Samstag, 12. Februar 2011
Freitag, 11. Februar 2011
Mein lieber Tintenfisch
Ich habe mir einen Tintenfisch gezähmt; ich fürchte, er denkt dasselbe von mir. Obwohl es mir klar war: ein Tintenfisch, das ist kein Hundchen. Das Ausmaß der Schwierigkeiten hat mich trotzdem kalt erwischt. Und um ehrlich zu sein: noch ist nicht endgültig entschieden, wer der Herr ist und wer der Diener. Nüchtern, wie ich nun mal bin, erkannte ich rasch den Kern des Problems: ich brauche ihn, er mich aber nicht. So gut wie gar nicht, naja - jedenfalls kaum. Falls Sie dieses mein Schreiben überhaupt je erreicht: ich bin verschollen. Schifffahrt und Schiffbruch und einsame Insel. Und alles verloren, vor allem mein Schreibzeug, vor allem die Tinte. Manch ein Neunmalkluger, ich hör ihn schon feixen, wird mir gleich mit dem Ratschlag daherkommen: schreib doch mit Blut. Ich müsste nicht antworten, tu’s aber trotzdem: ringsum kreisen Haifische, hungriger als ich. Und ich fische mir Kleinzeug zur Nahrung mit den eigenen, unbewaffneten Händen. Capito?
Was ich besitze: mein Schiffsticket (Rückseite leer), ein verschliessbares Fläschchen (war Mundwasser drin, gegen liebesverhindernden Mundgeruch). Es gibt reichlich Kaktusstauden am Ufer: an einer nadligen Schreibfeder fehlt es mir nicht. Nur eben an Tinte. Ich will Sie jetzt nicht mit der Topografie meiner Insel belasten, zumal auch der Schreibplatz auf meinem „Briefpapier“ entsprechend begrenzt ist. Wenn Sie mich retten, werden Sie selber ja sehen, wie hübsch es im Grunde hier wäre.
Auf der Nachmittagssüdseite gibt es ein Buchtchen; wünschenswert weiss glänzt der Sandstrand, die Brandung ist mässig, das blaue Wasser ist rätsellos durchsichtig hinab bis zum Grund. So war es nicht schwer für mich, ihn zu entdecken. Behäbig und neuerungsscheu, er ist wohl schon älter, verwirft er den Ortswechsel, entfernt er sich wenig von seinem Stammplatz. Sei’s, dass er mich nicht ernst nimmt, oder ist er schon kurzsichtig? Er flieht nicht, wenn ich zu ihm hinwate.
Meine ersten Versuche, ihn gewogen zu stimmen, waren unsinnig; wer weiß schon auf Anhieb, was ein Tintenfisch frisst? Die mit blutigen Fingerkuppen von mir ausgebuddelten Würmer ließ er verächtlich an sich vorbeizappeln, meerwärts. Ich fasse mich kurz; auf dem Wege von Füttern kamen wir uns einfach nicht näher, er hat, was er braucht und mein Zubrot, definitly, das braucht er nicht. Vielleicht wollte er spielen? Ein bisschen einsam? Schwer zu sagen, was ein betagter Tintenfisch fühlt. Ohne Zweifel hat er Scharfsinn, vielleicht gar Sinn für Humor? Man sollte sich mehr dem Tintenfisch zuwenden als hysterischen Delphinen mit ihrem Stimmbruchgefiepe. Auch hier kürze ich ab: wir wurden ein Paar. Eingespielt aufeinander im Begehren und Necken, im Belohnen und machtseligem Hängenlassen, ja in purer Verweigerung. Er erkennt mich an meinen watenden Schritten (siehe die Andeutung oben zur Tintenfischintelligenz), kommt mir zutraulich entgegen als wüsste er selber, dass mich jeder Schritt weiter hinaus in die Reichweite der Haifische brächte. Unerklärlich bald hatte er erkannt, dass ich es auf seine Tinte (und auf sonst gar nichts) abgesehen hatte. Sorgsam bedacht ihn nicht zu verscheuchen nähere ich meine Hand mit dem offenen Fläschchen. Er umkreist sie, rammt sie, nein, sein Antupfen ist eher zärtlich. Schon schöpfe ich Hoffnung, da schnellt er herum, die Biester sind unglaublich wendig, und pumpt einen riesigen Tintenschwall in das Meer,- in die andere Richtung. Auch hier will ich abkürzen; ich hab noch kein Tröpfchen im Glas. Zuweilen, dieses Detail ist mir nun fast ein wenig zu peinlich, hin und wieder also, schmiegt er sich nasskalt und hautweich an meine Hand, die das Fläschchen so flehentlich hinhält. Und ergießt sich mit Inbrunst in meine Hand. Sie wird, auch nach meiner Rettung, bestimmt noch jahrelang den Braunton nicht loswerden.
Wie lang wird er sich noch verweigern? Will er meine Anhänglichkeit prüfen, gar steigern? Ich mag ihn, aber zuweilen, wenn ich, wieder erfolglos, am Strand sitze, die tintengegerbte Hand auf mein Knie lege, elegisch hinausblicke ins endlose Blau, ja, dann hasse ich ihn mit erschreckendem Feuer.
Heute hat er’s mir endlich geschenkt: im Fläschchen ist Tinte, ich schreibe damit: ich bitte um Rettung, womöglich schon bald.
Was ich besitze: mein Schiffsticket (Rückseite leer), ein verschliessbares Fläschchen (war Mundwasser drin, gegen liebesverhindernden Mundgeruch). Es gibt reichlich Kaktusstauden am Ufer: an einer nadligen Schreibfeder fehlt es mir nicht. Nur eben an Tinte. Ich will Sie jetzt nicht mit der Topografie meiner Insel belasten, zumal auch der Schreibplatz auf meinem „Briefpapier“ entsprechend begrenzt ist. Wenn Sie mich retten, werden Sie selber ja sehen, wie hübsch es im Grunde hier wäre.
Auf der Nachmittagssüdseite gibt es ein Buchtchen; wünschenswert weiss glänzt der Sandstrand, die Brandung ist mässig, das blaue Wasser ist rätsellos durchsichtig hinab bis zum Grund. So war es nicht schwer für mich, ihn zu entdecken. Behäbig und neuerungsscheu, er ist wohl schon älter, verwirft er den Ortswechsel, entfernt er sich wenig von seinem Stammplatz. Sei’s, dass er mich nicht ernst nimmt, oder ist er schon kurzsichtig? Er flieht nicht, wenn ich zu ihm hinwate.
Meine ersten Versuche, ihn gewogen zu stimmen, waren unsinnig; wer weiß schon auf Anhieb, was ein Tintenfisch frisst? Die mit blutigen Fingerkuppen von mir ausgebuddelten Würmer ließ er verächtlich an sich vorbeizappeln, meerwärts. Ich fasse mich kurz; auf dem Wege von Füttern kamen wir uns einfach nicht näher, er hat, was er braucht und mein Zubrot, definitly, das braucht er nicht. Vielleicht wollte er spielen? Ein bisschen einsam? Schwer zu sagen, was ein betagter Tintenfisch fühlt. Ohne Zweifel hat er Scharfsinn, vielleicht gar Sinn für Humor? Man sollte sich mehr dem Tintenfisch zuwenden als hysterischen Delphinen mit ihrem Stimmbruchgefiepe. Auch hier kürze ich ab: wir wurden ein Paar. Eingespielt aufeinander im Begehren und Necken, im Belohnen und machtseligem Hängenlassen, ja in purer Verweigerung. Er erkennt mich an meinen watenden Schritten (siehe die Andeutung oben zur Tintenfischintelligenz), kommt mir zutraulich entgegen als wüsste er selber, dass mich jeder Schritt weiter hinaus in die Reichweite der Haifische brächte. Unerklärlich bald hatte er erkannt, dass ich es auf seine Tinte (und auf sonst gar nichts) abgesehen hatte. Sorgsam bedacht ihn nicht zu verscheuchen nähere ich meine Hand mit dem offenen Fläschchen. Er umkreist sie, rammt sie, nein, sein Antupfen ist eher zärtlich. Schon schöpfe ich Hoffnung, da schnellt er herum, die Biester sind unglaublich wendig, und pumpt einen riesigen Tintenschwall in das Meer,- in die andere Richtung. Auch hier will ich abkürzen; ich hab noch kein Tröpfchen im Glas. Zuweilen, dieses Detail ist mir nun fast ein wenig zu peinlich, hin und wieder also, schmiegt er sich nasskalt und hautweich an meine Hand, die das Fläschchen so flehentlich hinhält. Und ergießt sich mit Inbrunst in meine Hand. Sie wird, auch nach meiner Rettung, bestimmt noch jahrelang den Braunton nicht loswerden.
Wie lang wird er sich noch verweigern? Will er meine Anhänglichkeit prüfen, gar steigern? Ich mag ihn, aber zuweilen, wenn ich, wieder erfolglos, am Strand sitze, die tintengegerbte Hand auf mein Knie lege, elegisch hinausblicke ins endlose Blau, ja, dann hasse ich ihn mit erschreckendem Feuer.
Heute hat er’s mir endlich geschenkt: im Fläschchen ist Tinte, ich schreibe damit: ich bitte um Rettung, womöglich schon bald.
Montag, 7. Februar 2011
uhrenzucken
Ist einer von Natur aus gefügig, kann ihn das Ticken der Uhr leicht in die Knie zwingen. Lange hat er’s geschafft, sie zu überhören, das verdankt er andren Geräuschen, die er undankbarerweise verflucht. Das Fauchen des Autoverkehrs vor dem Fenster zum Beispiel. Übrigens als Geräusch durchaus rein, wohltuend unsichtbar. Ein beharrliches Kommen und Gehen, von dahier nach dorthin. Dergleichen betont freilich das eigene Festgenageltsein; wer mag sich daran erinnern lassen?
Auch das Zischen der Heizung kann wie ein herrschsüchtiger Pascha alles andere zum Schweigen verdammen. Doch nicht lange, denn für das kleine Zimmerchen wird die voll aufgedrehte Heizung rasch zu heiß. Wieder zugedreht, erstirbt das blasende Strömen der Heizung, schickt noch einige Knacktöne nach, dann ist es vorbei.
Schonungslos rückt nun die Stille des entleerten Hauses heran. Keine Stimmen im Korridor, kein Telefonfiepen, kein Mädchengelächter. Kein Schritt, keine Tür. Die dumpfe Fermate des Garnichts. Und nun, als wär’ es das Vorspiel für die Arie einer Diva, erhebt sich, nein schmiegt sich, nein schält sich ein boshaftes Solo aus der matten Stille heraus. Wie bei leise sprechenden Menschen unser Ohr alles vergrößert, Banales aufbauscht, Dünnes verhärtet, so scheint auch hier das gedämpfte Ticken im Lauschen zu wachsen. Es quillt auf. Trippelt mit rhythmischen Schritten vor an die Rampe. Aber da tickt doch nur ein ganz kleiner Wecker?! Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine (Ach, nicht nur am Fuße der Moldau).
NooochNicht! Oder: Zuuuugleich. Immer ist der erste Ton ein Zögern, der zweite widerruft dies mit gesteigerter Schärfe, kompromissloser Definitivität. Der erste Ton nur als Vorsilbe, „ge-“, der zweite als das finite Verb: „tan!“ ge-tan, ge-sehn, Ge-bet, Ge-fecht, geh-weg, geh-weg, es ist - zu spät.... Ich spüre im Ticken den Sensenschlag des Tods von Altötting, der den gleichen Schritt und Tritt der Soldaten imitiert. Pardon wird nicht gegeben.
Noch klingt alles katzenpfötig verhalten. Es ist kein randscharfer Trommelschlag, überhaupt kein Schlagen, eher leicht ausgefranst, wunderlich vielstimmig, vor allem im Auftakt. Dünn wie das Aufstampfen winziger Strohhalme. Der Aufmarsch von stählernen Schreibfedern.
Wie lange kann es sich mein Herz leisten, in Synkope zu diesem Kommando zu schlagen? Das ist ein Duell: er oder ich! Noch ist mein Herzschlag langsamer, hinkt hinterher, bald wird er hektisch, rennt, stolpert voran, um dem Taktgebermaßstab zu genügen, und dann schießt er weit übers Ziel hinaus. Ich hab mich verlaufen. Atemlos, herzklopfenbang.
Auch das Zischen der Heizung kann wie ein herrschsüchtiger Pascha alles andere zum Schweigen verdammen. Doch nicht lange, denn für das kleine Zimmerchen wird die voll aufgedrehte Heizung rasch zu heiß. Wieder zugedreht, erstirbt das blasende Strömen der Heizung, schickt noch einige Knacktöne nach, dann ist es vorbei.
Schonungslos rückt nun die Stille des entleerten Hauses heran. Keine Stimmen im Korridor, kein Telefonfiepen, kein Mädchengelächter. Kein Schritt, keine Tür. Die dumpfe Fermate des Garnichts. Und nun, als wär’ es das Vorspiel für die Arie einer Diva, erhebt sich, nein schmiegt sich, nein schält sich ein boshaftes Solo aus der matten Stille heraus. Wie bei leise sprechenden Menschen unser Ohr alles vergrößert, Banales aufbauscht, Dünnes verhärtet, so scheint auch hier das gedämpfte Ticken im Lauschen zu wachsen. Es quillt auf. Trippelt mit rhythmischen Schritten vor an die Rampe. Aber da tickt doch nur ein ganz kleiner Wecker?! Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine (Ach, nicht nur am Fuße der Moldau).
NooochNicht! Oder: Zuuuugleich. Immer ist der erste Ton ein Zögern, der zweite widerruft dies mit gesteigerter Schärfe, kompromissloser Definitivität. Der erste Ton nur als Vorsilbe, „ge-“, der zweite als das finite Verb: „tan!“ ge-tan, ge-sehn, Ge-bet, Ge-fecht, geh-weg, geh-weg, es ist - zu spät.... Ich spüre im Ticken den Sensenschlag des Tods von Altötting, der den gleichen Schritt und Tritt der Soldaten imitiert. Pardon wird nicht gegeben.
Noch klingt alles katzenpfötig verhalten. Es ist kein randscharfer Trommelschlag, überhaupt kein Schlagen, eher leicht ausgefranst, wunderlich vielstimmig, vor allem im Auftakt. Dünn wie das Aufstampfen winziger Strohhalme. Der Aufmarsch von stählernen Schreibfedern.
Wie lange kann es sich mein Herz leisten, in Synkope zu diesem Kommando zu schlagen? Das ist ein Duell: er oder ich! Noch ist mein Herzschlag langsamer, hinkt hinterher, bald wird er hektisch, rennt, stolpert voran, um dem Taktgebermaßstab zu genügen, und dann schießt er weit übers Ziel hinaus. Ich hab mich verlaufen. Atemlos, herzklopfenbang.
Montag, 31. Januar 2011
Der Luftbeschneider
Seit ich gelernt habe, die Luft zu schneiden, wie einer mit der flachen Hand durchs Wasser sichelt und die feuchte Wunde schließt sich nicht mehr, glasig weich klafft der Spalt nun, nutze ich meinen Vorzug. Morgens bleib’ ich noch tatenlos, dulde den Druck des fühllosen Tages, der mich mit seinem ungenauen Licht niederdrückt, mit seiner Gleichgültigkeit verhöhnt. Erst wenn die Dämmerung zu schwingen beginnt, die kühlere Luft mich zum Aufatmen einlädt, setze ich mich zur Wehr gegen die Banalität.
Nicht zu früh gehandelt, nicht zu lange gezaudert, sonst steigen die Nebel der Mutlosigkeit. Der Schlag hinein in sie ist wie in Harz. Da verfilzt sich schnell die Hand zur Mücke im Bernstein. Fahrig sieht man das Wischen des Handschlags noch, wie es Schwung nahm, sich sicher wähnte und dann doch feststeckt. Wie Moses die Schneise durchs rote Meer reißen, mit einem Stockhieb, so muss der Schlag sitzen. Heiter lege ich Spuren ins Gläserne, kratze meine Namen und meine luftigen Wünsche in den Wind. Schaffe kristallene Hütten, übermütig auch Schlote, aus denen mein Tagesverdruss in Hieroglyphen davonfliegt. Alle fünf platonische Figuren umreiße ich, handschriftlich vibrierend. Nein, doch nicht alle: das Pentagondodekaeder überspring ich; ich bin nicht pedantisch. Wie der Dichter das Wasser so balle ich nun die Luft zur schönern Gestalt. Bin ich nicht reich und vor allen begünstigt?
(aus: Schreibkram, Uferheft Nr. 14)
Seit ich gelernt habe, die Luft zu schneiden, wie einer mit der flachen Hand durchs Wasser sichelt und die feuchte Wunde schließt sich nicht mehr, glasig weich klafft der Spalt nun, nutze ich meinen Vorzug. Morgens bleib’ ich noch tatenlos, dulde den Druck des fühllosen Tages, der mich mit seinem ungenauen Licht niederdrückt, mit seiner Gleichgültigkeit verhöhnt. Erst wenn die Dämmerung zu schwingen beginnt, die kühlere Luft mich zum Aufatmen einlädt, setze ich mich zur Wehr gegen die Banalität.
Nicht zu früh gehandelt, nicht zu lange gezaudert, sonst steigen die Nebel der Mutlosigkeit. Der Schlag hinein in sie ist wie in Harz. Da verfilzt sich schnell die Hand zur Mücke im Bernstein. Fahrig sieht man das Wischen des Handschlags noch, wie es Schwung nahm, sich sicher wähnte und dann doch feststeckt. Wie Moses die Schneise durchs rote Meer reißen, mit einem Stockhieb, so muss der Schlag sitzen. Heiter lege ich Spuren ins Gläserne, kratze meine Namen und meine luftigen Wünsche in den Wind. Schaffe kristallene Hütten, übermütig auch Schlote, aus denen mein Tagesverdruss in Hieroglyphen davonfliegt. Alle fünf platonische Figuren umreiße ich, handschriftlich vibrierend. Nein, doch nicht alle: das Pentagondodekaeder überspring ich; ich bin nicht pedantisch. Wie der Dichter das Wasser so balle ich nun die Luft zur schönern Gestalt. Bin ich nicht reich und vor allen begünstigt?
(aus: Schreibkram, Uferheft Nr. 14)
Samstag, 29. Januar 2011
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