Das Uferheft Nr. 6
(„ZUNGE“)
führt zwei Verwandlungen vor. In „Zunge“ wirft eine winzige
körperliche Begegnung am Rande eines Festes den Mann unvermutet aus dem
Gleichgewicht. In „Hortensie“ wächst die Verwandlung in pflanzenhafter
Langsamkeit, mit ihr die Gewissheit einer künftigen Einsamkeit. Ein Schicksal,
das freilich auch dem Mann aus der „Zunge“ nicht erspart wird.
Hier zwei Leseproben:
Zunge:
(..... ) Er wollte sich gerade schon wieder abwenden, da beugte sich die
Frau vor, und ohne ihren freundlich zurückhaltenden Gesichtsausdruck zu
verändern, leckte sie ihm blitzschnell mit der Zunge über sein linkes Auge.
Entsetzt zuckte er zurück, sein verblüffter Aufschrei ging aber in der
lärmenden Musik, die aus dem Fernseher dröhnte, unter. Er starrte die Frau
ungläubig an. Sie verzog keine Miene und schickte sich auch bereits an, sich
anderen zuzuwenden und bald war sie in einem entfernteren Raum verschwunden.....
Hortensie
(..... ) Leider begannen
nun auch seine üppigen, in der Mitte über der Nase zusammen gewachsenen
Augenbrauen bläulich zu schimmern. Sie wurden blumenbauschig, ein schmales,
sicheliges Hortensienfeld.
Er erinnerte sich, dass seine Freundin sich zuweilen einige Augenbrauen
mit einer Pinzette auszupfte, um die Architektur ihres Gesichts zu bereinigen.
Er fand die Pinzette, versuchte es. Aber nicht nur der Schmerz ließ ihn das
Werk gleich wieder abbrechen. Wo er eine Blüte ausrupfte, sprossen sogleich zwei
neue nach, bildeten einen albernen Hubbel in der Linie seiner blühenden Brauen....
........
Das Heft, wie üblich mit Collagen geschmückt, erscheint in
einer limitierten Auflage von 33 Stück, dazu eine Auflage von 7 Stück mit
jeweils einer Originalcollage.
Einzelheft: 12.- (im Abo 10.-); die Künstlerausgabe: 75.-
(Abo: 55.-)
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