Mittwoch, 30. März 2011

Sonntag, 27. März 2011

Donnerstag, 24. März 2011

26.
Liebe gute H.: ich bin wieder daheim. Seltsam, wenn man zu einem Hotelzimmer so was sagt. Romana hat mir eine Zeichnung von sich geschenkt; sie hat sie selber gemacht und sie ist gelungen. Ich habe sie mit dem Gesicht nach unten auf meinen Tisch gelegt. Ich brauch jetzt erst mal ein paar Tage Ruhe. Dieser Ausflug zu diesen Leuten hat mich angegriffen, was bestimmt nicht deren Schuld ist. Jetzt schwanke ich: soll ich mich hier einigeln oder lieber eine zweite Reise antreten. Irgend etwas Beruhigendes mit Natur und Langeweile und Ruhe. Wenigstens Stille. Als ob ich das alles nicht auch hier hätte! Alles in mir brodelt; die Fenster sind mir zu groß (und zu durchsichtig), der Balkon überfüllt mit Himmel und Wolken, die Bücher zudringlich: hab jedes nach einigen Sätzen wieder zugeklappt. Wie diese kauzigen Gummibälle, die nicht mehr aufhören zu springen zuckt irgendwas in mir hinauf und hinab. Wenn ich schlafen könnte, aber es ist früher Nachmittag, da brauch ich mich gar nicht erst hin zu legen, wird doch nichts daraus. Für die „grüne Dämmerung“ des Weißweins ist es noch zu früh¬ – ich langweile dich mit meinem Gejaule.

Nun bin ich doch ein wenig eingenickt, auf dem Sofa, nein, es dämmert ja schon, da hab ich ja doch ein paar Stündchen geschlafen. Und fühle mich nun auch weniger mutlos, wenn auch noch nicht eben unternehmungslustig. Ruhiger, gelassener. Jetzt aber raus auf den Abendbalkon, mit dem herrlichen Weißen, er ist wunderbar kühl und würzig - und Kastanien; die schmecken hier besonders süß und aromatisch. Ich röste sie nicht, ich koch sie.
Wie gut die Luft draußen riecht. Es gibt hier in einem der Bäume einen Vogel, eine Nachtigall? Der singt, sobald die Sonne untergegangen ist. So vielfältig wie bei uns die Amseln (im Garten, im Regen...). Fast, als hätte er keine genetisch vorgeschriebene Melodie zu absolvieren, als würd’ er improvisieren; ein geborener Solist. Ob er für mich singt? Wär’ mir das überhaupt recht? Natur schert sich immer einen Dreck um uns und der Sonnenuntergang würde sich, könnte er fühlen, graulen vor unserem inneren Jaulen.
Heut darfst du mich so ernst nehmen, ich brabbl so vor mich hin, aber ich stell mir doch vor, wie du das liest, den Kopf schüttelst. Und dir deine Gedanken machst um mich. Musst du aber nicht; ich komm schon bald wieder auf die Beine. Und jetzt schwimmt sogar der Mond hinter den Bäumen hoch; ein bisschen rötlich und unheimlich groß. Und wirklich ganz rund, ohne die geringste Beule. Wenn ich ein Wolf wäre, müsste ich jetzt aber heulen,- ich hör lieber auf, sonst schickst du mir noch Beruhigungstabletten. Sei ganz lieb gegrüßt und mach dir bitte um mich keine Sorgen.
J.

Mittwoch, 23. März 2011

25.

War nichts. Jemand hat mir eine Schale Obst in die Eingangshalle gestellt; das geschieht oft und ich weiß nicht einmal, wer mein Wohltäter ist. Die Leute sind hier unglaublich freundlich. Wunderbares frisches Obst!
Wo war ich? Ach ja, ich hatte dir von unserer seltsamen „Bettszene“ geschrieben. Offenbar war es Romana sehr peinlich, dass ich den Vorhang zuziehen wollte; mir war das Gegenteil peinlich. Zum Glück tauchte einer ihrer kleinen Geschwister auf; offenbar sollten wir zum Essen hinunter kommen. Ich war fast erleichtert, ehrlich gesagt, das waren Sitten, die mein Weltbild auf den Kopf stellten,- und es sollte noch schlimmer kommen.
Wie liebevoll der Tisch gedeckt war, Blumen an jedem Platz, Kerzen. Auf den Tellern hatte jeder einen kleinen Zettel. Jeder las seinen vor; mich übersprang man großzügig. Jeden legte sich selber auf aus großen Schüsseln. Als alle etwas auf ihrem Teller hatten griff ich zur Gabel und wollte anfangen zu essen. Romana, die rechts von mir saß hielt meine Hand fest und schaute mich dringlich an. Dann vertauschte sie meinen Teller mit dem ihren und ich sah beschämt, dass alle ihre Teller mit ihrem Nachbarn tauschten. Irritiert dachte, jetzt bloß nicht noch einen faux-pas und statt zu essen wartete ich ab. Zum Glück. Denn jetzt streckten alle ihre Hände aus und berührten damit das Gesicht ihres Nachbarns. Links neben mir saß ein sehr kleines Mädchen; das kam nicht hoch bis zu meinen Gesicht, da kletterte es einfach auf den Stuhl. Nun war aber das Gesicht seines linken, auch sehr kleinen, Nachbarn zu weit unten. Die Kleine konnte nicht gleichzeitig mich und ihren Nachbarn anfassen. Alle lachten gutmütig. Der Vater sagte etwas, worauf die Kleine mit einem größeren Geschwisterchen Platz tauschte – Als endlich alle zu essen anfingen, war mir fast der Appetit vergangen. Kleinlaut schaute ich mich nach allen Seiten um, es gab aber offenbar im Moment kein neues Fettnäpfen für mich und ich aß auch. Es schmeckte wunderbar, recht fremd aber wirklich gut. Nein, es schmeckte umwerfend. Anders als bei uns gab es nicht ein großes Gericht sondern sehr viele kleine und als wir endlich bei der Nachspeise angekommen waren, konnte ich fast nicht mehr.
Der Vater saß an einem Ende des langen Tisches, die Mutter am anderen. Beide haben mich sehr beeindruckt obwohl ich ja nichts von dem verstand, was sie sprachen.
Der Vater, groß, kurze Haare, einen ebenfalls kurzen Bart, erstaunlich helle Augen, von denen ich mir irgendwie durchschaut fühlte. Ich weiß auch nicht, warum. Er hatte eine seltsame Ausstrahlung von gütiger Autorität, wenn es so was gibt. Vielleicht sollte man sagen: von einer unangestrengten Autorität. Er fragte viel, hörte zu, akzeptierte durch ein warmes Lächeln,- du siehst, ich war gleich verknallt in ihn. Die Mutter sprach weniger, streckte manchmal die Hände aus, nach der die Kinder dann glücklich schnappten, stand auch hin und wieder auf und streichelte einem der Kinder kurz übers Haar. Ich muss sagen, ich fühlte mich beeindruckt.

Nach dem Essen versuchte mir Romana die Einladung ihres Vaters zu übersetzen, dass ich in ihrem Haus als Gast übernachten solle. Sie zeigte mir mein Zimmer; es lag neben ihrem. Die Kleinen wurden von der Mutter ist Bett gebracht, ich sollte ihnen noch gute Nacht sagen („sagen“ ist gut). Sie hielten mich zutraulich an den Händen und beinahe hätte ich ihnen eine Gute-Nachtgeschichte erzählt; irgendwie, kam mir vor, erwarteten sie es sogar.
Romana nahm mich mit auf ihr Zimmer, zeigte mir Zeichnungen, offenbar von ihr selber gemacht. Sehr niedliche, begabte Skizzen von Naturszenen, auch ein paar Portraits der Geschwister, der Eltern. Als sie sich zu entkleiden begann, wurde ich wieder rot – so oft wie hier bin ich seit Jahrzehnten nicht mehr errötet – und verzog mich zurück auf mein Zimmer. Dann erwartete mich freilich noch eine Katastrophe, mit der ich nicht gerechnet hatte. Du erinnerst dich, dass ich dir geschrieben hatte, dass es hier keine Türen gab. Das galt leider auch für die Toilette. Ich fand keinen Lichtschalter,- um ihn auszuschalten und setzte mich dann mit einem Stossgebet auf die Toilette: lieber Gott, lass niemanden kommen. Es gibt keinen Gott, jetzt weiß ich es. Auf dem Korridor vor dem Bad ging die Mutter vorbei und statt diskret wegzuschauen lächelte sie mir zu. Mir blieb das Herz stehen: einen Augenblick sah es so aus, aus würde sie vor dem Bad stehenbleiben um mir irgendwas zu erklären. Vielleicht war es mein Schweißausbruch, mein verzweifeltes Gesicht; jedenfalls blieb sie nicht stehen, sondern ging weiter, wohl, um Bettwäsche in mein Zimmer zu tragen. Verzweifelt spülte ich und vertiefte mich in ein endloses Händewaschen. Die Mutter aber ging in Romanas Zimmer, beiden scherzten und ich nutzte die Gelegenheit und huschte wie ein Taschendieb in mein Zimmer.
Bald wurde es still im Haus aber ich hörte alles. Wie eine kleine Nachtmusik rauschte ein Umdrehen, ein Bettdeckenrascheln, ein wohliges Gähnen und Seufzen durch das Haus. Eine Treppe tiefer war das Schlafzimmer der Eltern; natürlich ohne Tür. Ich hörte die beiden heiter und zugewandt plaudern; mein Name fiel wiederholt,- oh je, dachte ich; was die wohl von mir halten. Dann sprachen beide zur gleichen Zeit, vielleicht ein Gebet? Bald schliefen sie. Nun hörte ich den gleichmäßigen Atem Romanas aus dem Nebenzimmer aufblühen. Ich wär’ gern zu ihr gegangen, traute mich aber nicht. Sie war so nah und doch so fern. Und diese offenen Türen, nein, die türlosen Zimmer, dazu die großen Löcher in den Wänden, es war, als würde meine Decke über mir schweben statt mich zuzudecken. Irgendwann schlief sogar ich ein. Frag mich nicht nach meinen Träumen.
Bis bald und bleib munter:
J.

Dienstag, 22. März 2011

24.
Ahnst du, was mich schließlich doch aus dem Haus gelockt hat? Natürlich: ein Weibsbild. Ich saß auf dem Balkon, am späten Nachmittag; mit einem Glas Wein. Du weißt, ich trinke um die Zeit sonst keinen Alkohol. Ein wunderbar würziger, bernsteinfarbener Weißwein hatte es mir angetan. Er war zur Begrüßung auf dem Tisch gestanden, aber ich hatte ihn einige Tage lang gar nicht beachtet. Ich hatte ihn in den Kühlschrank gestellt und dort vergessen. Mit dem saß ich im Schatten auf dem Balkon und las, als unten der Kies von Schritten knirschte. Fast leise; als ging ein Kind den Weg entlang. Ich hatte tagelang keinen Menschen gesehen oder gehört. Neugierig fuhr ich aus dem Sessel auf und beugte mich über die Brüstung. Dabei entglitt mir der Stift, den ich beim Lesen immer in der Hand halte und fiel hinunter. Um ein Haar hätte er die junge Frau getroffen, die unten ging. Sie sprang erschreckt zur Seite, blickte hoch und begann zu lachen, mehr über ihren Schreck als über mein entgeistertes Gesicht. (Oder lachte sie doch über mich?). Ich entschuldigte mich verlegen aber sie lachte immer weiter. Dann bückte sie sich und versuchte, den Stift zu mir hochzuwerfen. Ohne Erfolg. Ich streckte mich nach unten, tat, als versuchte ich, meinen Arm wachsen zu lassen und so weiter. Ein munteres Spielchen und bald lachten wir beide wie alte Bekannte.
Erhitzt setzte sie sich auf eine Bank und ich bedeutete ihr, dass ich runterkäme. Sie nickte erfreut und ich beeilte mich.
Sie wartete, bis ich vor ihr stand, dann erhob sie sich, streckte mir ihre Handflächen hin und – da ich sie nur verwundert anstarrte – hob sie auch meine Handflächen in diese Stellung und berührte sie mit ihren Händen. Dann beugte sie sich vor und küsste mich auf den Mund. Ich war sehr verwirrt, begriff aber schnell an ihrer freundlichen Unbefangenheit dass das ein hier übliches Begrüßungsritual sein musste. Ich fürchte, ich wurde ziemlich rot. Und schon lachte sie wieder. Sie war jung, sehr schön, fand ich, ganz in weiß gekleidet. Kurze braune Haare, keinen Schmuck, hatte ein wunderbar offenes Gesicht, scharf blickende Augen, einen vollen Mund. Sie wirkte seltsam, wie soll ich sagen: rein? Nein, das klingt ja fürchterlich. Jedenfalls sehr zugewandt und trotzdem ganz authentisch. Sie sprach in einem musikalischen aber harten Dialekt oder gar einer anderen Sprache zu mir. Und wieder einmal verstand ich kein Wort; immerhin soviel, dass ich sie begleiten sollte, dass sie mir was zeigen wollte?

Nach einem flotten Spaziergang von etwa einer Stunde, sie hatte mich an der Hand genommen, führte uns ein schmaler und abschüssiger Weg in ein anderes Tal hinab und da sah man eine Art Siedlung, im Kreis um einen großen Garten herum gebaut.
Du musst dir das so vorstellen: zahlreiche, hübsche Häuser mit einem üppigen Blumengarten vorm Eingang waren kreisförmig nebeneinander gestellt. Durch die Zwischenräume sah man in einen großen Garten, fast schon ein Park, auf der Rückseite. Die Häuser sahen alle gleich aus, zwei Stockwerke, sehr große Fenster, hübsche Kamine auf dem Dach, hoch und tulpenförmig; erinnerten mich sofort an Venedig. Später, als ich drin war, merkte ich auch, dass die Häuser nach hinten viel länger waren als vorn in der Breite.
Das Mädchen rief etwas, später erfuhr ich, dass sie Romana heißt, da traten ihre Eltern und wohl einige Geschwister heraus und alle begrüßten mich auf die selbe verwunderliche Weise – Hände berühren, Kuss auf den Mund – wie es Romana getan hatte. Diesmal wurde ich nicht rot aber fühlte mich doch recht seltsam. Da ich ihre Sprache nicht verstand, konnte ich nur albern nicken und lächeln. Zum Glück zogen sich die Eltern bald zurück; Romana sollte mir offenbar das Haus zeigen und die kleinen Geschwister hängten sich schnatternd und kichernd an uns ran. Da alle hier im Haus die selbe Kleidung trugen – Romana hatte sich auch rasch umgezogen – konnte man bei den Kindern nicht so ohne weiteres unterscheiden, ob es Jungs oder Mädchen waren.
Alle Zimmer das Hauses waren ungewöhnlich hell, Licht durchflutet von den sehr großen Fenstern. Seltsamerweise hatten auch die Wände große runde Fenster von einem Zimmer zum anderen. Zwar mit Glas, aber trotzdem kamen mir dadurch die Zimmer seltsam offen, unabgeschlossen vor. Türen gab es im Haus überhaupt keine; das ist mir aber erst später aufgefallen. Am Ende der Führung landeten wir in Romanas Zimmer; es passte sehr gut zu ihr, obwohl ich nicht hätte sagen können, warum. Wenig Möbel, ein Schreibtisch mit Blumen, ein Regal mit alten Büchern, keine Bilder an den Wänden. Aber ein großes Bett, ein breites Doppelbett, mit einer wunderschön bestickten Tagesdecke, stand in der Mitte des Zimmers. Romana hopste auf das Bett, räkelte sich gut gelaunt und streckte die Arme nach mir aus. Ich sollte mich dazulegen? Verwirrt schaute ich zu den Kindern, doch die machten es sich auch schon bequem auf dem Bett, sozusagen zu unseren Füssen. Und da Romana nicht aufhörte, mich mit ausgebreiteten Armen einzuladen, kroch ich zögernd und umständlich auch auf das Bett. (Natürlich wurde ich wieder rot, was die Gören offenbar bemerkten und mit Beifall und Gelächter kommentierten). Romana zog mich an sich und küsste mich, diesmal ohne das Händepatschen. Den kleinen Bettgästen schien das völlig normal; sie hatten ihr Interesse an uns verloren, auch an mir und fingen irgend ein Spiel an. Zum Glück ertönte von unten der Ruf der Mutter und alle stürmten davon.
Ich befreite mich aus Romanas Umarmung, glitt vom Bett und ging zum großen Fenster auf der Straßenseite und zog den Vorhang zu. Noch ehe ich zum Bett zurückkam, war Romana aufgesprungen, peinlich berührt, fast entsetzt zog sie den Vorhang wieder auf. Sie sah mich mit großen Augen an, fast vorwurfsvoll, wie mir schien. Dann legte sie sich wieder hin und lächelte mich erwartungsvoll an. Nun verstand ich gar nichts mehr. Ich nahm – oh entschuldige, es klopft unten an meiner Haustür, ich muss mal rasch nachschauen, wer das ist - „hold the line!“.

Donnerstag, 17. März 2011

23.
ich weiß gar nicht, ob das auf mich einströmt? Oder aus mir heraus? Ich spüre eine Bewegung in mir und sitze doch nur auf dem Balkon und schau hinaus. Vom Wald kommt baumgrün eine würzige Luft zu mir herüber, aber das ist es auch nicht. Ich kann es nicht beschreiben. Meine Unruhe, auch der nachhallende Schock verdunsten gleichsam, zugleich saugt sich mein Körper voll von einem Frieden, einer Zustimmung – ach, ich lass es. Vielleicht verstehst du mich trotzdem.
Das Haus, in dem ich nun wohne, ist nicht klein, aber schmal. Es hat zwei Stockwerke, verbunden durch eine Wendeltreppe. Im oberen schlingt sich ein Balkon wie ein Ring um das ganze Haus. Das Tischchen, der Stuhl, ein Abstellhocker, sie haben Räder, man kann sie verschieben: immer der Sonne nach, oder dem Schatten. Dabei ändert sich der Ausblick wenig. Wie ein zweiter großer Ring schließt überall ein dunkler Wald das Bühnenbild. Davor Wiesen, Bäche, ein kleiner See. Nah rings um das Haus ein Gärtchen. Obstbäume, Blumenbeete. Kräuter. Bänke, schmale Wege mit hellem Kies bestreut.
Im Haus gibt es Zimmer, die sich vor allem durch das Licht unterscheiden. Ein Raum, ich nenne ihn den Salon, ist von Licht geradezu überflutet. Tagsüber fast gleißend; am Abend scheint das Licht aus den großen Fenster hinauszurinnen, wie die Ebbe das Meer mit sich mitnimmt. Diese Fenster werden großäugig, fast vibrierend vor Helligkeit, während drinnen das Dunkle wie ein Wasserspiegel ansteigt, oder von oben herabsinkt? Diese Dämmerung wie eine Vorstellung, wie ein Konzert zu erleben ist wunderschön. Ganz gegen meine sonstige Gewohnheit muss ich nichts lesen, nichts schreiben. Nur diesen Lichtwandel erleben. Einziger Zuhörer, einziger Zuschauer von etwas Großem.
Ein anderes Zimmer, unterm Dach, ist dagegen fast dunkel. Hoch oben einige runde Fensteröffnungen. Man fühlt sich aber nicht wie in einem Verlies, eher wie in einer alten Wallfahrtskirche, vor den Zeiten der künstlichen Beleuchtung. Obwohl das Licht sich in wahren Kaskaden durch diese Luken in den Raum ergießt hat man eher den Eindruck, das seien Luken hinaus, Ferngläser,- in den Kosmos?

Ich fürchte, für deinen Geschmack bin ich heut zu schwärmerisch; vielleicht vermisst du gar meine sonstige Ironie, meine Spöttelei. Ich weiß selber nicht, wenn ich das Geschriebene noch mal durchlese, kommt es mir schon ein wenig verschwiemelt vor. Wenn ich aber den Blick vom Blatt löse und ihn wieder dem Raum und seinem Licht zuwende, kommen mir meine Worte eher noch zu dürftig vor. Du wirst es nicht glauben, seit drei Tagen bin ich nun hier und habe das Haus kaum verlassen; manchmal ein paar Schritte im Garten, aber schon zieht es mich wieder zurück in die Räume oder auf den Balkon. Auf dem Dach ist übrigens eine Art Altane, da hab ich einmal eine Nacht geschlafen; unter dem nackten Himmel. Anfangs mit Unbehagen, als wär’ ich nicht zudeckt, weil der Raum über mir so endlos erschien. Je dunkler es wurde – und es war eine sternklare Nacht – um so ruhiger fühlte ich mich. Ganz früh hat mich aber die Kälte aufgeweckt, die durch meine Decken sickerte. Da bin ich drunten in mein weiches Bett gekrochen. Ehe ich wieder einschlief, ich hatte die Augen geschlossen, sah ich die zahllosen Sterne über mir. Was sagst du? Seltsame Dinge gehen hier vor.
J.