute – Assistenten? – rennen hinterher, kämpfen und quetschen sich durch die Menge, mit einem Sprungtuch. Irgendwann macht es dann plobb und die Kinder landen, wenn alles gut ging, in so einem Sprungtuch. Wenn nicht, sie fliegen ja nur weniger Meter über dem Boden, fängt die dichte Menge kreischend und jubelnd das Kind auf. Frag mich nicht, wie das funktioniert.
Es gibt natürlich auch für Erwachsene jene Menge Lustbarkeiten. Ich hab’s aber erst in eine der zahlreichen Buden geschafft. Auch hier ist der Andrang immens. Wie im guten alten Jahrmarkt bittet ein Magier (?) eine Frau aus dem Publikum auf die Bühne. Sie tut’s, wie üblich unter reichlich Hallo und kessen Kommentaren der Andern. Der Magier bittet sie höflich, an einem blumengeschmückten Tischchen Platz zu nehmen. Was sie möchte, fragt er und als sie sich schüchtern für Kaffee entscheidet, holt er aus der Luft eine dampfende Tasse und sogar ein Stück Kuchen dazu. Naja, die alten Schaubudentricks hör ich dich sagen; wart’s ab. Er sagt ihr, sie solle sich nicht fürchten, alles was nun geschehe, werde er hinterher wieder ungeschehen machen usw. Er reicht ihr Briefpapier, einen riesigen Füller, sie soll einen Brief schreiben, sich um nichts mehr kümmern, was rings um sie passiert. Sie ist recht gutwillig, fängt wirklich an, zu schreiben. Da sitzt sie nun, im Zelt ist es ganz still geworden, über ihren Brief gebeugt, dass die herabquellen Haare ihr Gesicht verbergen. Sie schreibt. Als sie sich aufrichtet, um einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse zu nehmen, geht mein Blick durch sie hindurch. Als würde ihr Körper einen Augenblick im Nebel dünn werden, nein, wie ein Baum im Nebel dünn wird, entschwindet, wieder auftaucht, fest wird und wieder entschwindet.
Ich blicke mich um, alle starren nach vorne zur Bühne. Sehen alle dasselbe wie ich?
Ich suche nach Erklärungen: Lichtschwankungen? Schatten? Mein Müdigkeit? Draußen ist gleichmäßiges Regengrau, hier drinnen das weiche Goldgelb der zahlreichen gedimten Lampen. Und ich sehe ihren Tisch, ihre Tasse, ja sogar ihr Tagebuch klar und scharf und deutlich. Und jetzt beginnt sie wieder zu verblassen. Wie in einer langsamen Überblendung verdämmert ihr Körper, taucht die Stuhllehne hinter ihr auf und die Wand dahinter, die ihr Leib eben noch verdeckt hatte. Während ich noch hinstarre, zerrinnt der Nebel und ihr Körper kehrt zurück. Ich finde, sie ist dick.
Mir schwirrt der Kopf, aber es reicht noch für liebe Grüsse an dich. Morgen mehr.
J.
Du lieber Gott: hier ist echt der Teufel los. Ich hatte ganz vergessen, dass man an diesem Wochenende das Dingsbumsfest feiert; hab vergessen, wie es heißt und was es bedeutet. Alle Häuser sind geschmückt, sogar meine liebe alte Herberge, alle Zimmer sind belegt, ja überbelegt und ich rätsle, wieso ich mein altes Zimmer beziehen konnte. Noch rätselhafter: die gute Minjonn scheint gewusst zu haben – woher bloß?? – dass ich an diesem Wochenende käme; sie hat mir nicht nur das Zimmer freigehalten, hat es obendrein geschmückt. Blumen überall, die berühmte Obstschale und sogar eine Flasche vom Weißwein hat sie organisiert für mich. Ich hab sie zur Begrüßung ganz gerührt in die Arme genommen und sie war auch echt bewegt und hat es nicht verborgen.
Seltsam, was? Dass man auch in der Fremde so was wie Heimat bildet, wo man zurückkehrt, um sich auszuruhen, sich zu schützen vor den Angriffen des zu Fremden. Wo man Ruhe findet, obwohl ringsum wirklich der Teufel los ist.
In der Hauptstadt, rings um den See, stehen zahllose Buden und überall gibt es kleine Inseln von Zuschauern rings um Schausteller, Spaßmacher, Feuerschlucker, Artisten und vieles mehr. Auf einem Steg im See ist ein Gerüst aufgebaut worden, da drängeln die Kinder hin. Oben, ich kann’s nur aus der Ferne sehen, der Andrang ist so stark, ich komm gar nicht näher ran, also oben auf dem Gerüst steht eine Maschine, die produziert Seifenblasen. Aber riesengroße. Zuerst wollte ich meinen Augen nicht trauen: Kinder stellen sich breitbeinig über diese Maschine, dann bläst der Maschinist eine Seifenblase. Die wird immer größer bis das Kind praktisch in ihr steht. Und dann – du traust deinen Augen nicht – hebt diese Blase ab und beginnt über das Feld zu schweben und vier Leute – Assistenten? – rennen hinterher, kämpfen und quetschen sich durch die Menge, mit einem Sprungtuch. Irgendwann macht es dann plobb und die Kinder landen, wenn alles gut ging, in so einem Sprungtuch. Wenn nicht, sie fliegen ja nur weniger Meter über dem Boden, fängt die dichte Menge kreischend und jubelnd das Kind auf. Frag mich nicht, wie das funktioniert.
Es gibt natürlich auch für Erwachsene jene Menge Lustbarkeiten. Ich hab’s aber erst in eine der zahlreichen Buden geschafft. Auch hier ist der Andrang immens. Wie im guten alten Jahrmarkt bittet ein Magier (?) eine Frau aus dem Publikum auf die Bühne. Sie tut’s, wie üblich unter reichlich Hallo und kessen Kommentaren der Andern. Der Magier bittet sie höflich, an einem blumengeschmückten Tischchen Platz zu nehmen. Was sie möchte, fragt er und als sie sich schüchtern für Kaffee entscheidet, holt er aus der Luft eine dampfende Tasse und sogar ein Stück Kuchen dazu. Naja, die alten Schaubudentricks hör ich dich sagen; wart’s ab. Er sagt ihr, sie solle sich nicht fürchten, alles was nun geschehe, werde er hinterher wieder ungeschehen machen usw. Er reicht ihr Briefpapier, einen riesigen Füller, sie soll einen Brief schreiben, sich um nichts mehr kümmern, was rings um sie passiert. Sie ist recht gutwillig, fängt wirklich an, zu schreiben. Da sitzt sie nun, im Zelt ist es ganz still geworden, über ihren Brief gebeugt, dass die herabquellen Haare ihr Gesicht verbergen. Sie schreibt. Als sie sich aufrichtet, um einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse zu nehmen, geht mein Blick durch sie hindurch. Als würde ihr Körper einen Augenblick im Nebel dünn werden, nein, wie ein Baum im Nebel dünn wird, entschwindet, wieder auftaucht, fest wird und wieder entschwindet.
Ich blicke mich um, alle starren nach vorne zur Bühne. Sehen alle dasselbe wie ich?
Ich suche nach Erklärungen: Lichtschwankungen? Schatten? Mein Müdigkeit? Draußen ist gleichmäßiges Regengrau, hier drinnen das weiche Goldgelb der zahlreichen gedimten Lampen. Und ich sehe ihren Tisch, ihre Tasse, ja sogar ihr Tagebuch klar und scharf und deutlich. Und jetzt beginnt sie wieder zu verblassen. Wie in einer langsamen Überblendung verdämmert ihr Körper, taucht die Stuhllehne hinter ihr auf und die Wand dahinter, die ihr Leib eben noch verdeckt hatte. Während ich noch hinstarre, zerrinnt der Nebel und ihr Körper kehrt zurück. Ich finde, sie ist dick.
Mir schwirrt der Kopf, aber es reicht noch für liebe Grüsse an dich. Morgen mehr.
J.
Mittwoch, 6. April 2011
29.
Man soll sich nicht umschauen; das ist tödlich. Jedenfalls gibt es große Beispiele dafür: Orpheus, Frau Lot – Fragt sich halt, wie weit man zurückschaut. Wie weit man, indem man den Kopf dreht die Gefahr vor sich nicht rechtzeitig sieht,- oder das Glück? Bei Frau Lot ist es simple Neugier, die sie das Leben kostet, sie zur Salzsäure verwandelt. Warum soll eigentlich niemand das Wüten Gottes gegen die Bösen mit ansehen? Wenn ich mich recht erinnere, werden die sündigen Städte (Babylon? Nein, Babylon war ja schon wegen des Turmbaus und der daraus folgenden Sprachverwirrung zum Teufel gegangen.) Sodom und Gomorra waren die unglücklichen Städte, denen es an der Kragen ging – wegen ihrer Schweinereien, als die Zahl der Gerechten, derentwillen Lot Verschonung erbetteln will nicht ausreicht.
Man hat inzwischen gelernt: nach einem Tsumani schaut man sich nicht um, das kostet lebensrettende Sekunden. Gut, bei äußeren Katastrophen heißt also die Devise: rette sich wer kann. Zur Rückschau ist später, falls man’s überlebt hat noch genug Zeit.
Entschuldige, wenn ich so vor mich hingrüble. Ich spreche natürlich von mir. Und um gar nicht erst Sorge bei dir aufkommen zu lassen: mir ist hier nichts Schlimmes passiert. Kein Erdbeben, keine Überschwemmung, auch kein Überfall und die scheinbare Verhaftung neulich hab ich dir ja ausführlich beschrieben: ein Missverständnis.
Ich fühle mich zusehends irritiert, hab schon an Heimreise gedacht,- eine Flucht, die jetzt zu spät ist. Auch zuhause, nein dort vermehrt, würde mich die Grübelei nicht mehr verlassen. Grins nicht oder tu’s meinetwegen: ich suche nach dem Sinn meines Lebens. Und blicke zurück auf mein Leben, um herauszubringen, ob ich irgendwann – ach, eigentlich hab ich gar keine Lust, das vor dir auszubreiten Langweilt dich vermutlich. Nein entschuldige, nach unseren Spielregeln sollte ich nicht vermuten was du denkst oder fühlst, sondern fragen: langweile ich dich? Geht halt nicht beim Briefeschreiben ---
Wenn man denkt oder merkt: ich hab mich verlaufen, dann die alte Pfadfinderregel: zurückgehen; wo bin ich vom sicheren Weg abgewichen? So simpel funktioniert das bei einer Biografie natürlich nicht. Ich bin ja hierher gefahren, um eine ganz fremde Welt zu erleben. Nicht aus Sensationslust; ich hatte gehofft, durch Konfrontation mit einem Fremden das Eigene wieder genauer zu sehen, das, was durch Gewohnheit selbstverständlich, dh. unsichtbar geworden ist, wieder deutlicher zu sehen. Um mich dann für das Bessere entscheiden zu können.
Ach, vielleicht ist das alles viel zu aufgedonnert; ich bin abgehauen, geflohen. Und der wahre Grund war, dass sich Luisa von mir getrennt hatte. Das hatte ich theoretisch immer vorausgesehen, als es dann doch eintrat, hat es mir den Boden unter den Füssen weggerissen.
Orpheus blickt sich nach seiner Frau um, die er gerade aus dem Tod zurückgeholt hat, nein, sie sind ja noch unterwegs, noch nicht in Sicherheit, noch nicht wieder im Leben oben. Sie verführt ihn,- durch Zweifel. Ich hab nie darüber nachgedacht, warum Orpheus sich nicht umdrehen darf, warum Frau Lot das auch nicht darf. Wer gibt diese dem Gefühl so widerstrebenden Regeln? Und warum?
ICH hätte gern gehabt, dass Luisa sich nach mir umdreht, mich fragt: Liebst du mich denn nicht mehr? Sie hat sich nicht umgedreht.
Luisa ist für mich gestorben und ich werde sie bestimmt nicht mehr zurückholen; und meine Welt – mit ihr – ist so vernichtet wie Sodom durch Feuer und Schwefel, die vom Himmel regnen.
Entschuldige, falls du mich konfus findest oder zu weitschweifig, oder gar sentimental? Ich überlege einfach, ob ich mich in die Zeit vor Luisa zurückbeamen soll – aber das will mir nicht gelingen. Mir ist, also stünde sie wie eine Mauer vor allem „davor“. Als finge mit ihr erst mein wahres Leben an. Alles was „vor“ Luisa war ist blass, alles danach aber dunkel. Ich komme mir vor wie ein Rückenschwimmer, der noch dazu gegen den Strom schwimmt. Alles was ich dann sehe, ist schon wieder vorbei - -
Ich glaube, ich gehe noch ein wenig hinaus; der Regen hat ja endlich aufgehört, noch ist es sehr schwül, dampfend, die Wege aufgeweicht, von den Bäumen tropft es. Aber ich muss hinaus. Morgen reise ich in meine alte Herberge zurück; zur guten Minjonn. Die wird mich wieder aufpäppeln, wieder heiterer plappern. Und dann werde ich mir endlich das berühmte Nationalmuseum anschauen, Bekannte treffen, auf andere Gedanken kommen,- „vorwärts und der Zukunft zugewandt“. Also mach dir keen Kopp wegen mir. Ich glaube fest, dass es ein guter, ein heilender Gedanke war, hierher zu reisen.
Wie es mit dir steht, weiß ich nicht; es kommt keine Post vor dir. Aber vielleicht wartet in der Herberge was auf mich. Ich will hoffen, dass meine Briefe dich wenigstens erreichen. Aber wie soll ich das wissen, wenn du nie antwortest.
Jacob
Man soll sich nicht umschauen; das ist tödlich. Jedenfalls gibt es große Beispiele dafür: Orpheus, Frau Lot – Fragt sich halt, wie weit man zurückschaut. Wie weit man, indem man den Kopf dreht die Gefahr vor sich nicht rechtzeitig sieht,- oder das Glück? Bei Frau Lot ist es simple Neugier, die sie das Leben kostet, sie zur Salzsäure verwandelt. Warum soll eigentlich niemand das Wüten Gottes gegen die Bösen mit ansehen? Wenn ich mich recht erinnere, werden die sündigen Städte (Babylon? Nein, Babylon war ja schon wegen des Turmbaus und der daraus folgenden Sprachverwirrung zum Teufel gegangen.) Sodom und Gomorra waren die unglücklichen Städte, denen es an der Kragen ging – wegen ihrer Schweinereien, als die Zahl der Gerechten, derentwillen Lot Verschonung erbetteln will nicht ausreicht.
Man hat inzwischen gelernt: nach einem Tsumani schaut man sich nicht um, das kostet lebensrettende Sekunden. Gut, bei äußeren Katastrophen heißt also die Devise: rette sich wer kann. Zur Rückschau ist später, falls man’s überlebt hat noch genug Zeit.
Entschuldige, wenn ich so vor mich hingrüble. Ich spreche natürlich von mir. Und um gar nicht erst Sorge bei dir aufkommen zu lassen: mir ist hier nichts Schlimmes passiert. Kein Erdbeben, keine Überschwemmung, auch kein Überfall und die scheinbare Verhaftung neulich hab ich dir ja ausführlich beschrieben: ein Missverständnis.
Ich fühle mich zusehends irritiert, hab schon an Heimreise gedacht,- eine Flucht, die jetzt zu spät ist. Auch zuhause, nein dort vermehrt, würde mich die Grübelei nicht mehr verlassen. Grins nicht oder tu’s meinetwegen: ich suche nach dem Sinn meines Lebens. Und blicke zurück auf mein Leben, um herauszubringen, ob ich irgendwann – ach, eigentlich hab ich gar keine Lust, das vor dir auszubreiten Langweilt dich vermutlich. Nein entschuldige, nach unseren Spielregeln sollte ich nicht vermuten was du denkst oder fühlst, sondern fragen: langweile ich dich? Geht halt nicht beim Briefeschreiben ---
Wenn man denkt oder merkt: ich hab mich verlaufen, dann die alte Pfadfinderregel: zurückgehen; wo bin ich vom sicheren Weg abgewichen? So simpel funktioniert das bei einer Biografie natürlich nicht. Ich bin ja hierher gefahren, um eine ganz fremde Welt zu erleben. Nicht aus Sensationslust; ich hatte gehofft, durch Konfrontation mit einem Fremden das Eigene wieder genauer zu sehen, das, was durch Gewohnheit selbstverständlich, dh. unsichtbar geworden ist, wieder deutlicher zu sehen. Um mich dann für das Bessere entscheiden zu können.
Ach, vielleicht ist das alles viel zu aufgedonnert; ich bin abgehauen, geflohen. Und der wahre Grund war, dass sich Luisa von mir getrennt hatte. Das hatte ich theoretisch immer vorausgesehen, als es dann doch eintrat, hat es mir den Boden unter den Füssen weggerissen.
Orpheus blickt sich nach seiner Frau um, die er gerade aus dem Tod zurückgeholt hat, nein, sie sind ja noch unterwegs, noch nicht in Sicherheit, noch nicht wieder im Leben oben. Sie verführt ihn,- durch Zweifel. Ich hab nie darüber nachgedacht, warum Orpheus sich nicht umdrehen darf, warum Frau Lot das auch nicht darf. Wer gibt diese dem Gefühl so widerstrebenden Regeln? Und warum?
ICH hätte gern gehabt, dass Luisa sich nach mir umdreht, mich fragt: Liebst du mich denn nicht mehr? Sie hat sich nicht umgedreht.
Luisa ist für mich gestorben und ich werde sie bestimmt nicht mehr zurückholen; und meine Welt – mit ihr – ist so vernichtet wie Sodom durch Feuer und Schwefel, die vom Himmel regnen.
Entschuldige, falls du mich konfus findest oder zu weitschweifig, oder gar sentimental? Ich überlege einfach, ob ich mich in die Zeit vor Luisa zurückbeamen soll – aber das will mir nicht gelingen. Mir ist, also stünde sie wie eine Mauer vor allem „davor“. Als finge mit ihr erst mein wahres Leben an. Alles was „vor“ Luisa war ist blass, alles danach aber dunkel. Ich komme mir vor wie ein Rückenschwimmer, der noch dazu gegen den Strom schwimmt. Alles was ich dann sehe, ist schon wieder vorbei - -
Ich glaube, ich gehe noch ein wenig hinaus; der Regen hat ja endlich aufgehört, noch ist es sehr schwül, dampfend, die Wege aufgeweicht, von den Bäumen tropft es. Aber ich muss hinaus. Morgen reise ich in meine alte Herberge zurück; zur guten Minjonn. Die wird mich wieder aufpäppeln, wieder heiterer plappern. Und dann werde ich mir endlich das berühmte Nationalmuseum anschauen, Bekannte treffen, auf andere Gedanken kommen,- „vorwärts und der Zukunft zugewandt“. Also mach dir keen Kopp wegen mir. Ich glaube fest, dass es ein guter, ein heilender Gedanke war, hierher zu reisen.
Wie es mit dir steht, weiß ich nicht; es kommt keine Post vor dir. Aber vielleicht wartet in der Herberge was auf mich. Ich will hoffen, dass meine Briefe dich wenigstens erreichen. Aber wie soll ich das wissen, wenn du nie antwortest.
Jacob
Montag, 4. April 2011
28.
Lieber Gerhard,
du wirst bestimmt aus allen Wolken fallen, dass du plötzlich einen Brief von mir bekommst, nach Jahren des Schweigens. Und das aus der fernsten Ferne. Ich weiß selber nicht mehr, warum unsere Verbindung abgebrochen ist; eine Zeit lang sind wir doch Tag&Nacht zusammengesteckt und haben viel unternommen. Ich glaube, als du Hals über Kopf auf den Balkan gezogen bist; Yugoslawien? Rumänien? Oder Ungarn? Spielt keine Rolle, du bist dieser Frau hinterher gereist und hast nichts mehr von dir hören lassen, da ist unsere Beziehung dann eingeschlafen. Ich schreibe dir nach Berlin, an deine alte Adresse, weil ich vor meiner Reise durch Zufall gehört hatte, dass du dort hin zurückgekehrt bist.
O Gott, was für eine lange Vorrede. Ich schreibe dir heute, weil ich heute Nacht einen sehr seltsamen Traum hatte und du hast dich doch immer viel mit Träumen beschäftigt, oder?
Ich lebe seit einiger Zeit weit weg von Berlin, weit nicht nur in Kilometern ausgedrückt,- davon ein andermal. Also ich bin heute Nacht schweißgebadet und seltsam erschüttert aus einem Albtraum hochgefahren; ich glaub, ich hab geschrien wie am Spieß. Den Rest der Nacht lag ich dann wach, zitternd und nichts konnte mich beruhigen. (Hab’s mit Wein probiert, mit Musik, mit Lesen,- alles für die Katz).
Es ging um ein Hochzeitsritual. Keine Angst, ich hab nicht vor, zu heiraten, schon gar nicht hier. (Hast du eigentlich die Frau geheiratet, deretwegen du aus Berlin abgehauen warst?) Bleiben wir beim Thema. Im Traum sollte ich mit einer jungen, schönen Frau verheiratet werden, die ich tatsächlich vor kurzem kennengelernt habe und die mir wirklich sehr gut gefällt. Sie ist Mitglied einer seltsamen, na ja Sekte klingt zu abwertend, jedenfalls einer Gemeinschaft mit Ritualen, die von unseren ziemlich abweichen. Spielt jetzt aber auch keine Rolle. Ich sollte jedenfalls mit diesem Mädchen verheiratet werden und als Abschluss dieser Zeremonie sollten wir die Ehe vollziehen, also weniger geschwollen formuliert: wir sollten miteinander schlafen. Vor allen Leuten. (Das gehört zu den Verwunderlichkeiten dieser Leute, dass sie keinerlei Privatheit akzeptieren). Aber sonderbarerweise war es nicht diese Öffentlichkeit des Eheakts, was mich in die Panik eines Albtraums warf. Es war die Form. Beide wurden wir mit einem dicken Tierfell eingehüllt, das jeweils nur ein Loch hatte; eines für mich, eines für sie,- ich muss dir nicht sagen, wo. Das Fürchterliche war, vom Körper des Anderen war durch das dicke Fell absolut nichts mehr fühlbar. Immer verzweifelter versuchten wir beide unsere beiden Öffnungen im Fell aneinander zu bringen.
Ich muss die Beschreibung abbrechen, ich spüre, wie der Albtraum selbst in der Erinnerung wieder in mir hoch zu kriechen beginnt.
Kannst du mir sagen, was dieser Traum bedeutet? Falls du wieder in Berlin lebst, falls du meinen Brief erhältst, falls du mir antworten magst – o je, fast zu viele falls – also ich leg dir eine Adresse bei. Da lebe ich zur Zeit zwar nicht, aber ich schaue dort immer wieder mal vorbei, ob Briefe an mich eingetroffen sind.
Übrigens: Ich hoffe, dass es dir gut geht. Ich werde hier noch einige Zeit bleiben, ich mache ungeheure Erfahrungen, wenn es dich interessiert, berichte ich dir gern mehr davon.
Herzliche Grüsse, dein alter Freund J.
Lieber Gerhard,
du wirst bestimmt aus allen Wolken fallen, dass du plötzlich einen Brief von mir bekommst, nach Jahren des Schweigens. Und das aus der fernsten Ferne. Ich weiß selber nicht mehr, warum unsere Verbindung abgebrochen ist; eine Zeit lang sind wir doch Tag&Nacht zusammengesteckt und haben viel unternommen. Ich glaube, als du Hals über Kopf auf den Balkan gezogen bist; Yugoslawien? Rumänien? Oder Ungarn? Spielt keine Rolle, du bist dieser Frau hinterher gereist und hast nichts mehr von dir hören lassen, da ist unsere Beziehung dann eingeschlafen. Ich schreibe dir nach Berlin, an deine alte Adresse, weil ich vor meiner Reise durch Zufall gehört hatte, dass du dort hin zurückgekehrt bist.
O Gott, was für eine lange Vorrede. Ich schreibe dir heute, weil ich heute Nacht einen sehr seltsamen Traum hatte und du hast dich doch immer viel mit Träumen beschäftigt, oder?
Ich lebe seit einiger Zeit weit weg von Berlin, weit nicht nur in Kilometern ausgedrückt,- davon ein andermal. Also ich bin heute Nacht schweißgebadet und seltsam erschüttert aus einem Albtraum hochgefahren; ich glaub, ich hab geschrien wie am Spieß. Den Rest der Nacht lag ich dann wach, zitternd und nichts konnte mich beruhigen. (Hab’s mit Wein probiert, mit Musik, mit Lesen,- alles für die Katz).
Es ging um ein Hochzeitsritual. Keine Angst, ich hab nicht vor, zu heiraten, schon gar nicht hier. (Hast du eigentlich die Frau geheiratet, deretwegen du aus Berlin abgehauen warst?) Bleiben wir beim Thema. Im Traum sollte ich mit einer jungen, schönen Frau verheiratet werden, die ich tatsächlich vor kurzem kennengelernt habe und die mir wirklich sehr gut gefällt. Sie ist Mitglied einer seltsamen, na ja Sekte klingt zu abwertend, jedenfalls einer Gemeinschaft mit Ritualen, die von unseren ziemlich abweichen. Spielt jetzt aber auch keine Rolle. Ich sollte jedenfalls mit diesem Mädchen verheiratet werden und als Abschluss dieser Zeremonie sollten wir die Ehe vollziehen, also weniger geschwollen formuliert: wir sollten miteinander schlafen. Vor allen Leuten. (Das gehört zu den Verwunderlichkeiten dieser Leute, dass sie keinerlei Privatheit akzeptieren). Aber sonderbarerweise war es nicht diese Öffentlichkeit des Eheakts, was mich in die Panik eines Albtraums warf. Es war die Form. Beide wurden wir mit einem dicken Tierfell eingehüllt, das jeweils nur ein Loch hatte; eines für mich, eines für sie,- ich muss dir nicht sagen, wo. Das Fürchterliche war, vom Körper des Anderen war durch das dicke Fell absolut nichts mehr fühlbar. Immer verzweifelter versuchten wir beide unsere beiden Öffnungen im Fell aneinander zu bringen.
Ich muss die Beschreibung abbrechen, ich spüre, wie der Albtraum selbst in der Erinnerung wieder in mir hoch zu kriechen beginnt.
Kannst du mir sagen, was dieser Traum bedeutet? Falls du wieder in Berlin lebst, falls du meinen Brief erhältst, falls du mir antworten magst – o je, fast zu viele falls – also ich leg dir eine Adresse bei. Da lebe ich zur Zeit zwar nicht, aber ich schaue dort immer wieder mal vorbei, ob Briefe an mich eingetroffen sind.
Übrigens: Ich hoffe, dass es dir gut geht. Ich werde hier noch einige Zeit bleiben, ich mache ungeheure Erfahrungen, wenn es dich interessiert, berichte ich dir gern mehr davon.
Herzliche Grüsse, dein alter Freund J.
Sonntag, 3. April 2011
27.
Bin ich regensüchtig? Seit Tagen trommelt es auf das Haus, auf die Bäume, auf die Wege und ich bin glücklich darüber. Ich hab meinen Schlafplatz in den obersten Raum verlegt, gleich unterm Dach; da lass ich mich in den Schlaf klöpfeln. Aber noch schlimmer, ich trau mich fast nicht, es zu schreiben: ich schleich auch tagsüber immer wieder mal hoch, lege mich hin, schließe die Augen und lass mich berauschen. Es ist wirklich wie ein Glas Wein. Irgendetwas in mir löst sich auf, wird weicher, ungenauer und doch ist mir, als rücke ich mir selber näher. Anfangs hör ich noch auf einzelne Tropfen, besonders große etwa, die spitzer aufs Dach schlagen. Aber wie im Blick auf eine Menge, wo man bald nicht mehr Gesichter sieht, sondern Farben, Wellen, Formen, so wird mir das Regenrauschen Musik, nein: Klang. Liege ich tagsüber unterm Regen, tauchen die fernsten Erinnerungen auf, die Frauen meines Lebens schwimmen an mir vorbei ohne zu verweilen. Ich hatte mich mal in einem Kahn über einen See treibenlassen treiben lassen und dabei ins Wasser geschaut; so tauchen meine Erinnerungen auf und verschwimmen wieder.
Der Besuch bei den „Offenen“ hatte mich seltsam angegriffen. Vielleicht, weil so vieles, was mir bislang selbstverständlich war nun auf einmal nicht mehr selbstverständlich erschien. Manchmal, besonders halt auf Reisen, lernt man eine neue Art zu leben kennen. Nicht dass man sie sogleich einleuchtend findet, gar übernehmen möchte; aber die eigene, bislang so glatt funktionierende Lebensart wird einem nun seltsam. Man wird unsicher, beginnt zu grübeln, gar zu zweifeln. Das war auch der Grund, warum ich mich so lang nicht mehr gemeldet hatte. Ich habe bisher hier ja schon allerhand Erstaunliches erlebt und erfahren und kann gar nicht sagen, warum ausgerechnet der kurze Aufenthalt bei den „Offenen“ mich so nachdenklich gemacht hat. An sich ist dieses ihr Ideal, selbst das Intimste nicht vor den Anderen zu verbergen, ihnen nicht zu vorenthalten mir ganz zuwider. Ich neige ja immer mehr zum Eigenbrötler, komme wunderbar tagelang ohne jemanden aus, sitz gern allein im café mit meiner Zeitung, meinem Tagebuch, einem Buch. Wenn ich verreise, bilde ich mir ein, allein sehe ich mehr –
Was mir bei diesem Besuch so nahe ging, war die flutende Freundlichkeit eines jeden gegen jeden, gleichsam ohne die geringste Habsucht. Natürlich, ich geb’s gern zu, hat mir schon auch die schöne Romana einen Haken ins Herz geworfen,- wenn ich’s mal so poetisch sagen darf. Ich will mich aber auf jeden Fall noch mal mit dieser Gemeinde beschäftigen,- wenn der Regen vorbei ist. Nach drei Tagen und drei Nächte ist es ohnedies an der Zeit. Draußen wuchert mittlerweile ein fast krachendes Grün, die Luft ist so würzig und dick, dass man sie greifen kann. Aber die Kieswege rund um das Haus gleichen langsam einem raffinierten Bewässerungsssystem, punktiert wie eine riesige Gänsehaut von den Regennadeln. Und ich hab fast Angst, dass meine Versessenheit auf Regen schuld daran ist, dass die Sonne nicht mehr scheint. Nein, keine Angst, so weit ist es mit mir noch nicht; mich beherrschen noch keine Allmachtphantasien, aber wenn du mich fragst: meinetwegen kann es ruhig noch ein paar Tage weiterregnen.
Für heute also: regenglückliche Grüsse vom alten J.
Bin ich regensüchtig? Seit Tagen trommelt es auf das Haus, auf die Bäume, auf die Wege und ich bin glücklich darüber. Ich hab meinen Schlafplatz in den obersten Raum verlegt, gleich unterm Dach; da lass ich mich in den Schlaf klöpfeln. Aber noch schlimmer, ich trau mich fast nicht, es zu schreiben: ich schleich auch tagsüber immer wieder mal hoch, lege mich hin, schließe die Augen und lass mich berauschen. Es ist wirklich wie ein Glas Wein. Irgendetwas in mir löst sich auf, wird weicher, ungenauer und doch ist mir, als rücke ich mir selber näher. Anfangs hör ich noch auf einzelne Tropfen, besonders große etwa, die spitzer aufs Dach schlagen. Aber wie im Blick auf eine Menge, wo man bald nicht mehr Gesichter sieht, sondern Farben, Wellen, Formen, so wird mir das Regenrauschen Musik, nein: Klang. Liege ich tagsüber unterm Regen, tauchen die fernsten Erinnerungen auf, die Frauen meines Lebens schwimmen an mir vorbei ohne zu verweilen. Ich hatte mich mal in einem Kahn über einen See treibenlassen treiben lassen und dabei ins Wasser geschaut; so tauchen meine Erinnerungen auf und verschwimmen wieder.
Der Besuch bei den „Offenen“ hatte mich seltsam angegriffen. Vielleicht, weil so vieles, was mir bislang selbstverständlich war nun auf einmal nicht mehr selbstverständlich erschien. Manchmal, besonders halt auf Reisen, lernt man eine neue Art zu leben kennen. Nicht dass man sie sogleich einleuchtend findet, gar übernehmen möchte; aber die eigene, bislang so glatt funktionierende Lebensart wird einem nun seltsam. Man wird unsicher, beginnt zu grübeln, gar zu zweifeln. Das war auch der Grund, warum ich mich so lang nicht mehr gemeldet hatte. Ich habe bisher hier ja schon allerhand Erstaunliches erlebt und erfahren und kann gar nicht sagen, warum ausgerechnet der kurze Aufenthalt bei den „Offenen“ mich so nachdenklich gemacht hat. An sich ist dieses ihr Ideal, selbst das Intimste nicht vor den Anderen zu verbergen, ihnen nicht zu vorenthalten mir ganz zuwider. Ich neige ja immer mehr zum Eigenbrötler, komme wunderbar tagelang ohne jemanden aus, sitz gern allein im café mit meiner Zeitung, meinem Tagebuch, einem Buch. Wenn ich verreise, bilde ich mir ein, allein sehe ich mehr –
Was mir bei diesem Besuch so nahe ging, war die flutende Freundlichkeit eines jeden gegen jeden, gleichsam ohne die geringste Habsucht. Natürlich, ich geb’s gern zu, hat mir schon auch die schöne Romana einen Haken ins Herz geworfen,- wenn ich’s mal so poetisch sagen darf. Ich will mich aber auf jeden Fall noch mal mit dieser Gemeinde beschäftigen,- wenn der Regen vorbei ist. Nach drei Tagen und drei Nächte ist es ohnedies an der Zeit. Draußen wuchert mittlerweile ein fast krachendes Grün, die Luft ist so würzig und dick, dass man sie greifen kann. Aber die Kieswege rund um das Haus gleichen langsam einem raffinierten Bewässerungsssystem, punktiert wie eine riesige Gänsehaut von den Regennadeln. Und ich hab fast Angst, dass meine Versessenheit auf Regen schuld daran ist, dass die Sonne nicht mehr scheint. Nein, keine Angst, so weit ist es mit mir noch nicht; mich beherrschen noch keine Allmachtphantasien, aber wenn du mich fragst: meinetwegen kann es ruhig noch ein paar Tage weiterregnen.
Für heute also: regenglückliche Grüsse vom alten J.
Freitag, 1. April 2011
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