Die
Nacht – schreibt er – ziehe ich in einem Netz hinter mir her, das immer
schwerer wird. Ein Fang der seltsamsten Geschehnisse und Geschöpfe, ich darein
verwickelt, ohne dass ich es verstünde. Am Morgen trete ich, nein taumle ich –
schreibt er – oft schwer atmend und noch in mich verhakt durch eine schmale Tür
ins windigkühle Freie hinaus. Mit Anstrengung versuche ich das Netz mit hinaus
ins Licht zu ziehen. Da drückt sich die Tür hinter mir zu, zerreißt den Faden,
an dem alles hing und trennt mich auf schmerzliche Weise von all meinem
vielversprechenden Nachtfang. Betrübt über meinen Verlust – schreibt er –
presse ich, beutelos, mein Ohr an die Tür, die nur von innen zu öffnen ist. Ich
höre nichts. Oder ist das spöttische Gelächter, sich entfernende Schritte,
erbleichende Farben auf mich gemünzt? Traumgesindel. Es nistet ohne meine
Erlaubnis in mir. Oder bin ich sein Untermieter? Es hat Flügel, entkommt fast
immer. Jeden Morgen fühle ich mich neu verarmt.
Dienstag, 5. Juni 2012
Montag, 4. Juni 2012
Nachtflugschreiber 3: Karussell
Soll
man’s bestaunen, - schreibt er -, beneiden oder mürrisch verbieten? In der U-bahn,
eine Mutter, zwei kleine Kinder. Alle drei stehen im Eingangsbereich, die Jungs
aber nutzen die Haltestange zum Kreisverkehr. Das machen Kinder gern, meist
werden sie nach der ersten Runde von ihren Müttern abgebremst; real am
ausgestreckten Arm oder mit giftigen Worten. Diese Mutter hält sich raus. Um so
rasender treiben’s die Beiden. Die Erwachsenen, die Alten vor allem, schauen
geduldig verdrossen weg. Das Kreischen der Beiden wird lauter. Es kommt, was zu
erwarten war: einer der Beiden tut sich weh, aber der Größere jagt ihn weiter
im Kreis. Da sagt die Mutter nur sachlich zu ihm: „Du musst ihm sagen, dass du
nicht mehr möchtest“. Doch der Taumel geht weiter. Eine alte Frau steigert das
Stirnrunzeln zum Kopfschütteln, was sie murmelt kann man nicht verstehen, aber
sich vorstellen. Wie schnell – schreibt er – hätte meine Mutter mir eine
geklatscht. Weil damals andere Zeiten waren und ich im Alter dieser zwei
Kleinen mit meiner Mutter in den Luftschutzkeller gehetzt bin? Ach nein –
schreibt er – das ist noch nicht der Kern: das Orgiastische ist es, was, je
nach Mentalität bei den gezwungenen Zuschauern, Neid, Peinlichkeit, Hass
auslöst. Die zwei stürmen voran, von der Fliehkraft der Kreisbewegung zugleich
gehalten und weitergeschleudert. Hemmungslos leben sie ihren Rausch aus,- wenn
nicht auch ein wenig eitle oder ärgernde Inszenierung für das Publikum ringsum
dabei ist. Ihr Schreien ist Lustschrei, ihr Taumeln ist Auflösung. Das „geht
nicht“, so hemmungslos, vor aller Augen.
Sonntag, 3. Juni 2012
Nachtflugschreiber 2: Wie laut ist die Stille?
Draußen
auf dem Land – schreibt er – wenn ein Auto kommt, brummt es sich fett und
rechthaberisch ein Loch in die weiche Stille, nein kein Loch, einen Klumpen; knotig, vibrierend. Dann hält das
Auto an – schreibt er -, der Motor
wird ausgeschaltet, das Geräusch schnurrt zusammen, verröchelt, verlöscht. Und
schon, wie nach einem Messerschnitt durch das Wasser, schließt sich die Stille
wieder, ist randlos, verliert sich im Horizont des Unhörbaren. Es bleibt – schreibt
er - keine Wunde im Ohr zurück.
Samstag, 2. Juni 2012
Nachtflugschreiber 1: Mückenschlaflosigkeit
Das
war – schreibt er – wieder eine dieser Quälnächte; der Schlaf versiegelt,
uneindringbare Lederwand, kein Schlupfloch für mich. Das Herz – schreibt er –
stampfend, nein: hochtourig voranstolpernd. Vogelkäfigflattern, bald bist du
flügellahm. Das anschwellende Mückendröhnen, Stuka, sagte mein Vater. Nicht
weniger bedrohlich das Verstummen: jetzt also gelandet, auf mir. Ich rede mir
gut zu – schreibt er - : soll sie doch stechen. Aber die Panik schlägt
blindlings zu, trifft den eigenen Leib. Und bald schon schwillt der Ton: erneuerter
Angriff. Im Liegen – schreibt er – stehe ich steif aufgerichtet; wie der
Tennisspieler bin ich ganz Lauern auf den anrasenden Ball. Unsichtbar kommt er von
hinten.
Freitag, 1. Juni 2012
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