Freitag, 8. Juni 2012
Donnerstag, 7. Juni 2012
Nachtflugschreiber 6: Meuterei
Selten
ist – schreibt er – unsereins hilfloser als wenn die täglichen Hilfsmittel
versagen, die technisch hochgerüsteten. Ein Tintenstrahldrucker ist kein
Gänsekiel, den man nachspitzen kann, keine eingetrocknete Tinte, die man
nachfüllen kann, eh’ vermag heut keiner mehr sich seine Tinte selber zu
mischen. Ich sitze vor einem Wunderwerk, ausgeklügeltes Ergebnis langer
Erfindungen, scharfsinniger Verbesserungen, die äußere Kleinheit des Geräts täuscht
über seine innere Größe hinweg. Was in ihm vorgeht ist mir verborgen,
verschlossen für alle Zeit. Das ist kein Fahrrad, dem man mit einigen Schrauben
und Muttern auf die Schliche käme. Solche Geräte kann man bestenfalls nutzen,
nicht verstehen. Selbst die vollständige mögliche Nutzung bleibt mir
verschlossen; im Kampf mit der Gebrauchsanweisung hab ich vorschnell klein bei
gegeben.
Der
„analoge“ Schreiber hat Papier, Tinte und seine Feder. Was hinzukommt, ist
seine Handschrift und eben sein Geist. Das zählt hier nicht. Von diesem
technischen Schreib-&Malgerät weiß ich sowenig, als wüsste ich von einem
Buch nur, dass man es aufschlagen, umblättern, zuschlagen kann. Diese Maschine
nimmt mir soviel ab,- im doppelten Sinne; wenn sie es einmal nicht tut, bin ich
verloren. Wut, Scham, Enttäuschung, über mich selber. Hass auf die unschuldige
Maschine, die mich plötzlich zum Analphabeten degradiert.
Mittwoch, 6. Juni 2012
Nachtflugschreiber 5: Geklautes Auto,- geklautes Leben
Mit
großen Augen – schreibt er - folge ich dem Sog auf der Rennbahn der 250 Seiten,
höchst amüsiert über den artistisch getroffenen Jugendjargon, neidisch über das
erzählerische Feuerwerk. (Herrndorf, „Tschick“) Am Ende klapp ich das Buch zu
und bin kleinlaut; unzufrieden mit meinem Leben, dem jetztigen, aber auch dem von
früher. Natürlich weiß ich und hier ist es mir deutlicher als kaum je geworden:
das Leben und die Erzählung von ihm sind durchaus nicht dasselbe, wie linker
und rechter Schuh kann man sie niemals vertauschen. Und ich weiß bei der
fulminanten Schlussszene: die Alkimutter schmeisst ihren ganzen Bürgerplunder in
den Swimmingpool, der verzagte Taugenichtssohn, eben von einem Wahnsinnstrip
wieder heimgekehrt hilft mit. Und sie springen beide hinterher. Aber sie
bleiben unter Wasser nur solange, bis die Titel des Abspanns darüber
hinweggeflimmert sind. Dann werden sie prustend wieder auftauchen und nun geht
das Leben weiter, so öde wie vorher. Das wirkliche Leben.
Bin
ich Spielverderber, - schreibt er – wenn ich mein Lesevergnügen in diese
Moralsauce tunken, dass Leben und Literatur nur sehr entfernte Verwandte sind?
Kindern, die beim Menschärgredichnicht heulen ermahnt man: Ist doch nur ein
Spiel. Als Erwachsner sollte man links und rechts nicht mehr verwechseln. Aber
wie viel Verführung weht uns aus guten Texten an, sie für bare Münze zu nehmen,
für eine Währung, die auch im eigenen Leben was gilt. Spricht es für das jugendstrotzende
Buch oder gegen den alten Mann, dass so ein rasantes, sich überkugelndes roadmovie
einen auf den Gedanken bringt, sein eigenes Reisen, früher, gar jetzt, auf den
Prüfstand zu hieven? Wie glatt, wie flurbereinigt sind –schreibt er - meine
Reisen nach Venedig zB, und Venedig, das ist immerhin schon was.
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