Dienstag, 5. Januar 2010

Wasserzeichen – Wasser zeichnen



Zu den Holzschnitten von Gisela Griem Juni 2009 in der Galerie Plus in Berlin

Grosse Frage: Wer hat die Malerei erfunden? Will man den alten Mythen trauen, gab es zwei Erfinder. Sie haben – wie zu erwarten – recht unterschiedliche Malereien erfunden.
Beim einen war der Auslöser der Fleck, irgendwo an einer Mauer. Er blickt auf ihn, stutzt und beginnt Zug um Zug immer mehr in diesem Fleck zu entdecken. Und ahmt das nach. Er schafft sich ein Bild von der unendlichen Vielfalt der Welt, aus sich selber heraus.
Der andere Erfinder, eine Frau, kommt zur Kunst aus Liebe, oder aus Trauer. Als ihr Schatz in den Krieg muss, nimmt sie eine Kerze und zeichnet seinen Schattenriss an die Schlafzimmerwand. Sie hält sich an die Realitäten, will sich daran erinnern.

Zwei unterschiedliche Konzepte von Kunst: einmal ist Motor die Phantasie, also die Ergänzung; hier kommt der Impuls von innen. Das andre Mal kommt der Impuls von außen; hier geht es um Gedächtnis. Diese Kunst setzt auf Genauigkeit und zugleich aufs Weglassen, - damit das Gesehene charakteristisch werde. Welche der beiden Kunstarten bei diesen Bildern hier an der Wand Pate gestanden haben, ist wohl kein Rätsel.

Aber langsam, wir wollen es uns nicht zu leicht machen. Sicher: diese Holzschnitte, dafür sorgt schon die Technik, mühen sich nicht um farbige Nuancen, auch nicht um realistische Details, nicht um Wiedererkennbarkeiten. Es gibt keine Portraits, keine Architekturen, keine Landschaften, keine Stillleben; es gibt überhaupts nichts Menschliches, noch von Menschen Gemachtes. Es geht um Elementares. Was man hier sieht, erinnert nachdrücklich an Wasser, an Wellen im Wasser, auch an Wasser am Himmel. Doch das ist noch ungenau: was man hier sieht, sind nicht Wellen im Wasser, sondern Bilder von Wellen im Wasser. Wir stehen vor Abstraktionen, die deutlich auf etwas Konkretes hinweisen. Am Ende geht es um Bewegung, also um Zeit. Menschlich gesprochen um Vergänglichkeit und Dauer.
Jeder von Ihnen kennt den seltsamen Bann: wir schauen in fließendes Wasser, in lodernde Flammen und können den Blick davon nicht mehr losreißen. Wir geraten in ein seltsames Dösen. Schaut man aber auf diese Holzschnitte, ist das nicht der Fall. Was ist geschehen? Ein Kunststück hat es vermocht, die Zeit anzuhalten. Diese Verwandlung von Bewegung in Kunst befreit uns vom Starren, befreit uns zum Betrachten. Nun können wir uns besinnen,- durch das Element des Wassers hindurch auf uns selbst. Die Bilder vom Fließen sind zum Spiegel geronnen: sie fordern uns auf, uns selber in sie einzuschreiben.

Montag, 4. Januar 2010

die wahrheit über die 7 geislein

Ehrlich aufgeschrieben
und ungelogen erzählt
für Noah


Das Märchen vom Wolf und den sieben Geislein kennt ihr bestimmt alle, aber wie es den Geislein hinterher ergangen ist, als sie aus dem Bauch des Wolfs wieder befreit waren, das wißt ihr vermutlich nicht. Ich will es euch erzählen.
Wie alle Kinder hatten natürlich auch die sieben Geislein einen Namen. Bevor der Wolf kam hießen sie allerdings aus Bequemlichkeit alle nur Meck und dazu eine Zahl. Der erste hieß Meck eins, der zweite Meck zwei und so weiter.
Hinterher aber bekamen sie alle einen richtigen Namen. Meckeins hieß nun Meckmontag, Meckzwei hieß Meckdienstag, Meckdrei hieß, naja, ihr könnt es euch selber ausrechnen. Alles klar? Gut, dann fange ich an:

1. Meckmontag
oder:
Die Liebe zur Wahrheit

Meckmontag war vor dem schrecklichen Besuch des Wolfs ein außerordentlich gut geratenes Geislein, alle hatten ihre Freude an ihm. Was das Tier am meisten liebte, war, neben seiner Mutter, die Wahrheit. Jaja. Es sagte immer die Wahrheit, Tag und Nacht. Wenn es einmal etwas Falsches sagte, sei es auch aus Versehen, zum Beispiel, draußen regnet es, und es hatte aber schon wieder aufgehört zu regnen, dann war das Geislein ganz verzweifelt und wollte drei Tage lang nichts Grünes mehr fressen.
Ausgerechnet mit diesem so überaus wahrheitsliebenden Geislein geschah etwas sehr Seltsames: kaum war es wieder aus dem dunklen Bauch des Wolfs heraus, fing es an, zu flunkern. Zuerst nur ein bisschen, wenn Besuch kam von Verwandten oder den Nachbarn. Dann erzählte es immer wieder die Geschichte vom bösen Wolf, wie er seine Stimmte verstellt, wie er seine schwarzen Pfoten mit Mehl gefärbt hatte und so weiter die ganze grauslige Geschichte. Aber jedes mal, wenn Meckmontag sie erzählte, erzählte er sie ein wenig grausliger, ein wenig unheimlicher.
Eines Tages behauptete der gute Meckmontag doch tatsächlich, der Wolf habe ihn zweimal hintereinander gefressen. Wieso zweimal wollten alle wissen und bekamen vom Staunen ganz runde Ziegenaugen. Nun zuerst hat er mich runtergeschluckt, sagte Meckmontag seelenruhig, dann mit einem unanständigen Rülpser wieder ausgespuckt und sogleich noch mal hinunter gewürgt. Diesmal richtig verschluckt.
Da staunten alle, nur die gute Geisleinmutter schüttelte heimlich den Kopf, aber sie wollte ihr Kind vor den Gästen nicht zurechtweisen. Zumal alle glaubten, Meckmontag sei der größte Wahrheitslieber auf der Welt.

Ein andermal erzählte er einem Onkel, der im Ausland lebte und überraschend zu Besuch gekommen war, sie hätten dem Wolf keine Wackersteine in den Bauch eingefüllt, sondern Legosteine. Das sagte er aber nur, damit der Onkel ihm eine neue Schachtel Legosteine kaufte, die alte hatte Meckmontag nämlich verschlampert. Noch schlimmer trieb Meckmontag es mit dem alten Ziegenpastor, der manchmal bei ihnen reinschaute. Dem erzählte er, sie hätten dem Wolf den Bauch nicht einfach nur so zugenäht, nachdem die Geislein daraus befreit waren, nein, die Mutter habe dem Wolf einen Reissverschluß eingenäht. Mit doppeltem Verschluß, von innen und von außen zu öffnen. Da staunte der Pastor nicht wenig, die Geisleinmutter aber zog ihr Kind hinterher doch ein wenig am Horn.
Das ging so eine Zeit, dann wollte keiner mehr die Schwindelgeschichten hören und wenn Meckmontag nur den Mund aufmachte, gähnten alle und riefen: „Bloß nicht!“ Da dachte er sich etwas ziemlich Böses aus. Als eines Abends alle gut gegessen hatten und fröhlich bei der Nachspeise saßen, - es gab Brennesselpudding, - da deutete Meckmontag ganz aufgeregt zum Fenster und brüllte: “Der Wolf ist da, der Wolf!” Entsetzt sprangen alle von ihren Stühlen auf und suchten sich ein Versteck. Erst nach einer Viertelstunde trauten sie sich ganz langsam wieder heraus. An dem Abend hätten die andern Geislein dem Meckmontag beinah das Fell gegerbt, wenn ihn seine Mutter nicht geschützt hätte.

Am Tag darauf beschloß die Geisleinmutter, ihr Kind für einige Zeit zur Kur zu schicken und sie brachte Meckmontag in die Stadt. Dort erzählte er einige Wochen lang noch allen Leuten vom Wolf, allmählich aber beruhigte er sich. Als er nach einiger Zeit wieder zu seinen Schwestern und Brüdern und seiner Mutter aufs Land zurückkam, sprach er nicht mehr vom Wolf, sondern von Autos. Wie gefährlich die seien, wie groß und dass sie fürchterlich brüllten und Gestank machten. Und das schlimmste sei, so erzählte er, dass sie böser und gefräßiger als jeder Wolf seien und wenn man sich nicht vorsehe, würde man von ihnen gepackt und verschlungen. Da lächelten die anderen sechs Geislein, aber geglaubt haben sie ihm nicht, kein Wort.


2. Meckdienstag
oder:
Der Schrecken der Hunde.

Das zweite Geislein, Meckdienstag, war, bevor die schreckliche Geschichte mit dem Wolf passierte, ein ziemlicher Schisser. Besonders vor Hunden hatte er eine Riesenangst. Hinterher geschah mit ihm eine seltsame Veränderung. Nun muß man wissen, dass auch in Märchen schon seit langem die Wölfe rar geworden sind, genau wie bei uns. Sei es nun, dass Meckdienstag die Hunde ringsum mit dem Wolf verwechselte, sei es, dass einfach kein Wolf weit und breit mehr zu sehen war nachdem ihm der Jäger den Bauch mit Wackersteinen gefüllt hatte,- Meckdienstag fing an, Hunde zu ärgern. Mit dem Hofhund begann er. Der war an einer langen Kette angebunden und konnte ihm nichts tun. An den schlich Meckdienstag ganz langsam heran, immer näher, bis er nur noch wenige Zentimeter von ihm entfernt war. Dann holte er plötzlich ein Vergrößerungsglas hinter dem Rücken hervor und hielt es sich vor die
Schnauze. Da erschrak der alte Hofhund natürlich so, das ihm fast das Herz stehen blieb, Meckdienstag aber lachte sich kaputt.
Auch mit dem Pekinesen der Frau Amtsgerichtsratswitwe von der Villa am Waldrand trieb Meckdienstag seinen Spott. Er rieb ein Blatt Papier solange an einer Wurst, bis es gut und kräftig nach Wurst roch. Dann hielt er das Papier dem Pekinesen unter die Nase. Der Pekinese war furchtbar scharf auf Wurst, weil er immer nur Vollkornbouletten zu Fressen bekam und schnappte deshalb gierig nach dem Papier und würgte es hinunter.

Manchmal lauerte Meckdienstag hinter einer Hausecke. Kam dann ein Hund, sprang er mit einem Satz hervor und meckerte so laut und schmutzig, das der arme Hund einen Schluckauf bekam und erschreckt davon galoppierte. Die Hunde in der ganzen Gegend, die nicht wussten, was der Quatsch sollte, machten bald einen weiten Bogen um das Haus der Geislein. Der Briefträger freute sich darüber, denn er fand Hunde auch abscheulich.

3. Meckmittwoch
oder:
Die Raubtiernummer

Meckmittwoch, der Dritte aus der Familie ging zum Zirkus. Das hatte einen besonderen Grund: in dem Zirkus arbeitete ein zahmer Wolf. Der war schon ziemlich alt und musste eigentlich nur in seinem Käfig stehen und alle halbe Stunde einmal seine Zähne fletschen. Das tat er denn auch, obwohl recht ungern. Er hatte nämlich schon mehrere falsche Zähne eingesetzt bekommen und deshalb genierte er sich, sein Maul allzu weit aufzureißen.
Meckmittwoch ging zu diesem Zirkus, ließ sich beim Direktor melden, stellte sich als Wolfsbändiger vor und bekam den job. Sogleich ging er in den Stall, schaute dem Wolf in die müden Augen und sagte: „Hör zu, Freundchen, wenn du nicht spurst, sieht es schlecht aus für dich.“ „Ich will ja spuren“, sagte der Wolf müde, „wenn’s nur nicht zu anstrengend wird.“ So einigten sie sich. Wenn der Wolf gewusst hätte, was auf ihn zukommt, hätte er nicht so rasch zugestimmt. Noch am gleichen Abend begann Meckmittwoch mit seiner Wolfsdressur.
Als erstes brachte er dem Wolf bei, mit einer Kreide Ziel zu spucken. Als der Wolf die Nummer endlich drauf hatte, war seine Stimme so hoch geworden wie ein Glöcklein. Nun übte Meckmittwoch den Brunnentrick. Der Wolf musste auf dem Rand eines Brunnens immer im Kreis laufen und wenn Meckmittwoch mit seiner Schere schnipppte, musste er in den Brunnen hineinfallen. Mit der Schere schnippte, sagte ich, nicht: mit der Peitsche knallte. Meckmittwoch benutzte nämlich in der Manege bei seiner Wolfsdressurnummer nicht eine Peitsche, wie die anderen Dompteure, sondern eine Schere. Ich wisst schon, warum.

Als nächstes Kunststück brachte Meckmittwoch dem armen alten Wolf bei, mit Wackersteinen zu balancieren, und zwar mit sieben Stück. Auch hier muss ich euch nicht sagen, warum gerade mit sieben! Fiel dem Wolf ein Wackerstein herunter, dann musste er ihn auffressen und das Publikum tobte vor Vergnügen, weil das so knirschte und krachte.
Immer neue Tricks ließ sich Meckmittwoch einfallen. So überraschte er eines Tages das Publikum damit, dass der Wolf durch ein Fenster aus Papier sprang und auf der anderen Seite von oben bis unten mit Mehl bestäubt herauskam. Der Höhepunkt des Programms aber war immer die Seifenblasennummer. Da hockte sich der Wolf auf den Brunnenrand, hielt sich den Bauch und sang das Lied, das ihr auch kennt:

Was rumpelt und pumpelt
in meinem Bauch herum?
Ich dacht, es wären sieben Geislein,
es sind aber lauter Wackersteine.

Dann stand er langsam auf, Trommelwirbel, das Licht ging aus, nur noch ein spot beleuchtete ihn von hinten. Er stellte sich auf den Brunnen und rülpste. Siebenmal. Und jedesmal kam eine Seifenblase in Form eines Geisleins aus seinem Maul heraus. Der Beifall für den Dompteur nahm kein Ende.
Niemand erfuhr je, dass dieser arme, alte, gequälte Zirkuswolf der echte Wolf war, der aus dem Märchen.

4. Meckdonnerstag
oder:
Die Verstecke

Meckdonnerstag, das vierte der sieben Geislein war nicht vom Wolf gefressen worden. Er hatte sich in der Uhr versteckt. „Seht ihr“, sagte er hinterher, „es kommt darauf an, ein gutes Versteck zu haben, dann muss man weder Wölfe fürchten noch Lehrer oder sonst ein wildes Tier.“ Und er fing an, sich Verstecke auszudenken. Zuerst stellte er sechs weitere Uhren in die Wohnung, damit es sieben waren. Anfangs fanden das alle ganz witzig, bald aber meckerten sie mit ihm, weil es nun in dem kleinen Geisleinhaus fürchterlich eng wurde. Zum Beispiel räumte Meckdonnerstag den großen Kleiderschrank aus. Der war so groß, das alle sieben drin Platz hatten. Aber nun war es noch viel enger in dem Häuschen geworden, denn alles, was sie vorher in Schrank gestopft hatten, lag nun in der Wohnung herum. So ging es also auch nicht. Außerdem, wenn alle Kleider auf dem Boden lagen, konnte sich doch der dümmste Wolf ausrechnen, was in dem Schrank drin war.
Eines Tages besorgte Meckdonnerstag vom Apotheker Verkleinerungspillen. Mit denen konnte man die Geislein so klein machen, dass sie alle sieben in einem Fingerhut Platz fanden. Nicht schlecht, sagten alle, aber keiner wollte so eine Verkleinerungspille schlucken, denn Vergrösserungspillen hatte es in der Apotheke keine mehr gegeben.

„Vielleicht sollten wir nicht uns verstecken“, meinte Meckdonnerstag eines Morgens, nachdem er die ganze Nacht gegrübelt hatte, „sondern das Haus.“ Er schlug vor, draußen vor der Haustür einen falschen Namen zu befestigen, zum Beispiel: Hier wohnt Familie Tiger oder Frau Elefant und ihre sieben Elefantchen. Der Plan gefiel den Geislein nicht schlecht, aber die Mutter wollte davon nichts wissen. Sie erwartete gerade dringend Post und hatte Angst, der Briefträger würde den Brief wieder mitnehmen, wenn die Anschrift nicht stimmte.
Endlich dachte sich Meckdonnerstag ein Versteck aus, das war einfach vollkommen. Als er es seinen Geschwistern zeigen wollte, fand er es selber nicht mehr, so gut hatte er es versteckt.

5. Meckfreitag
oder:
Der Angstdrückeberger

Besonders tapfer war Meckfreitag auch vorher nicht gewesen, hinterher war es zum Davonlaufen mit ihm. Um die Wahrheit zu sagen: er war ein echter Schisser geworden. Seltsam war allerdings, dass er nicht immer Angst hatte, sondern nur zu ganz bestimmten Gelegenheiten. Wenn die Geisleinmutter zum Beispiel rief: “Tisch-decken!”, da fing er an, sich ängstlich nach allen Seiten umzuschauen. Er lief immer wieder zur Tür, spähte hinaus, ob nicht der Wolf käme. Wenn dann der Tisch gedeckt war und sich alle zum Essen setzten, hatte er keine Angst mehr. Erst wenn es ans Abdecken ging, kam seine Angst zurück.

Fürchterlich Angst bekam Meckfreitag auch am Abend, wenn er sich die Pfoten waschen sollte, das hatte er schon früher nicht ausstehen können. Wenn es hieß: ”Pfoten waschen und dann ab ins Stroh” rannte er solange zum Fenster und starrte solange ängstlich hinaus, bis die anderen mit dem Waschen fertig waren. Und dann ging er vergnügt ins Bett mit dreckigen Pfoten.
Als er merkte, wie gut er mit seiner Angst vorankam, hatte Meckfreitag bald immer mehr Angst. Wenn er eine größere Portion Pudding als die anderen haben wollte, wenn er allein mit dem neuen aufziehbaren Wolf spielen wollte, wenn er Ausmecker kriegen sollte, weil er dem Nachbarziegenbock die Zunge herausgestreckt hatte, dann bekam er Angst, fürchterliche Angst.
So geht das nicht weiter, sagten eines Tages die anderen sechs Geislein und auch die Geisleinmutter wusste sich bald keinen Rat mehr. Habt ihr vielleicht eine Idee??


6. Mecksamstag
oder:
Der Künstler

Das sechste der sieben Geislein war eigentlich schon vorher immer ein wenig anders gewesen. Rupften seine Geschwister gemütlich schmatzend alles, was grün und saftig war, so stand Mecksamstag oft eine Ewigkeit vor einem grünen Blatt und schaute es an. „Was haste?“ meckerte ihn nach einiger Zeit die Geissenmutter freundlich an, „ist was nicht in Ordnung mit dem Blatt?“ „Schau nur“, meckerte dann Mecksamstag zurück, mit einer so andächtigen Stimme, dass seine Mutter mit einem Sprung, Euter wackelnd und Ziegenbart schüttelnd zu ihm herankam. Sie schaute sich mit Kennerblick das Blatt an und verkündete dann: „Alles in Ordnung, das kannste ruhig fressen.“

Aber Mecksamstag fraß nicht, er drehte seinen Kopf wie vor einem unausgewickelten Weihnachtsgeschenk hin und her und schaute. Er hatte Bernstein goldene Augen, schöner als die seiner Geschwister, was die Geissenmutter aber nie laut aussprach, weil sie eine gute Geissenmutter war. Mit diesen seinen bernsteingoldenen Augen blickte er weiter auf das Blatt. „He, träumst du?“, fragte ihn schließlich die Geis besorgt, und als er keine Antwort gab, schubste sie ihn mit ihren zwei Hörnern von hinten, so das seine Schnauze ganz nah an das leckere Blatt herankam. Da sagte Mecksamstag mit seufzender Stimme: „Schau nur, Mammi, wie schön das Blatt ist..“

Der Wolf hatte bekanntlich Kreide gefressen, um seine kellerasseldunkle Stimme höher zu machen. Ein paar Stückchen dieser Kreide waren vor dem Geissenhaus liegen geblieben, Mecksamstag hatte sie gefunden, eingesammelt und vorsichtig in eine kleine Schachtel gelegt. Wenn seine Schwestern und Brüder sich draußen auf der Wiese den Ziegenwanst mit saftigen Blättern voll schlugen, wenn sie zwischendurch Eisenbahnunfall spielten, indem sie mit ihrem Köpfen zusammenstießen, oder wenn sie beim Springen über die Gräben unanständige Ziegenvolkslieder grölten, dann saß Mecksamstag im Schatten und zeichnete mit seinen Kreidestückchen an die Hauswand. (Später nannte man das Ziegengraffiti). Er zeichnete am liebsten das Geisblatt, aber manchmal auch einen Wolf, der zwei große Sonnenblumen statt Augen hatte und im wilden Maul statt der scharfen Zähne süße Mandeln. Übrigens war die Kreide, die der Wolf wegen seiner Stimme gefressen hatte, nicht nur weiß; da der Wolf ziemlich bekloppt war, hatte er natürlich auch rote und gelbe und blaue und grüne Kreide gefressen.
Anfangs neckten die anderen Geislein natürlich den sanften Mecksamstag: Wenn einer nicht vor sich hinfrisst, vor sich hinhopst und auch nicht herummeckert, glauben die anderen schnell, mit dem können wir umspringen, wie’s uns gefällt. Aber da passte die Ziegenmutter schon auf. Sie konnte nicht nur großartig meckern, sie konnte, wenn’s sein musste, auch ganz schön mit ihren Hörnern stoßen. Da ließen denn die sechs ihren Bruder in Frieden. Ja und dann kam der Tag, da waren sie heilfroh, dass sie ihn hatten.
Eines frühen Sonntags kam der Bauer auf die Ziegenwiesen. Er war schon zum Kirchgang angezogen, also ein bisschen feierlicher als sonst. Er druckste ein wenig herum und erst als sich alle sieben Geislein und die Mutter dazu im Kreis um ihn herumgestellt hatten und ihn mit ihren großen Augen erwartungsvoll anschauten, kam er heraus mit der Sprache. Er stotterte was von Bürgermeister und neue Verordnung und kannauchnichts-dafür, dann kratzte er sich seinen Bart und fing nochmal an. Bis er es endlich herausbrachte: alle Tiere, eben auch die Ziegen, brauchten in Zukunft einen Ausweis mit einem Passbild darin. Ich werd verrückt.

Als der Bauer davon gestiefelt war, man sah noch lange, wie er sich die Schweißtropfen von der Stirn wischte, da machten die sieben Geislein und die Geissenmutter erst mal einen Familienmeck. Und die Ziegenmutter erklärte ihren sieben Kindern gradheraus: „Wir sind pleite“. Es war ja allerhand, ja fast alles zu Bruch gegangen, als der Böse Wolf auf der Jagd nach den sieben Geislein durch die Wohnung rumpelte. Und so ein fressgieriger Wolf achtet nicht auf den Teppich, er schmeißt um und kaputt, was ihm im Weg ist. „Mit einem Wort“, sagte die Geisenmutter, „ein Fotograf ist sündteuer, wir können uns keine Passfotos leisten.“
Da war die große Stunde von Mecksamstag gekommen. Er räusperte sich ein paar mal mit seiner bescheidenen Stimme und als endlich alle auf ihn schauten, wurde er erst mal ziemlich rot. „Nun sag schon!“, machte ihm die Geis Mut. „Äh,- Ich könnte euch zeichnen...“

Ungläubig glotzten ihn alle an. Meckfreitag, der Ängstliche fragte als Erster: „Ja kannst du das denn?“ Da meckerte Mecksamstag zum ersten mal laut, ja fast übermütig, sprang mit einem Bockssprung über alle hinweg und war auch schon wieder zurück mit all seinen Kreiden. Seine Augen leuchteten wie zwei Taschenlampen und sein Geisbart zitterte heftig. „Wer will zuerst?“, fragte er fröhlich und dann war der Teufel los, jeder wollte natürlich als erster ein Bild von sich haben. „Ruhe“, meckerte die Mutter energisch, „wie soll da ein Künstler arbeiten können. Stellt euch auf, einer hinter dem anderen. Und mich bitte zuerst. Und wenn’s möglich ist“, sagte sie mit leiserer Stimme, „dann mach mich nicht zu alt, kapiert?“


7. Mecksonntag
oder:
Die Geschäfte

Das siebte Geislein war als letztes wieder aus dem Wolfsbauch herausgekommen. Es hatte also ein bisschen mehr Zeit gehabt nachzudenken als die anderen, und das hatte es gründlich getan. Seine erste Idee war, Ziegenkäse herzustellen, natürlich in Form von Wackersteinen. Die verkauften sich besonders gut, wenn Mecksonntag allerhand schaurige Geschichten von dunklen Bauch des Wolfs dazu erzählte. Die waren sozusagen das Einwickelpapier für die Käsestücke.
Seine nächste Idee waren Pfotenschuhe, bei den Menschen nennt man so was Handschuhe. Die sahen entweder wie Wolfspfoten aus, schwarz und haarig und grauslich groß. Oder kreideweiß angestaubt. Es wurde bald Mode bei den Ziegendamen in der ganzen Gegend, sie auch im Sommer zu tragen.
Eine andere Erfindung Mecksonntags brachte viel Geld: er verfasste ein dickes Buch mit 1002 Verstecken für kleine Geislein, bei denen der böse Wolf zu Besuch kommt.
Dann war da eine Erfindung, die machte den Geissenkindern großen Spaß, aber ihre Mütter waren damit nicht einverstanden, da musste diese Erfindung leider wieder verschwinden. Mecksonntag hatte Bonbon aus Ziegendreck hergestellt, die aussahen wie echte, aber natürlich ziemlich anders schmeckten. Also Neckbonbons. Wie bei den Menschen haben auch die Ziegenmütter wenig Humor, wenn es um Sauberkeit geht.
Das war übrigens auch der Grund, dass die Erfindung mit dem Farbtopf über den Tür nicht lange auf dem Markt blieb: ein herabfallender Eimer mit feuerroter Farbe hatte das weiße Fell des Bürgermeisters, ein sehr eitler Ziegenbock, unrettbar verdorben, als er ohne anzuklopfen bei den sieben Geislein hereingerumpelt war.


8. Die alte Geis
oder:
Was zuviel ist ist zuviel

Natürlich ging auch an der alten Geis, der Mutter der sieben Geislein, die Geschichte mit dem Wolf und was danach aus ihren Kindern wurde nicht spurlos vorüber. Zuerst der Schreck, als die Kinder vom Wolf gefressen waren, dann das Glück, als sie wieder aus dem Bauch herauskamen und nun die Verwunderung, wie die Kinder sich verändert hatten und immer selbstständiger wurden.
Wie alle Mütter auf der ganzen Welt wurde die Geis traurig, dass sie nicht mehr so oft und so dringend von ihren Geisleinkindern gebraucht wurde. Wozu bin ich denn noch nutze, seufzte sie dann manchmal und die grünsten Blätter wollten ihr nicht mehr schmecken.

Zu der Zeit kam immer öfter der Jäger vorbei, der die Geislein aus dem Wolfsbauch befreit hatte. Mal zum Ziegenkäse probieren, mal zum Kaffee, mal zum Schnaps, und oft einfach nur so. Und eines Tages kam er mit einem besonders grünen Jägeranzug und einer besonders langen Feder auf dem Hut. Und er fragte, nach vielem Räuspern, ob die Geissenmutter nicht zu ihm ins Jägerhaus ziehen wolle, um ihm den Haushalt zu führen. „Wenn’s dich nicht stört, dass ich öfter mal meckere“, sagte sie verlegen. Da kraulte er sie zärtlich an ihrem Ziegenbart und sie machte übermütig einen Sprung nach vorne und gleich wieder zurück. Das heißt auf ziegisch: “Ich mag dich“.

Als die sieben Geislein erfuhren, dass die Alte Geis weggehen wollte, bekamen sie zuerst einen Riesenschreck, dann waren sie traurig und am Schluss ziemlich stolz, dass ihnen die Mutter zutraute, allein zurecht zu kommen. Und wenn sie nicht gestorben sind, besuchen sie sich immer noch jeden Sonntag, an dem die Sonne scheint.

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Kniefall

Der Läufer im Schlosspark stolpert, rudert mit den Armen, knickt dann aber doch ein und landet auf seinen Knien. Peinlich berührt schaut er sich um, niemand hat seinen Sturz bemerkt. Er will sich wieder aufrichten, da spürt er, dass seine beiden Beine von den Knien abwärts sich von seinem restlichen Körper gelöst haben. Wie zwei Stehaufmännchen, als wäre ein Gewicht in den Schuhen, wackeln sie sich in aufrechte Position und setzen dann ihren Lauf fort; joggen neben ihm her. Er, der nun viel kleiner ist, stakert wie eine Puppe, breitbeinig, als hätt` er die Hosen voll. Seltsamerweise bellen die Hunde ihn an, nicht seine abgetrennten Füße.

Anfangs hofft er, dass sie einlenken. Er wird sonst nicht mehr an den Briefkasten hochreichen. Stelzenbeinig balancierend, ohne die Plattform der Füße, steht es sich erbärmlich. Auch hat er Angst, wenn er die Stummelenden seiner Knie zu sehr abnutzt, würden sie im Fall einer Wiedervereinigung nicht mehr zu der unteren Hälfte der Beine passen. Wenn die Nahtstellen zerdrückt sind, gar eitern. Er bemüht sich darum, auf dem Rasen zu laufen, den Kies zu vermeiden.

Er kann von oben in die Knorpelöffnung der beiden Unterkniehälften schauen, der Anblick ekelt ihn. An der kleinen Brücke geschieht das Schreckliche: das Fußpaar teilt sich. Einer läuft über die Brücke und dann den kleinen Bach entlang weiter, der andere bleibt diesseits. Dem schließt er sich an.

Er war von normaler Größe gewesen, nun würden alle auf ihn herabschauen. Nein, er musste jetzt zu allen hinaufschauen. Wie ein Kind, ein Liliputaner. Für einen Liliputaner bin ich nicht witzig genug, dachte er beschämt. Seine Frau würde sich beim Spaziergang nicht mehr von ihm um die Hüfte fassen lassen, sie würde ihn, da sie stets schneller ging als er, was er mit dem Hüftgriff bisher einigermaßen steuern konnte, wie ein kleines Kind an der Hand hinter sich herzerren. Der Gedanke an ihre großfingrige, immer raue Hand tröstete ihn für einen Augenblick. Aber sie würde sich nicht daran gewöhnen können, bei ihren langen Monologen hin und wieder zu ihm hinabzublicken. Sie würde über seinen Kopf hinwegreden.

Schönheitskorrekturen

Eine Frau und ein Mann treffen sich auf der Straße. Erfreut bleiben sie stehen, um sich die Hände zu schütteln. Sie tun dies schier endlos, als wollten sie einander allen Staub aus den Ärmeln beuteln. Nicht genug damit, zupft die Frau dem Mann beiläufig ein Haar von der Schulter, unverzagt weiterschüttelnd. Er revanchiert sich, indem er ihr ein Herbstblatt aus der Frisur pflückt. Und drückt auch gleich noch ihre Brille, die vom Händeschütteln zur Nasenspitze gewandert war, mit seinem Mittelfinger auf die Nasenwurzel zurück. Ein bisschen zu energisch vielleicht korrigiert sie seine Krawatte in die Mitte, erst nach links, dann nach rechts reißend, diese Pendelbewegung mehrfach wiederholend in immer kleineren Radien. Kühn schiebt er nun zwei Finger am Hals in ihre Bluse, angelt den herab gerutschten Träger des Büstenhalters und hebt ihn wieder in die Rille auf die Schulter hinein. Inständig streicht er ihr das Haar aus dem Gesicht und als es wieder zurück quillt, löst er den mit rotem Samt umgebenen Gummi an ihrem Hinterkopf und zurrt die gesamte Frisur zu einem strafferen Pferdeschwanz. Sie öffnet mit einem scharfen Ruck seinen Ledergürtel, um ihn einige Löcher enger zu schnallen. Da wickelt er einen aus der Ärmelnaht ihrer Bluse heraushängenden Faden um den Zeigefinger, der Faden will aber auch dann nicht reißen, als er an ihm mit solcher Gewalt zieht, dass sie taumelt. Auch sie mag ihm nichts schuldig bleiben und reißt ihm, was erst beim wiederholten Versuch gelingt, die kleine Brusttasche vom Jackett. Auch ihm will es erst beim dritten Versuch glücken, mit seinem Kugelschreiber an ihrem Oberschenkel eine Laufmasche in die Strumpfhose zu ritzen. Ohne zu zögern drückt sie ihm nun mit ihrem silbern bemalten Fingernagel den eitrigen Pickel links neben seinem Nasenflügel aus. Er verschmiert ihr im Gegenzug mit dem Daumen den dunkelroten Lippenstift über ihren Mund hinaus. Wie von einer unerklärlichen inneren Symmetrie getrieben holen beide weit mit der Rechten aus, um sich mit Kraft ins Gesicht zu schlagen, doch beugen sie, von der nämlichen Gleichzeitigkeit, ja Harmonie geleitet, ihren Kopf zurück, so dass die Handflächen vor ihren Gesichtern zusammentreffen. Als klatschten sie sich selber Beifall. Und begeistert wenn nicht gar gerührt fallen sie sich in die Arme. Mann und Frau.

Jacobs kalter Fuß

Lange nahm er es als selbstverständlich, dass er abends so kalte Füße hatte. Es wunderte ihn nur, dass sie so schwer wurden, dh. eigentlich nur der rechte. Als er eines Abends, noch lange vor dem Schlafengehen, die Socken auszog, fasste sich sein rechter Fuß nicht nur eisig an, auch sonderbar glatt. Nicht nach der Seidenstoffglätte sehr kalter Haut, eher steinern. Doch dafür wieder nicht trocken genug. Und als er den rechten Fuß zwischen die vorher geriebenen Handflächen presste, um ihn zu wärmen, hatte er den Eindruck, als klebten seine Hände fest wie an einer Packung tief gefrorenem Spinat. Als er aber in die Socken fuhr wie in Handschuhe, um damit den kalten Fuß warm zu reiben, blieb auf seiner Socke ein hauchdünner Schnee zurück, fast wie Reif.

Ungläubig klopfte er mit dem Fuß aufs Parkett, es klang hart, wie Stein oder Gips. Als er dieses Klopfen wiederholte, mit stärkerem Schlag, splitterte eine winzige Ecke von der Ferse ab und als er sie aufhob, schmolz sie ihm zwischen den Fingern. Auf seinem Zeigefinger blieb kurz eine winzige, durchsichtige Pfütze zurück, sickerte dann herab auf die Handfläche, war aber nicht mehr genug, um das große M in den Linien seiner Handfläche zu füllen.

Was war zu tun? Den zu Eis gefrorenen Fuß behutsam auftauen? Oder ihn vielmehr, um Zeit zu gewinnen, zusammen mit Eiswürfeln in Tücher hüllen, außen herum eine Plastiktüte? Er erinnerte sich, daß er schon lange keine Eiswürfel mehr im Kühlschrank hatte; er trank keine Getränke, die nicht Zimmertemperatur hatten.
Er suchte ein Thermometer, mit dem er die Raumtemperatur im Schlafzimmer hätte messen können, fand aber nur eins für Fieber. Das fing erst bei 36 Grad an, zu messen. Das Schlafzimmer war zwar der einzige unbeheizte Raum in der Wohnung, aber kälter als dreizehn, fünfzehn Grad war es dort bestimmt nicht. Nur auf dem Balkon war es winterlich kalt, um den Gefrierpunkt herum. Es war elf Uhr abends, er konnte doch nicht draußen auf dem Balkon übernachten. Oder doch? Eingehüllt in alle verfügbaren Decken, nur den Fuß herausragen lassen. Doch zum Liegen war der Balkon zu schmal. Er hätte auf einem Stuhl sitzend die Nacht verbringen müssen.

Verzagt ging er im Zimmer auf und ab, blieb aber bald wieder stehen. Der gefrorene Fuß polterte auf dem Holzfußboden wie eine Prothese; er musste an Käpt‘n Achat aus Moby Dick denken.
Er ließ sich in den Sessel sinken, legte eine Decke über seine Beine und während er nachgrübelte, wozu er ein Monster geworden war, auf einen Schlag, bildete sich langsam und unhörbar eine Pfütze unter seinem rechten Fuß, an der sich die Wolldecke betrank.

Buchstabenflucht

Beim Lesen huschen ihm die Worte, die Sätze davon wie die Zweige des Sisyphus, weichen zurück wie das Wasser, nach dem der Unselige durstig tappt. Er versucht es mit behutsamem Umblättern, auch mit raschem; gleichsam als Überraschungsangriff. Oder wie geistesabwesend an der Ecke der Seite spielend, ehe er hurtig das Blatt wendet. Vergebens. Wie ihm zum Hohn zeigen sich die schwarzen Zeichen im ersten Augenblick, um dann sogleich wie Sand vom Papier herabzurieseln. Manchmal ist es ihm, als höre er sie auf den Boden aufschlagen, Reiskörnern nicht unähnlich. Dass er die einzelnen Buchstaben in ihrem Fallgeräusch unterscheiden könnte, ist übertrieben, obschon sie beim Aufprall nicht alle gleich klingen. Stellt er das Buch schräg auf die Tischplatte, kann er den Druckerstaub vom Tisch blasen.
Er reißt mit Unbehagen einzelne Seiten aus einem Buch, legt sie wie nachlässig in Ecken des Zimmers, sie bleiben leer. Erst wenn er sie zusammenknüllt, füllen sie sich wieder mit Worten. Doch nur solange, bis er die Seiten glättet. Eines Abends entdeckt er, dass sie im Spiegel sichtbar bleiben, nicht lang genug freilich, denn es braucht viel Zeit, die Spiegelschrift zu entziffern.

Anfangs verbirgt er sein Missgeschick vor anderen. Im Bett, neben seiner Frau, blättert er in Abständen um, wenn er glaubt, er müsste die Seite jetzt gelesen haben. Wenn sie fragt: „Was liest du?“ hält er ihr schweigend das Buch hin, sie wirft wohl einen Blick hinein, schüttelt bald lachend den Kopf und gibt ihm das aufgeschlagene Buch zurück: „Was du aber auch immer für ein komplizierte Zeugs liest“. Er versucht es anders: „Wie findest du die Schrift?“, fragt er freundlich. Sie lässt sich das Buch noch Mal reichen und erwidert dann ein wenig unsicher „Normal, oder was meinst du?“ „Kannst du die Schrift lesen?“ fragt er betont sachlich. „Mit der Brille geht es gut. Warum? Hast du Schwierigkeiten?“ „Na ja“ weicht er aus. „Vermutlich bist du müde, wir sollten lieber das Licht ausschalten.“

In den nächsten Tagen wird es nicht besser. Konnte er anfangs wenigstens noch die Titel der Bücher erhaschen, ehe sie wie Pfützen unterm Föhn in die Unsichtbarkeit verdunsteten, so war es ihm bald nur noch möglich, die Bücher nach ihrer Dicke und ihrem Format zu erkennen. Auch nach der Farbe des Einbands oder des Umschlagbilds. Freilich auch nur jene, die er sich zur Lektüre aufs Fensterbrett gelegt hatte. Die Bücher im Regal wandten ihm nun stumm ihren wortlosen Rücken zu.
Er wollte seiner Frau vorschlagen, sich wie früher einander vorzulesen, verwarf aber den Gedanken sofort, weil er ja auch bald an der Reihe gewesen wäre. Dann hätte er höchsten improvisieren können, einen Text aus dem Stegreif erfinden...
Mit dem mechanischen Umblättern der für ihn nun leeren Seiten verbrachte er die folgenden Abende ohne Aufmerksamkeit zu erwecken. Als sie ihn eines Abend kopfschüttelnd einen Brief von ihrer Schwester hinhielt, sagte er mürrisch, nachdem er einige Zeit vergeblich auf das Papier gestarrt hatte - auch die Hand geschriebenen Buchstaben löschten sich vor seinen Augen aus - „Die Klaue kann ich auch nicht lesen.“

Um vor seinen Freunden, die ihn als emsigen Leser kannte, nicht plötzlich dumm dazustehen, informierte er sich nun intensiv aus Radio- und Fernsehsendungen über neue Bücher, telefonierte auch öfter als zuvor mit seiner Schwester und fragte sie dabei über ihre Lektüre aus, ja bat sie, für ihn Buchbesprechungen aus der lokalen Zeitung vorzulesen. Sie tat es ohne Anteilnahme für die Bücher, aber verführt vom ungewohnten Interesse ihres Bruders für sie und aus Hoffnungen
auf weitere Telefonate, mit denen er früher sehr gegeizt hatte.

Wie sollte es weitergehen? Das Lesen war ihm seit jeher unentbehrlich und er fühlte sich nun täglich ärmer, ja beraubt. Nur was er selber schrieb, verharrte auf dem Papier. So begann er die nun nutzlos gewordenen Bücher, Band für Band als Tagebücher zu nutzen. Vor seiner Frau verbarg er dies, als sie nach einem zufälligen Blick in solch ein von ihm neu beschriebenes Buch ausrief: “Oh Gott, was machst du denn hier? Ist das etwa moderne Kunst?“
Wenn er nach einiger Zeit eines der Bücher, das er mit seinem Füller wie ein Notizbuch neu beschrieben hatte, durchblätterte, kam es ihm vor, als schlüge der alte, gedruckte Text wieder durch und lasse seinen eigenen ertrinken. Für kurze Zeit bot sich dann der Originaltext seinen lesenden Augen dar,- in seiner Handschrift, die zusehends von den Druckbuchstaben überwuchert wurden. Um dann wieder zu verbleichen. Da wurde er sonderlich und kehrte von endlosen Spaziergängen immer später nachhause.

zwergmann

Eine rüstige Lebefrau nahm sich ein Männchen zum Gatten. Wegen seiner sanften Augen und weil er so abendrot wurde, wenn ihm jemand ins Gesicht hineinsah. Wie sie ihn handzahm machte? Durch scharfe Worte. Auch durch kleine, herzerwärmende Spiele: sie lässt ihn übers Stöckchen ins Beilager springen; ab und an ein Telefonbuch zerreißen; wie ein Löwe hineinbrüllen in ihren gespreizte Leib. An Tagen, da sie sich etwas beweisen muss, versucht sie, schon am Morgen sein mürrisches Schweigen zu brechen (bislang nur selten geglückt). Zur Zeit studiert sie mit ihm an einem Schweiß treibend schwierigen Trick: dass er sich auf der Straße von Fremden nach der Uhrzeit befragen lässt.

Natürlich strömen die Freundinnen in Scharen herbei. Darf ich auch mal anfassen, fragt die Dreisteste und alle lachen sich heiser. Wie Konfekt nimmt die Lebefrau neidische Komplimente entgegen. Mit demselben Wonnegruseln lässt sie sich vielfach bedauern. Sie erfragt auch Rat, um ihn scharfsinnig abzulehnen. Nur an nebligen Vorherbsttagen wird sie kleinlaut; da möchte sie ihr Männchen irgendwo abgeben oder einfach vergessen wie einen klemmenden Schirm.